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häufig gestellte fragen

was sollte in den bergen immer mitgenommen werden?

der kopf (lacht), die augen, die ohren und die sieben sinne.

gibt es ein ziel, das du noch erreichen möchtest?

einmal einen achttausender besteigen, aber mit viel zeit.

was sagst du zum thema stille?

ich liebe es auf meiner bank vor dem haus zu sitzen. nur zu schauen, an nichts zu denken, die ruhe genießen und in die luft sinnieren - das liebe ich über alles. auf diese momente möchte ich nicht verzichten.

dein schönstes erlebnis?

die mont blanc-überschreitung mit meiner freundin. für meine freundin war es die erste ski-tour überhaupt und wir hatten einen jahrhunderttag am höchsten berg der alpen erwischt.

der schönste ort für dich?

zuhause in kitzbühel

don’t speak up

„das leben ist ein einziger kompromiss“, betont axel naglich, 39, mit einem zufriedenen lächeln. als extremskifahrer, bergsteiger, triathlon-athlet und architekt geht, läuft und fährt naglich auf vielen möglichen und scheinbar unmöglichen wegen dieser erde: von neuseeland über alaska, von kolumbien bis nach nepal, von den dolomiten bis zum mount cook. im laufe der letzten jahre scheint der aus kitzbühel stammende naglich seine „touren-wege zum glück“ gefunden zu haben. ein gespräch über das alleinsein, über eiswände, über die verlorene zeit und die stille.

wo lebst du eigentlich, axel?

in kitzbühel, tirol, einem platz, wo du dich richtig gut verderben kannst. und zwar im sinne der gegensätze: einerseits gibt es hier reichtum, andererseits sind hier leute, die damit gar nichts anfangen können. genau in dieser spirale mitzuspielen und zu leben, finde ich äußerst spannend. in diesem raum der gegensätze bin ich zur erkenntnis gelangt, dass es in der zivilisierten welt um dinge und inhalte geht, die überwiegend nicht wichtig sind. klar ist es einfach zu sagen: geld sei überhaupt nicht wichtig, wenn du genügend davon besitzt. natürlich macht geld im leben vieles einfacher, leichter. aber es verliert auch schnell an reiz, wenn du ein, zwei oder drei ziele einmal erreicht, erkauft hast. dann verliert die dimension geld sehr schnell an wert und befriedigung.

bist du zufrieden mit deinem leben?

ich vergleiche das leben oft mit den ferien in der schule: am anfang der ferien ist natürlich alles extrem toll und geil. die ferien erscheinen unendlich lange. dann, nach einiger zeit realisierst du, hoppala, eigentlich schon halbzeit. dann denkst du dir, egal, es geht noch einmal solange weiter, aber will ich so weiter machen? im laufe meiner fast 40 lebensjahre sind all diese fragen aufgetaucht: ist der weg, den ich eingeschlagen habe, der richtige? ist es vernünftig, nachhaltig, was ich hier eigentlich den ganzen tag mache? soll ich so weitermachen, mich verändern ... im laufe der jahre bin ich irgendwann zur erkenntnis gelangt, dass das einzige, was du hast - und was von wirklichem wert ist - eigentlich die zeit ist!

hast du deine entscheidung ganz bewusst getroffen, dein leben in den bergen, in der natur und nicht in der stadt zu verbringen?

ich vertrete die theorie, dass du die wirklich großen entscheidungen im leben nur zwei- bis dreimal treffen musst, alles andere ist fügung. ich bin über das skifahren in die berge gekommen. wandern habe ich als heranwachsender eigentlich gehasst. mir war wandern einfach zu wenig fordernd. dann habe ich irgendwann meinen persönlichen weg beim wandern gefunden. wandern ist im kern wunderschön, wenn du still und in gleichmäßigen schritten deinen weg gehst. ich möchte keine tausend menschen rund um mich am berg haben. in den letzten jahren bin ich eigentlich tendenziell zum wanderer geworden. manchmal wandere ich mit meiner freundin oder einigen freunden zusammen. meistens möchte ich aber eher alleine dabei sein. das ist so, wie wenn du zuhause alleine in deinen zimmer bist und das haus ist voller menschen - alleine und doch geborgen.

hat der wunsch nach dem alleinsein mit sich selbst, vielleicht auch mit flucht zu tun?

natürlich hat alleine sein wollen auch einen gewissen egoistischen aspekt. eine kleine episode dazu: vor rund 15 jahren bin ich alleine quer durch südamerika gewandert. ich wollte eine argentinische freundin besuchen und wollte einige zeit vorher einen teil des kontinents kennen lernen. ich bin alleine nach venezuela geflogen, dachte mir, mit ein bisschen englisch, französisch und italienisch werde ich schon bis nach argentinien durchkommen. nichts da. entweder spanisch oder gar nichts. umso entlegener die region, desto schwieriger war die verständigung. trotzdem war es rückblickend gesehen einer der schönsten touren meines lebens. das war natur pur: berge, dschungel, unwegsames gebiet, unglaubliche landschaften. ich bin zwar einige male nachher mit einigen leuten ebenfalls in südamerika unterwegs gewesen, es war aber nie mehr so, wie ich es alleine erlebt habe. wenn du alleine bist, nimmst du alles viel intensiver auf, kannst dich auf deinen eigenen rhythmus konzentrieren und musst auf niemanden rücksicht nehmen.

was unterscheidet eigentlich einen menschen, der in der natur lebt, aus den bergen kommt von jemandem, der in der stadt lebt und dort aufgewachsen ist?

das klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgedroschen, aber für mich liegt der große unterschied im engen bezug zur natur. ich möchte einfach durch den wald gehen oder laufen können, möchte eine wiese und keinen asphalt vor der türe haben. ich finde es einfach schlimm, wenn ein zehnjähriges kind keinen nagel irgendwo einschlagen kann, wenn kinder und jugendliche nicht richtig laufen können, sich nicht richtig bewegen können. ok, du musst jetzt nicht unbedingt schnell laufen können in unserer welt, es ist aber einfach nur tragisch, wenn sich manche menschen in ihrer umwelt nicht mehr bewegen können und nicht zurecht finden.

es geht wahrscheinlich um ein gutes gleichgewicht im leben? den einklang zu finden zwischen technologie und natur, beides gut und intelligent zu nutzen. wir menschen sind ja selbst teil der natur, können dort viele antworten finden ...

ich habe da meine theorie, oder vielmehr entspricht es meinem naturell, einfach alles gerne auszuprobieren und erst dann zu entscheiden, ob es für mich gut ist oder nicht. vielleicht ist das sogar eine rechtfertigung für mein durcheinander. viele dinge ergeben sich einfach, da wird wenig entschieden – das ist möglicherweise die ganze wahrheit. was ich aber ganz klar sagen kann, ist: ich möchte auf gar keinen fall meine zeit vergeuden, am liebsten ständig radfahren, klettern, schwimmen gehen, zeit mit meiner freundin verbringen, ein buch lesen. alles geht sich natürlich nicht aus, trotzdem ist mir diese aktive lebensform lieber als jede andere.

das hört sich wie ein traumhaftes lebensbild an ...

.... ist es für mich auch. zur zufriedenheit fällt mir noch eine episode ein. im vorjahr waren wir in einem rad-trainingslager auf der insel mallorca, am rande des legendären „el arenal“. einmal in meinem leben wollte ich mir eines dieser berühmtberüchtigten ballermann&co-lokale ansehen. wir sind dann am abend in eines dieser lokale gegangen. am nebentisch saß eine gruppe von frauen im alter zwischen 40 und 50 jahren, alle mit demselben gelben t-shirt an, welches die aufschrift getragen hat: „hurra, einmal im jahr hat das leben einen sinn. el arenal, 2006.“ dabei habe ich mir gedacht: das kann ja nicht wahr sein? wenn das der höhepunkt eures jahres sein soll, dann möchte ich bei eurem täglichen leben nicht dabei sein. diese menschen sehen ja auch fern, sehen schöne strände, schöne berge und landschaften und dann bildet dieses lokal, dessen namen ich vergessen habe, den höhepunkt im jahr?

du scheinst den richtigen lebensweg für dich gefunden zu haben. zieht man da so eine art bilanz, schaut zurück, wagt einen ausblick?

wahrscheinlich die wenigsten, ich selber eingeschlossen, machen etwas für die menschheit, etwas nachhaltiges. wenn ich zurückblicke und reflektiere, was sich in meinen abgelaufenen 39 jahren abgespielt hat, so kann ich durchaus sagen, es waren dinge, die wichtig für mein leben waren: meine südamerika-reise, meine schönsten ski- und bergtouren ... vielen menschen ist es sicherlich völlig egal, was ich mache. auf der anderen seite gibt es wahrscheinlich einige, die mich darum beneiden. die oben erwähnten tätigkeiten sind ja in wirklichkeit zumeist aktivitäten rund ums wochenende. unter der woche sitze ich, wie die meisten anderen menschen ebenso, acht bis zehn stunden in meinem (architekten-)büro, schreibe in rechteckige kästchen am computer und klicke mich durch die welt.

architektur und bergsteigen, eigentlich eine sehr schöne kombination, oder?

reiner zufall. obwohl es natürlich hier schon um einen grundsätzlichen sinn für schönheit geht. in der natur wird jedoch auch ein alter, knorriger baum als wahre schönheit definiert. warum das so ist, kann ich gar nicht sagen ... ein alter baum entspricht im grunde überhaupt nicht unserem schönheitsideal. er zeigt uns vielmehr das scheitern der architektur. zeigt, dass schönheit und funktion nicht klar definierbar sind. gerade bei der architektur wird ja fast alles auf den geschmack reduziert. ich meine aber, zuerst die qualität und erst dann der geschmack.

gefahren abschätzen, kürzere, bessere wege zu gehen, richtige entscheidung treffen - kann man von der natur lernen?

ich bin mir nicht sicher, ob ich das als credo sehen würde, erfahrungen aus der natur in der arbeitswelt einfließen zu lassen. sicher ist, ich fühle mich wohl so. in der großstadt könnte ich einfach nicht leben. ich werde ganz nervös, wenn die landschaft total eben ist. ich brauche den landschaftlichen rahmen rund um mich. in der ebenen landschaft könnte ich gar nicht leben. es geht mir schon besser, wenn nur ein paar hügeln, ein wald und bäume da sind.

bist du mehr skifahrer, freerider oder eher bergsteiger, kletterer, wanderer ...?

mir ist es zuerst nur ums skifahren gegangen. irgendwann sind mir halt die skilifte, die hubschrauber zuwenig gewesen. dort, wo es für den bergsteiger zu ende ist - also am gipfel - fängt es für den skifahrer erst richtig an. also hat sich für mich diese kombination aus bergsteigen und skifahren sehr schön ergeben. sozusagen ein doppeltes erlebnis aus hinaufgehen und hinunterfahren. skifahren wird aber immer meine nummer eins bleiben, danach kommt gleich das klettern.

wolltest du dabei immer weiter, immer höher hinauf?

die berge, die ich bestiegen habe, sind halt im laufe der jahre immer höher, immer größer geworden. das gefühl beim klettern - egal ob am fels oder eis - ist so unbeschreiblich schön. meistens bin ich dann auch ganz alleine. eisklettern an steilen eiswänden ist für mich der himmel auf erden. es ist einfach beglückend, wenn du da an einer völlig exponierten stelle hängst und es geht ewig hunderte meter hinauf und hinunter. im grunde ist das eine sehr meditative art sich zu bewegen – klack, klack, hand, hand, fuß, fuß – und das oft stundenlang in monotoner abfolge.

findest du bei solchen klettereien zu deinem inneren rhythmus, oder geht es dir mehr um den kick, das schnelle hinaufkommen?

ich bin schon eher der typ, der schnell wo hinauf möchte. du könntest auch sagen, was mich nicht fordert, reizt mich nicht. das ziel, sich am abend völlig leer und ausgepumpt zu fühlen, ist auch ein geiles gefühl. die gewissheit, etwas persönlich geleistet zu haben, ist einfach herrlich. dabei geht es nicht um weltklasse-höchstleistung, sondern an diesem tag eben das bestmögliche getan zu haben. ich weiß nur, dass es mir spaß und mich glücklich macht. irgendetwas passiert da im körper ...

ist dir bei deinen besteigungen im gewaltigen berggebiet von neuseeland oder am himalaya bewusst geworden, wie klein und schwach der mensch im vergleich zur natur ist?

man könnte jetzt philosophisch werden und sagen, die natur ist stärker als der mensch. klar ist sie stärker, viel stärker. ich meine, der natur ist der mensch völlig egal. die natur wird sich allen gegebenheiten anpassen. dem fels, dem stein ist es egal, ob ich jetzt drauf steige oder ein loch hinein schlage. im grunde braucht uns die natur gar nicht. vieles lässt sich einfach nicht erklären und auch viele rätsel bleiben wahrscheinlich in den nächsten tausend jahren noch ungelöst. damit kann ich aber ganz gut leben.

wer hat eigentlich die idee für deine touren, beispielsweise nach alaska oder auf den mount cook in neuseeland? geht es dabei immer um eine stetige steigerung des gefährlichkeitsgrades?

die touren sind teilweise meine ideen, teilweise zufallsprodukte. was die gefährlichkeit angeht, möchte ich es so sagen: diese touren haben durchaus das potential zum umbringen. man muss verdammt konzentriert sein und extrem aufpassen. wir haben eben nicht zehn tage zeit, um auf schönes wetter zu warten. bei uns heißt es: heute ist das wetter nicht gut, morgen wird es auch nicht besser – also riskieren wir den aufstieg - „riskieren wir es“, damit ist eigentlich schon alles gesagt. damit bin ich schon ein level weiter als nach plan.

hier sind die erfahrungswerte der älteren denen der jungen bergsteiger voraus. es ist eine mischung aus berglesen, wetterlesen und in gefährlichen situationen einen halbwegs kühlen kopf zu bewahren und nicht durchzudrehen. bei jeder tour, die sich über ein paar tage hinzieht und dich von der zivilisation entfernt, besteht die möglichkeit, in brenzlige situationen zu kommen. eine falsche entscheidung kann tödlich sein. davon gehe ich aber nicht aus, weil ich mich nicht umbringen möchte.

gibt es eine richtlinie in den bergen, nach der man sich orientieren sollte?

nicht herumschreien. es gibt keinen bergsteiger, der laut ist am berg. am berg habe ich das gefühl, nicht laut sprechen zu dürfen. das ist wie in der kirche, wo du auch leise bist, obwohl es nirgends explizit vorgeschrieben wird. der mensch sollte sich am berg unauffällig verhalten, so unauffällig der mensch in der natur eben ist. in der natur, am berg hat der mensch in gewisser hinsicht keine bedeutung.

was lernst du auf deinen touren in fremden ländern?

von den menschen in nepal könnten wir europäer sehr viel lernen. die lebensweise der nepalesen ist sehr ausgewogen. deshalb kommen dort auch so viele leute aus aller welt hin, die diese lebensart kennen lernen wollen. ich finde es nur schade, wenn plötzlich auch der bergbauer aus nepal glaubt, er benötige einen fernseher oder von einem porsche träumt, obwohl es dort gar keine richtigen straßen gibt. dort findest du die schönste spielwiese der welt, da brauchst du gar nicht viel mehr.

wie teilst du dir eigentlich deine zeit für all die aktivitäten ein?

ich bin einer, der sich eigentlich zuviel aufhalst, und manchmal denke ich mir, warum hast du dir das wieder angetan. ich möchte mich wieder einmal ab und zu langweilen. dazu gehört sicher auch der berg, der nur still dasteht. einmal sitzen bleiben, wenn man schon längst beim nächsten termin sein sollte ...

helmut wolf
pool journal