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häufig gestellte fragen
welche momente sind für sie die schönsten in der oper?
die tragischen, in diesen momenten finden die schönsten stellen in den opern statt.
ihr liebster ort?
es sind eher schöne momente mit freunden, mit der familie oder bei einem guten glas wein, und wo ich mich wohl fühle – und das kann überall sein.
ihre lieblings-oper?
als großer barockopern-fan eindeutig „giulio cesare“ von georg friedrich händel
real music
klassik sollte nicht als etwas „ganz besonderes“ auf einen thron gehoben werden, betont anja ritmöller, vice president production & catalogue bei deutsche grammophon, einem der renommiertesten klassik-labels der welt. auch muss man nicht viel wissen, um klassische musik genießen zu können. klassik ist mit vielen vorurteilen behaftet, zu den häufigsten zählt die abgehobenheit, was es vielen leuten schwer macht, sich dieser musikrichtung zu nähern. anja ritmöller möchte einigen dieser vorurteile entgegen treten.
es war das jahr 1887, als emil berliner einen apparat namens „grammophon“ mitsamt der so genannten „schallplatte“ in den usa als patent anmeldete. die erste schallplatte war aus zinkblech, einseitig bespielbar und hatte eine spieldauer von einer minute. es sollte noch einige jahre dauern, bis der aus deutschland stammende emil berliner geldgeber für seine patente finden sollte. im jahre 1898 kam es, nach einem kurzen aufenthalt in london, schließlich zur gründung der „deutsche grammophon gesellschaft“ in hannover, der heimatstadt von berliner. es sollte eine von höhen und tiefen geprägte geschichte eines auf klassische musik spezialisierten schallplatten-labels werden, das heute - als tochterunternehmen von universal music – als synonym für qualitätsvolle produkte steht. auf jeden fall wurde mit jener von emil berliner erfundenen schallplatte fast 100 jahre musikgeschichte geschrieben. viele hördokumente wurden im laufe der jahrzehnte auf „langspielplatte“ festgehalten: vom deutschland-besuch des us-präsidenten john-f. kennedy im jahr 1962, über aufnahmen der dirigenten leonhard bernstein oder herbert von karajan bis hin zu platten vormaliger talente, wie der geigerin ann-sofie mutter ende der 1970er-jahre, die heute zu den größen des klassikgenres zählen.
auch im digitalen zeitalter zeigt das legendäre klassik-label eine ausgewogene balance zwischen tradition und moderne, wo die neuauflage alter opern-aufnahmen ebenso ihren platz hat wie der handy-klingelton mit klassiksound. über das zelebrieren der schallplatte, über berührungsängste mit klassik und die klare definition von „echter“ musik ein gespräch mit anja ritmöller.

liebe anja rittmöller, was würden sie als die großen vorzüge der klassischen musik bezeichnen?
zu den vorzügen der klassischen musik zählen für mich attribute wie echtheit und authentizität. eigenschaften, die ich in einigen teilen der popmusik nicht mehr finde, weil es sich dabei sehr oft nur um kunstprodukte handelt. klassische musik ist zwar eine nische, aber ein bereich mit einer riesigen bandbreite. das spektrum reicht von der kammermusik bis zur oper, von mittelalterlicher musik bis zu karlheinz stockhausen (exzentrischer komponist, anm.). diese bandbreite in der klassik macht es für mich aus. es ist musik für jede lebenslage, auch wenn manche sagen, es ist immer dasselbe, was zu einem teil auch stimmt. doch gerade in der oper beispielsweise sind es die jungen, neuen künstler, die mit ihrer persönlichkeit und stimme bewährte stücke zu neuen höhepunkten führen.
wir leben heute in einer sehr schnellen und oft lauten welt, wo das bedürfnis nach ruhe und entspannung zum ausgleich immer wichtiger wird. gerade viele stücke der klassik und der opern würden sich doch ideal zur „entschleunigung“ eignen, oder?
ja, klassik kann schon sehr helfen, sich zu entspannen und den alltag außen vor zu lassen. ich kenne einige leute, die nicht unbedingt mit klassik viel am hut haben, die sich zuhause aber regelmäßig gerne klassik-radio-sender anhören – auch als hintergrundmusik beim bügeln. man muss sich nicht immer konzentriert die oper anhören und dazu das libretto (textvorlage) lesen.

deutsche grammophon vs. mp3-player - was glauben sie, kann diese über 100 jahre alte unternehmensbezeichnung im zeitalter von internet und klingeltönen bewirken?
diese technologischen prozesse finden mit unserer musik bei uns natürlich auch statt. wir verdienen auch mit klingeltönen, zwar nicht soviel, aber doch. was wir versuchen, ist eine verbindung zwischen tradition und moderne herzustellen. wenn wir auf fast 110 jahre firmengeschichte zurückblicken, so erinnern wir uns natürlich an unsere erfahrungswerte, die wir manchmal beibehalten, manchmal aber auch der zeit entsprechend anpassen.

popkünstler wie sting oder der finnischen musik-avantgardist jimi tenor haben auf deutsche grammophon cds veröffentlicht. welche auswahlkriterien gibt es in ihrem haus für künstler und musikaufnahmen?
im vordergrund in bezug auf auswahl von projekten und künstlern steht bei uns immer die qualität. es ist wichtig, dass ein künstler etwas zu sagen hat, ein statement abgibt, auch wenn es hier im haus nicht allen gefällt. es ist aber auch etwas mehr als nur die musik. es geht darum, eine interessante geschichte zu kreieren, die gerne weitererzählt wird. auch der künstler selber sollte seine persönlichkeit und seine aussage spannend artikulieren können.

im pop-business zählt unterhaltung, oft nur schein und oberfläche. in der oper dagegen wird (gesangliche) tiefe und „wahres gefühl“ kultiviert. könnte die klassik, die oper eine möglichkeit bieten, um mehr ernst und wertegefühl zu schaffen?
ich glaube schon, dass leute die sich auf klassik einlassen eine gewisse tiefe spüren und diese wahrnehmen. grundsätzlich aber wehre ich mich eher dahingehend, der klassik einen hehren auftrag zukommen zu lassen. wenig zweifel dagegen gibt es, dass es sich bei der klassik um stets handgemachte, stimmlich echt gesungene musik handelt. wenn an einem abend etwas live vorgetragen wird, dann sind es sicherlich „echte“ stimmen und instrumente. bei einem popkonzert bin ich mir da nicht so sicher ...

viele menschen kennen den kinosaal, haben jedoch noch nie eine oper besucht. wie würden sie das gefühl beschreiben, das jemanden beim betrachten und hören einer oper befällt?
der live-aspekt in der klassik ist etwas sehr wichtiges, was einen sehr stark berührt. natürlich wird es den leuten, gerade den jungen, nicht einfach gemacht, in die oper zu gehen. die kartenpreise sind für jugendliche einfach zu teuer. das würde sich ändern, wenn die kartenpreise an die der kinokarten angepasst würden. auch sind viele leute oft noch der meinung, dass in der oper strenge kleidungsvorschriften gelten, was auch nicht mehr so ist.

opern sind oft sehr vielschichtig, zumeist werden komplizierte geflechte musikalisch „bespielt:“ missverständnisse, intrigen, liebesdramen, kriege, tyranneien, religionskonflikte usw. welchen anspruch, meinen sie, hat die oper?
die oper hat den anspruch, schlicht und einfach zu unterhalten. sie sollte den alltag vergessen lassen, ob mit einem tragischen thema oder einer leichten handlung.

der pianist alfred brendel meinte einmal in bezug auf operinszenierungen: „ich finde es fragwürdig, wenn interpreten am notentext kleben und nur reproduzieren, ohne zu ahnen, dass man die zeichen beleben muss.“ wie stehen sie zu klassischen und modernen inszenierungen bei der klassischen musik und der oper?
ich finde es wichtig, dass die inszenierung modern ist. zwanghaft modernes mag ich jedoch auch nicht, wo plötzlich jemand nackt auf der bühne steht, ohne zu verstehen warum. wichtig finde ich, dass geschichten aus dem 18. jahrhundert so dargestellt werden, wie sie im 21. jahrhundert auch nachvollziehbar sind. gerade in hinblick auf den geschmack junger leute, ein stück von mozart und rossini kann und soll durchaus aufgepeppt werden, nur bitte nicht allzu zwanghaft. peter sellars beispielsweise (us-regisseur, anm.) hat schon einige historische opern sehr gut und modern interpretiert.

wie würden sie einem jungen menschen den fast schon rituellen vorgang des abspielens einer schallplatte näher bringen?
es gibt ja eine gewisse renaissance der schallplatte. ich muss auch sagen, hin und wieder finde ich es ganz schön und genieße es, eine platte zu hören - auch wenn es manchmal knistert. es hat etwas von einem ritual, die platte behutsam aus der hülle zu nehmen, sie zu entstauben und dann die tonnadel aufzusetzen. man empfindet diesen vorgang ganz anders, als den knopf auf den cd- oder mp3-player zu drücken. für mich hat aber beides seine vorzüge. wir arbeiten übrigens mit einer kleinen firma zusammen, die high-end-geräte herstellt und manche unserer cd’s auch in form von schallplatten produziert. wenn ich dort im vorführraum sitze, die augen zumache und die sound-aura einer schallplatte genieße, ist das etwas absolut besonderes. es ist fast wunderlich, man hätte denken können, der pianist spielt im gleichen raum, so nahe ist einem da die musik ... das zelebrieren hat hier sicherlich etwas damit zu tun.
helmut wolf
pool journal