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photo: christof wagner
delirious
wann geraten menschen „außer sich?“ was muss passieren, um in einen zustand zu geraten, der einem weder schmerz noch empfindsamkeit spüren lässt, gleichzeitig aber höchste aufnahmefähigkeit und hingabe ermöglicht? wann gerät jemand in den moment des kontrollverlustes, der ekstase? in westlichen kulturkreisen treten diese unkontrollierbaren „abweichungen“ und ekstatischen erfahrungen zumeist mit dem sexuellen „höhepunkt“ in verbindung. in den traditionellen und stark religiös ausgerichteten regionen der welt gehört ekstase jedoch zu einem ritualisierten bestandteil innerhalb der verschiedenen lebensabschnitte: jede ekstatische erfahrung lässt einem zumeist eine weitere stufe, eine weitere „ebene“ des lebens empor steigen. jedes ritual symbolisiert dabei eine art abschied und neubeginn. stets sind es übergänge in neue lebensphasen, die durch diese ekstasen markiert und körperlich spürbar gemacht werden.
wer die menschheitsgeschichte und ihre sinnstiftenden rituale betrachtet, wird dabei immer wieder auf ekstatische zustände als wichtigen zeremoniellen bestandteil treffen. ekstase gehörte in der mittelalterlichen oder griechischen mythologie ebenso zu einem grundlegenden element, wie auch in den verschiedenen weltreligionen. judentum, islam, hinduismus und christentum verbinden allesamt ekstatische visionen und erlebnisse mit der unmittelbaren nähe zu gott und zum himmel. erzeugt wurden - und werden - diese rauschartigen gefühlszustände zumeist mit hilfe von meditation, gebet, fasten, askese und schmerz in oftmaliger begleitung von trommeln, rasseln, gesang und tanz. auch heute gehören ekstatische rituale in vielen kulturkreisen zu elementaren bestandteilen. durch die zunehmende hinwendung zu intensiver spiritualität und asiatischen lehren wie yoga erlebt auch die ekstase als rituelle zeremonie eine wiederbelebung.

foto: rituelles tempel-festival in südindien im bundesstatt kerala. dabei huldigen die gläubigen eine gottheit, die einen speer in der hand hält. der gottheit zu ehren bringen sich die menschen einmal jährlich in ekstatische zustände und stechen sich nadeln durch zunge und körper. durch sandelholzasche und vorheriges fasten und meditieren blutet die zunge nicht und die wunde bleibt rein.
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helmut wolf
pool journal