18
 
   
where have all our rituals gone?
und täglich grüßt das murmeltier: aufstehen, zähne putzen, zur arbeit gehen. ist das schon ein ritual oder nur eine tägliche selbstverständlichkeit? und was ist eigentlich aus den „großen“ ritualen geworden?
eine rituelle handlung, ein tägliches ritual, ein kleines ritualchen. wer kommt heute noch in den genuss eines tagesablaufes, der zeit und raum für gewisse rituale lässt? ich selbst jedenfalls bin weltmeister im brechen von ritualen. selbst die morgendlichen rituale im bad kennen keinen festen ablauf. erst die kontaktlinsen, dann zähne putzen, dann frühstücken – und morgen schon wieder ganz anders. und übermorgen sowieso. gut, dieses fehlen von ritualen kann man gut verschmerzen. schließlich will man sich ja auch nicht wie in der kaserne fühlen. aber sonst?
wie steht es um die „großen“ rituale, die für unsere großelterngeneration noch so selbstverständlich waren. diese vielfach religiös motivierten handlungen, die den anfang und das ende einer gewissen lebensphase markierten. ob taufe, konfirmation, eheschließung – ein mehr oder weniger fester ritus machte klar: jetzt bist du teil der gemeinde, jetzt bist du erwachsen, jetzt bist du gebunden. wendepunkte im leben, deren symboliken zu unterstreichen verstanden, dass nichts mehr ist wie vorher. bedeutungsschwer und auch so wichtig, so orientierungs- und sinnstiftend. sicher, rituale sind in jeder gesellschaft etwas dynamisches und müssen sich auch weiter entwickeln, um den anforderungen der zeit zu entsprechen. doch gibt es für diese einstigen rituale heute passenden ersatz? wann ist man erwachsen? wenn man sich als mann zum ersten mal rasiert? wenn man die erste zigarette ohne hustenanfall überstanden hat? wenn man mofa fahren darf? ohne konservativ klingen zu wollen, würde ich mir manchmal wünschen, es gäbe noch festere initiierungsriten in unserer gesellschaft – oder zumindest etwas, was frei von konsumsymbolik ist. denn egal wie man zu den alten göttern und götzen steht, die den ritus um ein bestimmtes datum vorgegeben haben – die heutigen sind kein stückchen besser. bin ich tatsächlich erst voll ins arbeitsleben integriert, wenn ich mein erstes girokonto eröffne? bin ich wirklich erst erwachsen, wenn ich meinen führerschein in händen halte und am besten gleich loslaufe, mein erstes auto zu erstehen? ich persönlich finde, dass das fehlen von ritualen mancherorts große leere hinterlassen hat. ohne diese institutionen und rituellen handlungen befindet man sich lange in einem schwebezustand – das fehlen der absolution ruft unsicherheit hervor. achtung, aufpassen, werden viele jetzt rufen! denn sich nach einem regelwerk zu sehnen ist in unserer gesellschaft ganz und gar übel beleumundet. ganz egal, was sie mir jetzt vorwerfen wollen: ich bin es nicht. ich bin nicht neokonservativ, ich bin nicht unmündig, ich bin nicht anlehnungsbedürftig – aber ich bin teil der post-68er generation. mit der philosophie „anything goes“ kann ich in der mode ebenso wenig anfangen wie in der gesellschaft. denn die freiheit von regeln und ritualen, das sollte man nicht vergessen, ist die sehnsucht einer elite – und bestimmt nicht der masse.
martina müllner
pool journal