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by the prophet’s beard
als kleiner junge habe ich immer meinem vater mit großen augen beim rasieren zugesehen – wie er sich das gesicht mit augenscheinlicher „sahne“ angemalt, dann mit einem rasierer entfernt hat. den starken geruch des herben rasierwassers kann ich heute noch riechen. danach hat er mir immer gesagt: „wenn du ein großer mann bist, darfst du das auch machen.“ ich habe nur noch von diesem tag geträumt, an dem ich auch an der reihe und somit ein richtiger mann sein werde – zumindest äußerlich.
in die pubertät eingetreten, habe ich jeden tag im spiegel meinen flaum betrachtet und eines tages war es endlich so weit. mit geschwollener brust durfte ich mich unter der aufsicht meines vaters rasieren. endlich war ich ein mann und konnte diesem täglichen ritual nachgehen, das heute wohl niemand mehr als ein solches bezeichnen würde. dass die rasur aber sehr wohl ein ritual sein sollte, bei dem man besser nicht stört, lernt man in klassischen westernfilmen. als die ausführung des alltäglichen rituals des schauspielers henry fonda alias jack beauregard in sergio leones filmklassiker „mein name ist nobody“ nicht seinen erwartungen entspricht, bezahlt es der als barbier eingesprungene ganove mit dem leben. er vergisst nicht nur jacks von der sonne gereizte haut mit einem warmen und befeuchteten handtuch auf die rasur vorzubereiten, sondern auch noch am ende ein streng männlich riechendes rasierwasser aufzutragen - einfach unverzeihlich!
das waren aber noch zeiten, wo das einhalten von riten groß geschrieben wurde. ob beim töten eines mannes oder eben auch beim rasieren. heutzutage jedoch muss alles schnell gehen, alle sind immer auf dem sprung. der rasierschaum wird nur noch hastig über das gesicht geschmiert, die rasierklinge gleitet so schnell über die haut, wie ein skirennläufer über die kitzbüheler „streif“. das ergebnis ist dann meist auch dementsprechend: egal ob nun gillette „m3 power“ oder der raumschiffartige, batteriebetriebene rasierer am werk war, das zauberwort für die perfekte rasur ist immer noch die zeit, die man sich für das ritual nimmt!
sehen wir es doch wie ein liebesspiel … mit vorspiel, hauptakt und am ende noch ein liebkosender abschluss. oder auch ein wunderschönes essen mit vorspeise, hauptgang, nachtisch und einem guten glas wein dazu. die haut sollte gründlich auf die rasur vorbereitet und am besten mit einem pinsel aus dachshaar eingeschäumt werden, damit die eigentliche rasur – natürlich streng gegen die haarrichtung - problemlos über die bühne geht. am ende sollte die haut noch mit einem balsam verwöhnt werden. die härteren unter uns können auch auf ein klassisches rasierwasser zurückgreifen. aber vorsicht, denn wie bereits bei kevin - „allein zu hause“ – mccallister, könnte es etwas brenzlig hergehen und das schmerzt … aber manchmal muss man einfach seinen mann stehen. das ergebnis kann sich dann aber auf jedem fall sehen lassen, ob beim geschäftsessen oder beim kuscheln: die frau an ihrer seite wird ihre glatte, geschmeidige haut zu schätzen wissen. und falls der rasurablauf irgendwann in etwa dieser „art“ sein sollte, dann kann man auch wieder von einem ritual sprechen, und es stolz seinen kindern weitergeben.
patrick taschler
pool journal