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the rituals of life
wenn wir auf die welt kommen, wird uns eine vielzahl an regeln auferlegt. wir haben einfach keine andere wahl, als uns diese regeln anzueignen, wenn wir in das leben einer bestimmten gemeinschaft oder kultur eintreten wollen. sich wiederholende gewohnheiten lassen uns zwischen kalt und heiß, süß und bitter, gut und schlecht unterscheiden.
unser körper und geist benötigt rituale. ohne sie könnten wir uns nicht gut fühlen, würden uns nirgends zugehörig fühlen. rituale sind voller emotionen, hervor gerufen um ein gefühl der zusammengehörigkeit entstehen zu lassen. die empfindung, dasselbe ziel zu verfolgen, derselben art und denkweise anzugehören, definiert gemeinsamkeit. wir wiederholen gewissermaßen zwanghaft bestimmte muster, um einigen menschen ähnlich zu sein, unterscheiden uns daraufhin wieder von anderen. wir nehmen wahr, dass andere menschen andere sprachen sprechen, andere gewohnheiten haben und andere soziale, kulturelle und religiöse lebensstile führen.
dabei wird uns bewusst, dass rituale allen menschen von bedeutung sind, jedoch unterschiedlich angewandt werden, um praktiken und sichtweisen unserer welt auszudrücken. in ebendieser vielseitigkeit liegen der reichtum und die schönheit des menschlichen daseins. wie würde die welt aussehen, wenn alle vögel gleich aussehen, dasselbe lied singen würden? andererseits schränken uns diese rituale auch ein, da sie vertrautheit und sicherheit schaffen, die im gegensatz zu unserer sehnsucht nach dem unbekannten und unserem drang nach freiheit stehen.
wenn man sich durch verschiedene regionen bewegt, lernt man auch verschiede arten kennen, wie man dinge bewältigen kann. ungeachtet kultureller unterschiede gehören alle diese arten zu den universellen phasen des menschlichen lebenszyklus: geburt, erster zahn, pubertät, heirat, elternschaft, tod. bestimmte rituale werden durchgeführt, um jemanden oder etwas zu gedenken oder um den übergang von einer lebensphase in die andere zu erleichtern. diese übergangsriten zeichnen sich durch eine art der trennung aus, oft durch den symbolischen tod, eine übergangsphase, während der ein teilnehmer buchstäblich und symbolisch ausgegrenzt und am ende wieder aufgenommen wird, wenn ihm ein neuer sozialer status verliehen wird.
was ich auf meinem persönlichen „lebensweg“ erfahre, bestimmt die qualität meines daseins auf dieser welt. stets unter verschiedenen menschen und verschiedenen kulturen zu leben, bedeutet – um es in der sprache der rituale auszudrücken – sich stets in einer übergangsphase oder zwischenphase zu befinden. der kairos (griechischer begriff für den qualitativen aspekt der zeit, „eine zeit dazwischen“) meines lebens symbolisiert eine ständige bewegung, eine konstellation besonderer momente, die wahrgenommen, erinnert und wieder erlebt werden.
scheich hassan suleiman hieß mich in einem kleinen gästehaus willkommen. ich saß auf einem kissen im wohltuenden schatten. während unseres gesprächs fragte er mich nach dem leben in meinem land und sprach stolz über die gewohnheiten seiner umgebung. während er mir geschichten aus dem zweiten weltkrieg erzählte, über kamele, die durch die wüste ziehen, über seine familie, tote freunde oder die erfindung der elektrizität, bereitete ein junger mann, der bei uns saß, ägyptischen tee zu. unser treffen dauerte einige stunden, bis die autos begannen das dorf zu umkreisen, um eine hochzeit zu feiern, da gerade der ramadan zu ende gegangen war. der scheich nahm sein gewehr, stand auf und feuerte einige schüsse in die luft: ein zeichen dafür, dass er ein aktiver teilnehmer an der hochzeitszeremonie war.
eine großmutter aus einem slowakischen dorf traf mich auf der asphaltstraße vor der dorfkirche. sie bat mich, ihr die stiegen hinauf zu helfen, da keines ihrer kinder und kein verwandter mehr in dem dorf wohnte. jeden sonntag ging sie allein zur kirche und immer war dort jemand, der ihr half. jede woche zur kirche zu gehen und die messe zu besuchen, war ihr wöchentliches ritual. nach der messe lud sie mich auf ein bier ein und sprach über das fest, das in den nächsten drei tagen stattfinden würde. das fest fand zu ehren der 100-jahr-feier eines bekannten slowakischen schriftstellers statt. sie bot mir einen übernachtungsplatz an.
ich weiß nicht mehr, wie jener mann aus einem kleinen dorf in chiapas (mexiko) hieß, aber ich kann mich noch gut an seine freude und seinen stolz erinnern. es war ein tag des feierns und des warenhandels. es war jener tag, an dem die führerschaft des dorfes an jemand anderen übergeben werden sollte. die feier hatte sowohl einen sozialen als auch politisch rituellen charakter. hauptsächlich war es eine männliche feier, ein wichtiges ereignis, bei dem es um die sorge und das wohlergehen der dorfbewohner ging.
rosa apandi aus einem dorf in neuguinea wurde „die frau meines bruders“, nachdem ich in ein bestimmtes geschlecht eines clans aufgenommen worden war. mehr als ein jahr lang trauerte sie um ihren sohn, der an einem schlangebiss gestorben war. da das abschließende ritual, welches ihre trauerzeit offiziell beenden würde, noch nicht durchgeführt worden war, befand sie sich als trauernde mutter in einer übergangsphase, in der sie alle vorgeschriebenen beschränkungen einzuhalten hatte. als zeichen der trauer trug sie alte kleider und bedeckte ihr gesicht mit weißem lehm. außerdem kochte sie nicht, fischte nicht und arbeitete auch nicht in den wäldern. um alle gelenke (handgelenk, knöchel, knie …), ihren hals und in ihren ohrläppchen trug sie „stricke des weinens“. erst am ende der trauerzeit wurden diese stricke entfernt …
spiegeln ritualisierte bräuche menschliche ideale und werte wider? in traditionell orientierten gemeinschaften verbinden rituale die vergangenheit, die gegenwart und die zukunft. sie sorgen für kontinuität. für gesellschaften im umbruch kappen rituale die verbindungen zur vergangenheit und stehen für eine neue art zu leben. politische rituale dienen dazu, bestehende ideologien und hierarchien zu bewahren - oder zu ändern. religiöse rituale sollen die macht gottes oder anderer heiliger über das weltliche alltagsleben zeigen. und in der westlichen welt? hier befinden wir uns ständig unter dem druck der globalisierung und der auferlegung von werten, die immer stärker auf technik beruhen. diese „rituale“ des sozialen und kulturellen wandels sind oft weit entfernt von unseren erfahrungen und unserem gewohnten leben. nur durch gegenseitiges verständnis, durch die gegenseitige erlaubnis, unsere träume zu leben, durch das verständnis, dass fantasie und vernunft nebeneinander bestehen können und die erkenntnis, dass die rituale uns alle verbindet, kann sich unser sein auf dem weg des steten werdens befinden und diesen auch als wertvoll empfinden.
text & photo: daniela (rachel) vávrová
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