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life is easy
es gibt menschen, da funktioniert die einfache kategorisierung nicht. ihre vielfalt, ihr engagement und ihr schöpferisches schaffen lassen ein schubladendenken einfach nicht zu. christian stadil gehört ganz klar zu dieser vielfältigen, nicht einzuordenbaren spezies: er ist zwar inhaber und kreativdirektor der dänischen sportmarke hummel, aber ebenso weltbürger, philosoph, bergsteiger, buddhist - und noch vieles mehr ...
„if you forget yourself, you become the universe.“ dieses zitat ist nicht etwa titel eines philosophischen ratgebers sondern ziert vielmehr die visitenkarte von christian stadil, seines zeichens besitzer und kreativdirektor der dänischen sportmarke hummel. ein zitat, das sinnbildlich sowohl für die unternehmensphilosophie der ursprünglich schon 1923 gegründeten marke als auch für die ganz persönliche lebenseinstellung des menschen stadil steht: mach dich frei, dann wirst du freiheit erleben. jeder mensch, jeder charakter birgt ein eigenes universum in sich. wer teilhaben möchte am ganzen sollte nicht nur nehmen sondern auch geben - und sich nicht so wichtig nehmen.
für stadil ist die unmittelbare verbindung seiner privaten lebensphilosophie und die seines unternehmerischen handelns grundlegendes element. das strikte trennen von beruf und privatem leben ist für ihn gar nicht möglich – auch wenn eine sportmarke nicht vordergründig etwas mit globaler erwärmung zu tun hat. da kann es eben dann schon passieren, dass man auf einer modemesse in erster linie über soziale und umweltpolitische belange plaudert, und erst in zweiter linie über modische neuigkeiten und trends der nächsten saison. die veränderungen in der umwelt, die weltweiten ereignisse und umwälzungen betreffen eben unser aller empfinden - und dabei sind gerade mode und der sport wichtige parameter und „reflektoren“.
seit rund sieben jahren ist der 34jährige christian stadil eigentümer und kreativdirektor der legendären dänischen sportmarke hummel. der aus dänemark stammende, studierte jurist hat aus der ehemals dem teamsport verpflichteten marke „hummel – characters since 1923“ ein ganzheitliches lifestyle-unternehmen geformt. stadil hat es geschafft den bogen vom angesagten trend-label für celebrities bis hin zur ausstattung etlicher sportmannschaften aus den bereichen fußball, handball, basketball, volleyball, eishockey usw. zu spannen – und überall große glaubwürdigkeit zu genießen. seine ganz persönliche inspirationsquelle wird da deutlich, wo es gilt, grundsätze aus dem buddhismus mit der ausrichtung des unternehmens zu verbinden. so ist es stadil beispielsweise gelungen, hummel seit dem jahr 2001 als ausstatter des tibetanischen fußballnationalteams zu verpflichten und damit ein wirtschaftliches exempel mit großer symbolkraft zu statuieren. die verbindung zwischen wirtschaft und spiritualität – „corporate karma“, wie es stadil nennt - geht auf, wie sich an den umsatzergebnissen erkennen lässt. über skandinavisches denken und handeln, über freiräume und rituale ein gespräch mit christian stadil.

lieber christian, wie war deine kindheit, dein lebensbild als kind in dänemark?
kind zu sein in dänemark bedeutet mit viel freiraum aufzuwachsen. die kinder können überall draußen spielen, weil man hier der meinung ist, dass kinder ihren bewegungsdrang ausleben sollen. zudem gibt es ein breites spektrum an bildungseinrichtungen und alternativ-schulen. für jeden typ von kind gibt es eine geeignete schulform, bei der die förderung der persönlichkeitsentwicklung an erster stelle steht. es gibt viele schulen, die sich schon bei schuleintritt der kreativen ausdrucksweise widmen; tanz, gesang, musik usw. anbieten, um dem sinnlichen lebensgefühl hohen wert zu verleihen.
ich persönlich hatte glück und eine sehr schöne kindheit. meine eltern haben sich sehr um mich gekümmert. ich besuchte anfangs eine sehr konservative schule, später kam ich sogar mit dem militär in kontakt, lernte mit 18 jahren asiatische kampfsportarten, was nunmehr gesehen einen großen kontrast zu meiner heutigen lebensführung darstellt. meine mutter war in den 1970er-jahren als model tätig und ich denke, diese feminine, ästhetische energie hat in mir eine starke gegenbalance zu all den groben, militärischen symbolen geschaffen, die mich anfangs angesprochen haben. ich habe dann auch einige zeit als kindermodel gearbeitet.

nicht nur kindern, auch dem liberalen gedankengut gibt man in den skandinavischen ländern viel freiraum zu entfaltung. glaubst du, ist dieser freiraum die beste voraussetzung für das heranreifen wirtschaftlich-sozialen denkens und des so genannten „gesunden menschenverstandes?“
da bin ich mir ganz sicher. in skandinavien, also auch hier in dänemark, gibt es eine lange historie der freien meinungsäußerung. dänemark war eines der ersten länder, wo frauen teil des parlaments waren. es herrschte immer eine liberale atmosphäre zur bildung freier gedanken und ideen. dänemark war auch das erste land der welt, das zivilrechtliche partnerschaften für homosexuelle gesetzlich verankerte. ein symbol liberaler gesinnung ist ebenso der so genannte „freistaat christiania“ in einem stadtteil kopenhagens. dieses „soziale experiment“ wurde anfang der siebzigerjahre von jugendlichen ausgerufen und gilt bis heute als gelungenes projekt zwischen freiheit und demokratie. unsere regierungsverantwortlichen wussten lange zeit nicht, was sie mit diesem „freistaat“ mitten in kopenhagen anfangen sollten. vor einigen jahren wurden vertreter aus der regierung und der wirtschaft eingeladen, um gemeinsam mit den vertretern „christianias“ gute kompromisse auszuhandeln, zielausrichtungen zu definieren. einer der eingeladenen wirtschaftsvertreter war übrigens ich ... (lacht)

... ich habe ja gehört, dass viele „christianitter“ heute als kreative akteure in dänischen unternehmen und institutionen tätig, und als solche sehr gefragt sind ...
ja, richtig. speziell in den kulturellen einrichtungen findest du heute viele leute, die in christiania leben oder gelebt haben. die geschäftsführerin des zweitgrößten theaters in dänemark beispielsweise lebte lange zeit dort. auch wir haben verbindungen dorthin in bezug auf design und der mitentwicklung des so genannten „christiania bike“, das heute eine institution in ganz dänemark und darüber hinaus geworden ist. dieses dreirädrige fahrrad hat vorne eine kleine „ladefläche“, wo die leute ihre kinder, aber auch ihren einkauf und waren transportieren können. auch einer der größten import-unternehmer für asiatische und indische kulturgüter hat seinen sitz in christiania. vor einiger zeit habe ich mir selber über diesen importeur eine riesige, 500 kg schwere buddha–figur bestellt. dieser riesen-buddha steht heute auf meinem balkon ...

du selber bist ja praktizierender buddhist ...
man kann sagen, ich bin jemand, der nicht in schemen einteilt oder in „schwarz-weiß-malt“. ich beurteile nicht in schön oder hässlich, alt oder jung, mann oder frau beziehungsweise direktor, christ, buddhist oder was auch immer ... ich sehe die dinge, die menschen wertfrei. ich bin seit vielen jahren praktizierender buddhist, habe bei buddhistischen meistern in tibet und japan den glauben studiert und empfinde diese art der lebensbetrachtung als sehr inspirierend und befreiend.

du fasst deine aufgabe als kreativer master-mind der sportmarke hummel weit vielseitiger, weitläufiger auf: hummel ist seit vielen jahren ausstatter der tibetanischen fußball-nationalmannschaft, fördert den “world wildlifefund for nature (wwf), engagiert sich im kampf gegen die globale erderwärmung und vieles karitatives mehr. hat jeder mensch in seinem persönlichen umfeld weit mehr gestaltungsmöglichkeit, als er gemeinhin glaubt?
ich bezeichne diese tätigkeiten weit über die grenzen des eigentlichen kerngeschäftes als „corporate karma“ oder „business karma“. eine art spirituelles wirtschaftskonzept. dazu verfasse ich auch ein buch, das nächstes jahr in europa erscheinen wird. es ist dies ein konzept der „spirituellen handhabung“, das im täglichen wirtschaftsleben ebenso seinen platz findet, wie im privaten lebensbereich. in diesem zusammenhang arbeite ich auch mit meinem vater zusammen, der ein großes wirtschaftsunternehmen in der nahrungsmittel-industrie betreibt. außerdem berate ich firmen wie die „scandinavian airlines“, versuche dort konzepte für visionen und missionen zu entwerfen ... ich will mich aber in gar keinen fall als heiliger oder prediger bezeichnen. ich gehe genauso gerne auf partys, trinke gerne ein bier, aber ich versuche dennoch immer, wenn ich etwas nehme auch wieder etwas zurück zu geben. meine überzeugung lautet: so wie du den dingen begegnest, so kommen sie zu dir auch wieder zurück.

„fair trade“ und modische coolness galten lange zeit als nicht vereinbare komponenten, sowohl in der unternehmenskultur als auch für den konsumenten. in der letzten zeit jedoch hat sich das stark verändert, umweltpolitisches bewusstsein gilt als „state of the art“. woran, glaubst du, liegt es, dass viele menschen und unternehmer nun umdenken?
es ist sehr interessant zu beobachten, dass umweltpolitisches engagement und nachhaltigkeit sozusagen zum trend geworden sind. ich bin ja auch mitglied einer dänischen „denkfabrik“ (think tank), einer interessensvereinigung der größten unternehmen des landes. einer der wichtigsten unternehmenswerte des größten gewerbetreibenden lautet dort klar und deutlich: nachhaltigkeit! dabei geht es beispielsweise um die nutzung von solarenergie und ähnliches. dieser tage werde ich mit zehn anderen bekannten leuten aus dänemark im auftrag der regierung nach ghana (afrika) fliegen, um vor ort ein großes hilfsprojekt zu initiieren. das sind sehr große und verantwortungsvolle herausforderungen von globalem ausmaß. du hast heute, so meine ich, als unternehmer eine große verantwortung, die weit über deine eigentlichen branchen- und länderspezifischen grenzen hinausgehen.

spiegelt sich diese wertehaltung auch in euren shops wider?
in gewisser weise versuchen wir diese wertehaltung auf das gesamte unternehmen hummel umzulegen. unsere monostores fungieren dabei als eine art „botschafter-schauräume“, wo es auch gilt, unsere liebe zur authentizität und originalität zu vermitteln: wir verwenden beispielsweise nur natürliche materialien wie holz aus dänemark, das lichtsystem impliziert die typischen lichtverhältnisse aus der nordischen region, viele deko-elemente in unseren geschäften entstammen den ideen des angesehenen dänischen designers arne jacobsen. wir versuchen hier sowohl basiswerte zu verkünden als auch geschichten aus unserer heimat zu erzählen. in gewisser weise sind wir geschichtenerzähler, was die skandinavier ja auch sehr gerne sind. im moment verfügen wir über 100 brandshops weltweit, davon liegen die meisten in asien. auch in europa und im deutschsprachigen raum werden wir in nächster zeit mit neuen monoshops stärker wachsen.

wenn wir von trends und tendenzen in den bereichen der mode- und lebenskultur sprechen, stößt man immer wieder auf attribute wie authentizität, echtheit und originalität. woraus, glaubst du, rührt diese verstärkte sehnsucht der menschen nach echten, nach wahren werten?
viele marken sind heute austauschbar geworden, ohne historie, ohne eine klar erkennbare grundphilosophie. wir können mit fug und recht sagen, dass es unser unternehmen seit dem jahr 1923 gibt, unsere ursprünglichen wurzeln bei der funktionellen sportausstattung liegen, wir aber auch die typisch „dänische“ ästhetik und lebensweise, die liebe zur freiheit in uns tragen und danach handeln. wir sind alles menschen mit bestimmten charakteren, die hinter den produkten stehen, das ist sehr wichtig nach außen hin zu vermitteln.

du benötigst sehr viel energie, um all diese projekte und ideen zu verwirklichen, all diese werte zu verkünden. wo liegt deine energiequelle, deine tägliche antriebsfeder in deinem wirken und tun?
meine einstellung ist: befreie dich von deinem ego, mach dich frei, nimm dich etwas zurück, dann gewinnst du viel energie. außerdem, so meine ich, solltest du bei allem, was immer du tust, leidenschaft mitbringen. ohne passion, ohne liebe zu meinen tätigkeiten, könnte ich diese aufgaben nie bewältigen. wenn ich mich mit leidenschaft meinen tätigkeiten hingebe, etwas gebe, befreie ich mich gewissermaßen auch jedes mal aufs neue.

welche rituale pflegst du am liebsten?
jeder tag läuft bei mir anders ab, da ich viel unterwegs, selten zu hause bin. was ich aber mit sicherheit jeden tag und überall auf der welt praktizieren kann, ist eine art „geturntes ritual“. dabei vollziehe ich eine mischung aus kampfsport und yoga, was nicht länger als 15 minuten andauert und sehr entspannend wirkt. dieses ritual ist sehr wichtig für mich, ich muss das einfach machen ... selbst wenn ich im angeheiterten zustand um fünf uhr morgens nach hause komme, sowie beispielsweise vor einiger zeit in tokio. dabei habe ich mit kunden zuviel und zulange sake getrunken und bin dann spätnachts bei meinen übungen schließlich in die minibar gekracht ... (lacht).
ein anderes ritual verfolge ich nach sehr harten arbeitstagen, wenn ich nach hause komme: dabei schließe ich alle türen, verdunkle fenster und räume, zünde überall kerzen an, von denen ich hunderte habe, mache leise musik an und lasse das badewasser rauschen ... wunderbar! und dann habe ich auch noch ein richtiges sonntagsritual mit meiner freundin, die lyrische sopranopernsängerin ist und jeden sonntagmorgen in der kirche singt, während ich noch schlafe. wenn sie dann nach hause kommt, weckt sie mich zärtlich auf und wir machen gemeinsam ein großes frühstück mit allem drum und dran, lesen gemütlich viele zeitungen und lassen dabei viele stunden vergehen ...

was würdest du sofort ändern, wenn du es könntest?
wenn ich es könnte, so würde ich versuchen, zufriedenheit für die gesamte menschheit zu erreichen. ich denke aber, viel würde sich auch zum besseren wenden, wenn wir uns ein neues bewusstsein aneignen, uns die ursprünglichen, elementaren grundbedürfnisse aller menschen vor augen führen würden. gerade in den westlichen, sehr reichen ländern sollte ein gewisses umdenken einsetzen, um diesen reichtum auch auf andere regionen dieser erde zu verteilen. wir sollten mehr teilen und das leben nicht so kompliziert machen. ein lama (buddhistischer lehrer, anm.) von mir sagt immer: „life is easy, why make it complicated!“

deine liebste kleidung?
ich mag vor allem funktionelle, sportliche kleidung mit einer gewissen ästhetik - natürlich aus unserer kollektion ... (lacht)
helmut wolf
pool journal