19
 
   
photo: michael schnabel, sidelhorn, 2003, 100x140 cm, recom ditone print
silent mountains
in der nacht wird alles leise. ein ganz wichtiger aspekt in der arbeit des fotografen michael schnabel. seit rund acht jahren hält schnabel die „magie der nacht“ gefangen, was sich in vielen unterschiedlichen fotografischen facetten niedergeschlagen hat. in seiner faszinierenden werkschau stille berge (edition braus) hat sich der aus stuttgart stammende fotograf nächtlichen betrachtungen diverser berge in den alpen gewidmet.

lieber michael, welchen persönlichen bezug hast du zu den bergen?

der bezug zu den bergen ist im laufe der jahre entstanden. mit meinen eltern war ich oft in den bergen, dann begann ich selbst zu klettern und war immer öfter in den bergen unterwegs. ich liebe es einfach, dort zu sein.

wie kommt man eigentlich auf die idee, berge in der nacht zu fotografieren?

es gibt da ein paar anhaltspunkte. ich bin einerseits sehr verbunden mit den bergen, andererseits betrachte ich die berge aber auch als fotograf. seit vielen jahren habe ich im sinn gehabt, ein bild der berge zu schaffen, so wie ich dieses persönlich empfinde. das ist zwar irgendwie simpel, aber doch auch sehr komplex. es gibt einfach schon so viele bilder der berge. deshalb hat es einige zeit gedauert, bis ich diesen gedanken auch praktisch umsetzen konnte. anfang dieses jahrtausends kam ich schließlich zur nachtfotografie, auch um einen gewissen emotionalen gegenpol zur hellen, blassen fotodarstellung dieser ära zu setzen. mich hat es vor einigen jahren in die dunkelheit gezogen.

anfangs habe ich nächtens in den urbanen bereichen fotografiert, habe mich dann jedoch schnell auf die ruhigen, offenen und weiten naturräume konzentriert. dabei schwang auch ein gewisser experimenteller aspekt mit. sozusagen: funktioniert fotografie überhaupt ohne licht? anfangs gab es bilder, die nur schwarz waren. ich war einige nächte auf der schwäbischen alb unterwegs, dann in den alpen. nach den ersten gelungenen nachtbildaufnahmen war mir sofort klar, dass dies genau meinem empfinden entspricht: ich bin angekommen!

wie wichtig ist dir die stille in deiner arbeit?

die ruhe, die stille der nacht liegt mir fotografisch und emotional viel näher. in der nacht ist alles still, untertags alles so laut. was meine arbeit zu den „stillen bergen“ anbelangt, so war der ansatz die zunehmende unruhe in den alpen. auch dort herrscht heute untertags an vielen stellen keine stille mehr. auf den alpenpässe in vielen bergregionen ist am tag einfach viel los. nachts schien diese ursprünglich stille in den bergen zurückzukehren. das wollte ich einfangen.

die berge repräsentieren gewissermaßen zeitlose schönheit. wie betrachtest du als fotograf die gültige schönheit der berge im vergleich zur laufend verwandelnden produktfotografie?

die berge verändern sich zwar, jedoch nicht in der geschwindigkeit, wie wir sie definieren. die großen formen haben sich in den letzten 150 jahren der fotografie natürlich nicht stark verändert. insofern ist diese beständige bergschönheit eine gewisse gefahr, weil sie oft dokumentiert wurde und wir sie alle schon kennen. ich wollte ein bild der berge schaffen, dass sich abhebt von den bisheriger betrachtungsweisen. der betrachter spürt, so meine ich, in meinen bildern klassik und aktualität gleichermaßen. die zeitlosigkeit meiner bilder macht mich auch ein bisschen stolz.

nach welchen kriterien hast du die auswahl der bergmotive getroffen?

im laufe der zeit hat sich da einiges aus den alpen angesammelt. interessant war, dass berge, die am tag sehr interessant aussahen, in der nacht oft nicht mehr so spannend wirkten - und umgekehrt. für mich ist aber jeder berg eine einzigartige „persönlichkeit.“

wie hat sich der ablauf bei deinen nachttouren in den bergen gestaltet?

zwischen november und april war ich in den alpen in deutschland, österreich und in norditalien unterwegs. die meisten aufnahmen sind mit großformat entstanden. großformat ist mein liebstes werkzeug, auch vom gefühl her: das aufstellen der kamera, die betrachtung durch den sucher, das bild in ruhe komponieren ... die beste haltung, um die berge zu fotografieren, war für mich, sich ihnen auf halber höhe zu nähern. der schnee hat sich dabei als entscheidendes element herausgestellt, um den bergen eine gewisse formensprache, ein relief verleihen zu können. ich wollte den berg ganz ohne panorama darstellen, gewissermaßen als monolith. das war nicht sehr einfach, aber ich denke, es ist mir ganz gut gelungen ...

helmut wolf
pool journal