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living in silence
elmar dejaco ist gehörlos. der 60 jährige technische zeichner hat immer davon geträumt, einen doktortitel zu machen. man möchte glauben, dass ihn am beginn des 21. jahrhunderts wenig daran hindern könnte. fakt ist, es gibt weltweit eine einzige universität für gehörlose! diese befindet sich in den u.s.a, genauer gesagt in washington dc. wir haben mit elmar über seine familie, seine träume und die stille um ihn herum gesprochen.

was ist stille für sie?

ich weiß, was stille für hörende ist: ruhe, einsamkeit, das gefühl, das man hat, wenn man auf der spitze eines berges steht. für mich hat dieses wort jedoch keine bedeutung, da es in meinem leben weder stille noch lärm gibt.

das erste, das hörende in der früh wahrnehmen, sind geräusche: das zwitschern eines vogels, das schließen einer tür oder eben das läuten des weckers. was ist das erste, das sie am morgen wahrnehmen?

das erste, das ich wahrnehme, ist das grelle licht meines weckers. natürlich denken sie jetzt, dass man das mit geschlossenen augen leicht übersehen könnte? dies ist aber nicht der fall. er funktioniert wie ein richtiger wecker. alle vier minuten fängt es an zu blinken, bis ich ihn definitiv ausschalte. als ich noch ein kind war, gab es dieses system nicht und so musste mich mein vater jeden tag wecken. später im heim haben die betreuer das licht so lange ein- und ausgeschaltet, bis ich aufgewacht bin.

gab es in ihrem leben hürden, die sie nur mit mühe überwinden konnten?

mit sechs jahren wurde ich von meinen eltern nach mils/hall in tirol auf eine sonderschule für gehörlose geschickt, da es in südtirol noch keine geeigneten einrichtungen gab und auch noch keine logopäden, die die integration von tauben kindern erleichtern. anschließend habe ich eine tischlerausbildung in der berufsfachschule für gehörlose in münchen absolviert und die gesellenprüfung problemlos geschafft. zurück im südtirolerischen brixen habe ich versucht in zwei tischlereien zu arbeiten, aber es war schwierig. auch für meine eltern war dies noch nicht genug und so zog ich nach heidelberg in deutschland, um eine normale schule für technische zeichner zu besuchen, was sehr gut geklappt hat. in meiner arbeit gibt es nicht so viele hindernisse, da ich mir ein ideales umfeld geschafft habe. termine mit kunden überlasse ich meinen mitarbeitern und weitere kontakte pflege ich dann per email oder sms. eine größere hürde war die erziehung meiner zwei töchter. nicht nur weil sie „lausmädchen“ waren, sondern weil sie nicht von uns sprechen lernen konnten. damals war es sehr von vorteil, dass wir in einem haus mit vielen kindern lebten, meine geschwister in der nachbarschaft wohnten und meine töchter so immer viele menschen sprechen hörten.

hatten sie niemals angst, das weinen ihrer kinder zu „überhören“?

eigentlich nicht. die technik war bereits so weit, dass es babyphones gab, die das weinen in ein lichtsignal umgewandelt haben. somit war das problem gelöst. sobald sie gehen konnten, kamen sie dann immer in unser bett gekrochen und haben uns wach gerüttelt.

würden sie gerne einmal die stimme ihrer kinder hören?

natürlich, das wäre ein traum! aber es wäre grundsätzlich schön, die menschen sprechen zu hören, um bei gesprächen nicht ausgeschlossen zu sein. so lange man nur mit einer person spricht, ist es kein problem. aber wenn eine gruppe von leuten spricht, ist es für mich unmöglich das gespräch zu verfolgen.

worüber sind sie froh, dass sie es nie hören mussten?

ich kann nachts ohne probleme schlafen: kein störendes schnarchen, keine laute musik oder auch vorbeifahrende autos. das kann manchmal ein großes glück sein!

lieben sie musik, tanzen, filme?

ich liebe es sehr zu tanzen und auch filme mit untertiteln zu schauen. bei musik ist es etwas schwieriger, da ich sie nicht höre sondern nur die bässe spüre. deshalb haben mir meine töchter immer kassetten mit technomusik – wegen des starken beats – aufgenommen, die ich mir beim autofahren „anhöre“. meine frau dreht dann immer leiser, da ich es mit der lautstärke gerne übertreibe.

sprechen sie italienisch oder auch englisch?

leider nicht wirklich! ich habe von italienischen freunden inzwischen gelernt, einige wörter auszusprechen, aber zu mehr reicht es nicht! in meiner jugend gab es diese möglichkeiten noch nicht. ich bin froh darüber, dass gehörlose heute verschiedene sprachen lernen und mit hilfe von logopäden diese auch richtig aussprechen können.

die richtige betonung ist also möglich. wie sieht es mit den gefühlen aus?

die richtige betonung ist schon sehr schwierig. gefühle auszudrücken ist fast unmöglich, sowohl in der aussprache als auch wenn ich die lippen lese. ärger, freude oder glück werden von gehörlosen durch feine bewegungen des mundes verdeutlicht, aber bei hörenden kann ich mich nur auf den gesichtsaudruck verlassen.

was ist für sie der wesentliche unterschied zwischen ihrem leben und dem eines hörenden?

dass er alles hört. (schmunzelt)

patrick taschler
pool journal