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häufig gestellte fragen
was verbindest du mit dem begriff schönheit?
als erstes denke ich bei schönheit an natur, wie den wald oder die weite des ozeans. ich finde aber auch das leuchten eines feuerwerks oder synchrones schwimmen wunderschön. im tieferen sinne des wortes denke ich an menschen, wenn sie wirklich sie selbst sind und keine angst davor haben, fehler zu zeigen.
was inspiriert dich besonders?
filme inspirieren mich am stärksten für meine fotos. genauso aber beobachte ich auch menschen, gehe gerne auf den straßen spazieren, um neue dinge, neue farben, neue gerüche zu sehen, zu hören, zu fühlen. reisen und in neue länder zu ziehen erweitert mir immer wieder meinen horizont und hält mich wach und glücklich.
wovon träumst du?
von einem wirklich guten essen. ich habe träume gehabt, wo das essen so gut war, dass ich weinend vor glück aufgewacht bin. ich habe aber auch schon alpträume gehabt, in denen mir meine zähne ausgefallen sind.
angeblich soll das den verlust von freunden symbolisieren, und davor habe ich echt angst.
wofür nimmst du dir besonders viel zeit?
zum lesen, zum plaudern und um zu träumen. ich nehme mir besonders viel zeit, um neue ideen und inspirationen für meine fotoarbeiten zu sammeln.
deine lieblingsmusik?
das geht von hiphop à la „notorious b.i.g.“ über alte cowboy-musik bis zu michael jackson und „minor threat“
dein lieblingsbuch?
ich lese gerade „kiss kiss“ von roald dahl
dein liebster ort?
die amalfiküste in italien und der
„enchanted forest“, ein vergnügungspark
in rhode island, usa
deine lieblingsfotos?
... stammen von meinem großvater und sind doppelt belichtete polaroids aus den 70er jahren
das geheimnis lösen
als kind reiste chloë potter mit ihren eltern und deren wanderzirkus quer durch europa. sie tanzte auf den straßen, schlief in einem alten krankenwagen und sammelte mit einem hut geld für das abendessen. obwohl chloë, 30, ursprünglich aus den usa stammt, ist ihr herz und empfinden stark in der europäischen kunst und kultur verankert. dies stellt sich sehr deutlich in ihrer fotografischen sprache dar.
ihre bilder sind geprägt von einer starken, geheimnisvollen kraft. stets schwankt die atmosphäre zwischen wahrheit und phantasie, werden märchenhafte träume mit mystischen elementen verflochten, verschwinden die grenzen zwischen romantik und dunklen, mysteriösen gefühlen ...

liebe chloë, woher kommst du?
ich komme eigentlich aus den usa, aus einer kleinen stadt in connecticut. nachdem ich die rhode island school of design (risd) absolviert habe, bin ich nach brooklyn in new york gegangen und habe dort als fotoassistentin gearbeitet. mein mann george und ich sind dann später aufs land in das haus meiner großmutter gezogen, wo wir uns gemeinsam der gartenarbeit und der landschaftsarchitektur widmeten. in meiner freizeit habe ich weiterhin fotos gemacht. george hat möbel gebaut und hühner gezüchtet. das leben auf dem land war eine sehr angenehme, relaxte zeit, aber irgendwann hatten wir genug davon und wollten woanders hin.

wann bist du eigentlich nach europa gekommen?
ich bin vor ungefähr zwei jahren nach europa gezogen. zuvor habe ich ja schon mit meinem ehemann, der aus österreich stammt, ein jahr in rom verbracht. das war im zuge einer studienreise, wo wir sehr viele, interessante künstler als gastprofessoren hatten. definitiv eines meiner schönsten und lehrreichsten jahre in meinem leben. rückblickend bin ich wirklich sehr froh, nach wien gezogen zu sein, wo die menschen die meiste zeit das leben genießen.

hattest du eine schöne kindheit in den usa?
ich hatte wirklich eine einzigartige und glückliche kindheit. die meiste zeit davon verbrachte ich aber eigentlich in europa. meine eltern starteten mit einer kleinen zirkustruppe, die außer ihnen nur aus mir und meiner schwester bestand. ich war damals gerade drei jahre alt und meine schwester sechs. wir reisten quer durch europa, schliefen in einem alten krankenwagen und hielten an verschiedensten plätzen und straßen an, wo wir unsere aufführungen abhielten. danach wurde ein hut unter den zuschauern herum gereicht, mit dem wir geld für unser abendessen einsammelten. ich war sehr jung, aber ich erinnere mich ganz genau daran, wie wir uns masken aufgesetzt und auf den straßen getanzt haben. besonders italien habe ich geliebt. die märkte waren so bunt und schön, das essen war wunderbar und die alten menschen so freundlich zu uns. sie haben mir immer zugewinkt und applaudiert, ich hatte das gefühl, ein berühmter star zu sein. auch meine großeltern waren künstler und ein wichtiger teil meines lebens. sie haben mir ebenfalls sehr viel beigebracht und sich immer um mich gekümmert.

gibt es ein besonders erlebnis aus deiner kindheit, von dem du sagen würdest: das hat mich in meinem empfinden stark geprägt, daran denke ich heute noch zurück?
ja, das war im zuge unserer zirkusreise durch europa. wir wohnten damals bei einer familie in deutschland. der vater dieser familie hatte einen sehr spitzen bart und extrem lange fingernägel, die sich in spiralen kräuselten. er schrie ständig mit seiner frau und seinen kindern und hatte eine äußerst unangenehme art. diese starken eindrücke haften heute noch in meinem gedächtnis. es kommt mir oft vor, als stammte diese begebenheit aus einem düsteren märchen ...

wo liegen deiner meinung nach die großen unterschiede zwischen europa und den usa in bezug auf ästhetik, mode und kunst?
manchmal scheint es mir, als hätten die europäer einen besseren sinn für geschmack, aber das ist natürlich nur eine große verallgemeinerung. es kann hier wie dort schreckliche geschmäcker geben. ausklammern würde ich in den usa nur new york. ich glaube, in new york entstehen manche der besten stile und ideen der welt. alleine wenn du durch den stadtteil east village spazierst und beobachtest, wie individuell sich die menschen dort kleiden, ist das total inspirierend. es ist unglaublich, wie viel kreatives dort entsteht, und die leute scheinen so ungehemmt zu sein. sie singen auf der straße und sprechen auch sehr laut. was ich an europa sehr mag, ist wenn du spät in der nacht in eine bar oder in ein café gehst, kannst du wirklich sehr eigenartige, interessante charaktere antreffen. mir kommt das oft so vor, als würden manche leute gerade aus einer historischen filmszene heraustreten. das ist für mich immer wieder inspirierend und auf jeden fall weit interessanter als beispielsweise die kunst- und galerienszene in new york.

deine fotografien haben eine sehr starke, mystische aussagekraft und sind dennoch so sensibel, geheimnisvoll und träumerisch. was möchtest du beim betrachter deiner fotos bewirken?
…genau das, was du gerade gesagt hast. meine fotos haben zwei seiten: eine romantische, träumerische, und eine seite, die sozusagen darunter liegt und irgendwie dunkel und unheimlich wirkt. eigentlich möchte ich den betrachter dazu bringen, sie durch seine eigenen instinkte zu verstehen, als wäre es ein geheimnis, dass es zu lösen gibt.

bei deinen fotografien ist auch der „rollentausch“ zwischen männern und frauen ein großes thema. was möchtest du damit bewirken?
das spielen mit den geschlechterrollen war mehr ein thema als ich in der schule war. ich glaube, das kommt daher, weil wir in unserer gesellschaft in gewisse denkmuster hinein gepresst werden. es hat mich einfach immer schon amüsiert und interessiert leute zu beobachten, die ihre rollen tauschen. zudem bewundere ich menschen, die nicht nach starren stereotypen leben.

würdest du sagen, dass die romantik in deiner fotografie auch ein statement gegen kühle computer-animation und technologie darstellt?
nein, ich habe kein problem mit computern und technologie. eigentlich möchte ich noch viel mehr darüber wissen. denn umso mehr du über diese dinge bescheid weißt, umso mehr kannst du sie zu deinem nutzen verwenden. es ist mir wirklich egal, wie ein foto entsteht, ob in nur fünf minuten oder in einem jahr. wichtig ist einzig und allein, dass das werk am ende gut ist. natürlich ist es auch bewundernswert kunstbauten wie die ägyptischen pyramiden oder die gotischen kathedralen zu betrachten, wenn man sich vorstellt, welches bemühen dahinter steht und wie da stein für stein, einer auf den anderen, über lange jahre hinweg aufgebaut wurde.

glaubst du, wäre romantisches denken, romantisches empfinden generell ein „strategisches mittel“ gegen rohheit, gegen gewalt, gegen krieg?
ich finde, dass es ein ausweg sein kann, wenn jeder für sich und für sein eigenes glück mehr auf die schönen, romantischen seiten des lebens blickt. dieser weg ist aber auf der anderen seite auch sehr gefährlich, weil es menschen naiv und egoistisch machen kann. es ist extrem wichtig, sich nicht vor ungerechtigkeit und den dunklen seiten des leben zu verschließen. aber ohne positive oder verträumte welten wäre die erde ein trauriger platz. das bemühen, sich das schöne, das romantische und eine friedliche welt zu wünschen, sollte unser aller ziel sein.

fotos sind in der regel erinnerungen an vergangene momente. dabei werden vergangene ereignisse oft verklärt oder verfälscht. du sprichst in diesem zusammenhang von der „verflechtung von wahrheit und phantasie“. sind fotos vielleicht so eine art flucht aus der realität?
fotos zu machen kann für mich ein weg sein, der realität zu entfliehen. ich genieße es beispielsweise mit freunden fotogeschichten zu erfinden, wo wir ein abenteuer in der nacht im wald inszenieren. ich möchte meine bilder aber nicht als flucht aus der wirklichkeit interpretieren. eher das gegenteil. es sollen die dunklen seiten der menschen, des lebens, dargestellt werden. die bilder können durchaus eine romantische seite haben, aber es ist wichtig, dass ebenso eine nicht ganz klare, ironische note mitschwebt. in gewisser weise interessieren mich fotos, weil sie eine eigene wahrheit und persönlichkeit entwickeln und in weiterer folge emotionen damit erzeugt werden.
helmut wolf
pool journal