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world space
ein kluger berufsnomade hat einmal gesagt „man kann die menschheit in zwei kategorien einteilen: in die menschen, die weggehen und in die, die zuhause bleiben.“
ich gehöre der ersten kategorie an, war schon immer einer, der weggeht. der mensch muss sich bewegen, um sich weiter entwickeln zu können. das war schon immer so, und ich denke, das wird auch immer so weiter „gehen“. aber was genau treibt uns an, das vertraute, das persönliche, das liebgewonnene zeitweilig zu verlassen, das unbekannte zu suchen? was erhoffen wir uns von einer bereits erschlossenen welt? sicher ist es eine flucht vor dem allzu vertrauten, vielleicht auch die lust auf abenteuer oder der uralte wunsch, neue horizonte zu sehen. aber der haupttrieb ist die sehnsucht. dieses vage, schwer zu erklärende gefühl unbestimmten ursprungs. dieses wohlbekannte gefühl, immer da sein zu wollen, wo man gerade nicht ist. vielleicht ist das die triebfeder allen reisens: die archaische sehnsucht nach dem paradies auf erden ... wer weiß?
natürlich weiß ich, dass es kein „paradies auf erden“ gibt. ich bin ein aufgeklärter, vielgereister und vor allem ein - wie tausend andere auch - arbeitender mensch. für uns ist reisen, der besuch fremder länder nicht mehr abenteuer sondern alltägliche notwendigkeit. reisen bedeutet nicht mehr das jenseits herauszufordern, sich bis zu jenen randzonen vorzuwagen, wo man gefahr läuft auf die andere seite zu fallen und nicht wieder zu kehren. terminals, flughafenlobbys, taxis, hotels. geschäftsreisen. immer das gleiche: zeitdruck, termine, geschäftsessen. immer gleich. die fremdheit und exotik des landes, in dem man sich befindet, kann man nur ganz schwach erahnen. für sehnsucht ist da kein platz. dafür macht sich ein anderes, deutlicheres bedürfnis bemerkbar: das bedürfnis nach freiraum. und den kann man an bestimmten, besonderen orten tatsächlich finden. diese besonderen orte ermöglichen uns authentische und persönliche erfahrungen während einer reise zu machen. sie sind nicht einfach nur häuser, die uns für einen bestimmten zeitraum ein bett zum schlafen, zur verpflegung und für den komfort anbieten; sie sind orte an denen harmonie zu spüren ist. harmonie, die in einer dynamischen verbindung von architektur und umgebung liegt. an solchen orten hat der reisende das gefühl, das land und seine kultur nicht nur zu streifen sondern unmittelbar zu erfahren. hier wird unser bedürfnis nach reinheit, nach klarheit in einer immer schwerer zu überschauenden welt gestillt. und so werden diese orte zu einem geradezu magischen umfeld. dort nehmen wir energie in uns auf, aus der wir kraft schöpfen und aus der wir uns entfalten können. das ist freiraum - und luxus. denn für den reisenden des 21. jahrhunderts sind „fühlbare freiräume“ zu seltenen und kostbaren luxusgütern geworden: zeit – raum – individualität, das hat nichts mit dem finanziellen oder sozialen status des einzelnen zu tun sondern damit, wie wir unsere eigenen „räume der freiheit“ definieren - uns selbst raum und zeit geben. wir schaffen uns also unseren ureigensten luxus, was an manchen orten einfach besser umsetzbar ist.
es geht nicht darum, einfach nur um den globus zu jetten und irgendwo komfortabel station zu machen. es geht darum zu sich selbst zu finden, sich als teil der welt zu begreifen und dafür sensibilität zu entwickeln. ich will auf meinen reisen nicht globales vorgegaukelt bekommen, in irgendwelchen, immer gleichen hotelzimmern aufwachen und gar nicht mehr wissen, wo ich bin, ich möchte vielmehr in ein land „eintauchen“ und authentisches erfahren. mit protzigen fassaden und rotem brokat hat das wenig zu tun, vielmehr mit dem einzigartigen erlebnis des ankommens und verweilens. bereicherung und erweiterung zu erfahren an einem außergewöhnlichen ort, einem ersehnten ruhepunkt, einem ort, den man jahrelang in der erinnerung genießen kann und dessen eindrücke den horizont im kopf erweitern. mit diesem gefühl kann ich beruhigt nach hause zurückkehren, wo das vorher allzu vertraute plötzlich wieder wunderschön erscheint. ich habe das paradies auf erden viele male gefunden. aber ich will es nicht behalten, will weiter suchen und weiter sehnsüchtig träumen ...
claus sendlinger
pool journal