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silence – unfortunately not
man muss kein eremit sein, um gefallen an der stille zu finden – es reicht schon der ganz normale alltagswahnsinn eines autoradios, um sehnsucht nach echter stille zu wecken.

seit einer denkwürdigen autofahrt vor einigen jahren bin ich ein bisschen abergläubisch – und einem echten elend ausgesetzt. frohen mutes fuhr ich auf die autobahnauffahrt zu, bis mir die stille im wagen zu lästig wurde. ich schaltete das radio an „düdldü, düdlü“ - verkehrsfunk. eine geisterfahrermeldung. am helllichten tag hatte sich jemand exakt auf den abschnitt der autobahn verirrt, den ich gerade nehmen wollte. ein kurzes zögern und ein schnelles lenkmanöver später war ich zurück auf der bundesstraße, die ich gerade gen autobahn verlassen wollte. ich war spät dran und ärgerte mich eben noch über den umweg, den ich jetzt nehmen musste, als ich wieder unter der autobahn durchfuhr. das nervöse blinken der blaulichter von rettung und polizei machte mir klar, dass hier ein unfall passiert war. und wenig später wurde auch der belanglose popsong, der gerade lief, unterbrochen für ein weiteres „düdldü, düdldü“. „sperre auf der a1, der westautobahn, nach einem unfall mit einem geisterfahrer.“

selbstverständlich kann ich bis heute nicht sagen, ob es ausgerechnet mich erwischt hätte, wenn ich nicht genau in besagtem moment das radio angestellt hätte. aber die erleichterung, gar nicht in die gefährliche situation gekommen zu sein, war groß – und eigentlich wäre es ein moment gewesen, an dem ich am liebsten inne gehalten hätte um dieser mischung aus schrecken und dankbarkeit platz zu geben. doch dafür hatte mein radio keine zeit: noch schnell ein bisschen happy-sound, dann werbung, dann nachrichten. erfasst von meinem aberglauben machte ich lange zeit das radio nicht mehr aus. und ließ mich auf jeder reise begleiten von dem klangteppich, den ein radio nun mal so verbreitet. „current hit radio“ war mein ständiger begleiter während einer autofahrt. kam ich in ein gebiet, in dem der sender mit den verkehrsnachrichten nicht funktionierte (und das passierte angesichts meiner desolaten antenne oft), suchte ich schnell nach einem anderen lärm-sender, der mich über das neueste aus dem verkehr auf dem laufenden hielt. und weil ich daneben noch von dem pech verfolgt war, bei jeder autofahrt mindestens einmal von christina aguilera oder einer dieser anderen synthetischen pop-gören beschallt zu werden, entfernte sich mein rechter zeigefinger nur noch selten von den zahlreichen knöpfen meines autoradios, von denen ich nur zwei benütze: sendersuchlauf vor und sendersuchlauf zurück. (für alle die, die jemals versucht haben, mich unterwegs zu erreichen: eine hand am lenkrad, eine am autoradio – soll ich denn etwa mit den füßen telefonieren?).

mein neues auto machte das leiden besser – denn drei wochen lang war es mit einer leistungsstarken antenne ausgestattet. bis irgendein witzbold in nächtlicher trunkenheit das ding abbrach. seither ist mein rechter zeigefinger wieder im dauereinsatz. und ich geräusch-mäßig wieder irgendwo zwischen weltraumrauschen, happy-sound, radiowerbung und verkehrsfunk. aber was soll es: die sicherheit im straßenverkehr geht vor. für alle, die mir jetzt ein rds-radio empfehlen wollen: ich hab eins. ich weiß auch, dass ich cds mit toller musik hören könnte – aber ich misstraue dieser technik. denn die funktioniert ja bekanntermaßen nur, wenn der sender, der sich bei verkehrsfunk einschalten sollte, empfangen werden kann. und diesen komfort genieße ich nur in völlig planer landschaft und bei schönwetter. also: rrrrrrrrrrrrrccccccccccccccccccccccccccchhhhhhh, düdeldü, christina aguilera und radiowerbung. ja, es macht mich krank. keine frage. aber die kultursender scheren sich nun mal einen dreck um die geisterfahrer dieser welt. und jedes mal, wenn ich nach einer längeren fahrt aus dem auto steige, lechze ich nur noch nach einem: ruhe und stille in reinkultur. denn das, was man heute unter radio (mit verkehrsfunk) versteht, ist für mich eigentlich nur noch lärm. (selbst wenn man es rauschfrei empfangen kann). denn selbst die „düdeldü-meldungen“ sind auf vielen sendern mit nervösen beats unterlegt. „bum, bum, achtung autofahrer, bum bum, auf der a3 kommt ihnen, bum, bum, zwischen dem knoten bum bum und der ausfahrt bum bum ein geisterfahrer entgegen. bum!“

mittlerweile beherrsche ich auch die kennmelodien der verkehrsfunks aller unserer nachbarländer. ob dieses enervierende medley in bayern oder die lustigen „falschfahrer“ meldungen im norden, ob „informazione traffico“ in italien – ich bin ein echter experte geworden, was die klangkulissen der radios der anrainerstaaten von österreich angeht. und immer wenn plötzlich, zwischen all dem rauschen, der popdudelei und radiowerbung einmal nur eine stimme mit schönem klang und sonst nur stille auftaucht, reagiert mein rechter zeigefinger intuitiv mit einem schnellen zucken. denn wenn es so schön still ist, dann ist es bekanntlich nur ein kultursender.

martina müllner
pool journal