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the right kind of seasoning
gute köche wissen, dass selbst in jede süßspeise eine messerspitze salz hinein muss, damit sie schmeckt. mit dem humor ist es ähnlich. er ist wie das salz in der suppe, die wir uns tagtäglich einbrocken und anschließend wieder auslöffeln. humor ist die chilischote, der frisch gemahlene pfeffer und manchmal auch der puderzucker oben drauf, der unserem alltag seine spezielle würze verleiht. ohne humor wäre unser leben nicht halb so köstlich, manchmal ein bisschen zu bitter und teilweise sogar ungenießbar. doch wie würzt man richtig, damit auch die kleinen dinge geschmackvoll gelingen?
der gedanke an kochsalz ruft in vielen von uns einen vernünftigen gedanken hervor: man verwende es sparsam. nicht nur aufgrund der bekannten risiken, wie bluthochdruck bei übermäßigem verzehr. salziges kann einem selbst noch so gut schmecken und ist dennoch nicht gleich jedermanns geschmack. geschmäcker sind nun einmal verschieden. diese filigranen unterschiede können selbst den renommiertesten 5-sterne koch ins strudeln kommen lassen, denn für gewürze gibt es kein allgemein gültiges handbuch mit dosierungsanleitung. fingerspitzengefühl ist gefragt. die einen mögen es pikant, die anderen dezent. sich dabei auf regionale vorlieben zu verlassen kann helfen, garantiert aber noch lange keinen erfreuten „zungenschnalzer“ beim einzelnen. das gleiche gilt für den humor. richtig dosiert zaubert er ein lächeln auf jedes gesicht, macht aus bitter süß-sauer, macht schwere kost bekömmlich. doch jeder von uns mag seine portion humor auf eine andere art serviert bekommen.
ein paar klischees als simple richtlinien für die internationale küche lassen sich schnell entlarven: amerikaner mögen es beispielsweise süß. alles, was sich unter einem zuckergussmantel platzieren lässt, schmeckt. dagegen darf für den russen der alkohol zum dessert nicht fehlen und der asiatische zeitgenosse würde sich lieber seine zunge abbeißen, als den koch für die vorgesetzte kulinarische qual zu tadeln. die briten wissen ihre „baked beans“ so pfeffrig zu würzen, dass man sich in diesem punkt nur ungern mit ihnen misst. auch ihre verwendung monarchischer köstlichkeiten dürfte als nationaler sonderfall gelten und lässt sich daher nur schwer in andere länder importieren. im islamischen kulturraum stößt karikaturistisch angerichtete kost den menschen bitter auf, während sich die deutschen einen küchengruß à la „papa ante portas“ zum auftakt des papstbesuches in ihrer heimat genussvoll auf der zunge zergehen lassen. die verwendung von humor beim anrichten regionaler delikatessen ist daher besonders heikel. hier empfiehlt der küchenchef, sich erst einmal einladen zu lassen, selbst zu kosten, bevor man beherzt zum kochlöffel greift.
auch bei kindern ist vorsicht geboten. gerade die gerichte „für unsere kleinen gäste“ lassen sich ordentlich versalzen. sie haben ihren eigenen geschmack. ketchup auf käsebrot? diesen genuss haben wir verlernt. während wir es amüsant finden, in einem reisgericht auf mandarinenstückchen zu stoßen, verrät ihr gesichtsausdruck bei kulinarischen scherzen dieser art, wie es sich anfühlen muss, auf eine zitrone zu beißen. sie mögen es einfach und unkompliziert: den pommes-teller „micky mouse“ oder den kaiserschmarrn „frau holle“. das schmeckt. nur nicht das schnitzel „robin hood“. das nicht. robin hood darf niemand durch irgendeine panade ziehen und anschließend als scherz verbraten. er ist ein held, und helden sind tabu. das gilt übrigens nicht nur für kinder. auch uns schmeckt es nicht, wenn jemand den wir schätzen, durch den kakao gezogen wird. es kann noch so viel schokolade und zucker darin sein, der nachgeschmack ist trotzdem schlecht. helden als zutat sind so gut wie unverdaulich, bleiben meist mit gräten und schalen am tellerrand übrig und sind damit kein garant für ein zufriedenes schmunzeln.
nach alldem versteht man die moderne vorstellung guter köche von einem rundum gelungenen menü: durch die lukullische präsentation mehrerer kleiner portionen. nach und nach serviert, übersättigen sie nicht. und wenn ein gang nicht schmecken sollte, kann man ihn einfach so stehen lassen - oder selbst nachwürzen. auch der humor lässt sich leichter in kleinen häppchen an die frau und den mann bringen. „fingerfood“ statt eintopf, lautet die empfehlung aus der küche. frisch angerichtet und in individuell zubereitete portionen, so schmeckt der humor einfach besser. die hauptsache ist jedoch, dass man sein persönliches rezept entwirft anstatt es aus einem kochbuch abzulesen. für die richtige dosierung von humor gibt es keine bewährten richtlinien, sie bleibt immer das geheimnis des kochs.
isabel baier
pool journal