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stille finden, neue kraft aus der stille, der stille weg, einkehr in die heilende stille oder auch besinnen sie sich auf ruhe und stille – finden sie ihre mitte. in seminaren, meditationskursen und büchern werden die suche und sehnsucht nach stille groß angepriesen. leider steht in unserer gesellschaft aber immer mehr die angst vor der stille im mittelpunkt.

wann haben sie eigentlich das letzte mal jugendliche gesehen ohne stöpsel im oder ohne handy am ohr? selbst wenn ich an meinen alltag denke, finde ich kaum momente, in denen es stille gibt. fast immer läuft irgendwo ein radio, ist der fernseher eingeschaltet! was ich mich dabei meist frage: „sind wir selbst schuld an dieser andauernden lärmkulisse? vermeiden wir es bewusst, uns mit stille zu befassen?“ wahrscheinlich, ja! wir sind ruhige momente einfach nicht mehr gewohnt. sobald stille eintritt, wird einem gewissermaßen bang ... es tritt jener augenblick ein, in dem wir uns mit uns selbst auseinandersetzen müssen. die eigenen gedanken nehmen ihren lauf und finden in uns gehör, weil sie nicht von musik-sounds übertönt werden. vielleicht sollten wir, und das schließt auch mich ein, der stille eine chance geben. vielleicht ist sie ja gar nicht so schlimm. aber wo finden wir sie, die absolute stille?

liebhaber der hitze können einfach in die unendlichen weiten der wüste fahren. wer es lieber kühl mag, kann sich aufmachen zum rauen nordkap. an beiden orten werden sie garantiert von nichts und niemanden gestört oder abgelenkt. an diesen punkten der erde können sie sich ganz auf die stille und ihr innerstes konzentrieren. aber wir müssen gar nicht so weit reisen. die stille gibt es sozusagen auch vor der eigenen haustüre. also, einmal schnell auf die stopp-taste des mp3-players gedrückt, das handy ausgeschaltet und beispielsweise hinein in die nächste kirche. dabei muss nicht gleich der nächste gottesdienst besucht werden, kirchen sind bekanntlich stätten der stille, der ruhe und zurückgezogenheit. die kirchen sind die letzten wirklich stillen orte der städte, die meisten kirchen jedenfalls. vom mailänder dom, dem petersdom in rom und auch dem stephansdom in wien würde ich jedoch eher abraten, weil dort „leider“ nicht mehr von (spirituellen) orten der ruhe sondern viel mehr von turbulenten touristenattraktionen die rede ist! fotoknipsende japanische gruppen und schreiende familien sind wohl kaum das ideale umfeld, um die angst vor der stille zu überwinden.

was möglicherweise noch gegen so manche (große) kirche als scheinbares therapiezentrum spricht, hat die philosophin gabriele roth einmal so umschrieben: sie führt die angst der menschen vor stille auf die vorstellung ihres eigenen grabes, ihres eigenen todes zurück und die symbolik der kirche bringt diese todesangst wohl eher näher. aber lauert in der stille wirklich der tod? steckt in der stille vielleicht nicht doch sogar das leben? wir können jeden atemzug in uns vernehmen, wenn wir ganz genau hinhören, vielleicht sogar unseren herzschlag. und wenn wir in der stille zeichen finden, dass wir leben, kann sie dann wirklich so unheimlich sein, dass wir angst davor haben müssen?

patrick taschler
pool journal