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part of the body
„ohne handy fühle ich mich richtig unsicher“. diese aussage eines benützers wird heute nicht mehr belächelt sondern stößt auf durchaus kollektives verständnis. in den letzten jahren hat sich das handy zunehmend vom gebrauchsgegenstand zum „hilfsmittel“ individueller persönlichkeitsdarstellung entwickelt. über technische und soziologische aspekte ein gespräch mit alexander sigle, produkt- und marketing-manager bei motorola.
das mobiltelefon als teil der persönlichkeit, als teil des körpers? dass das handy heute weit mehr ist als bloßes ding zum telefonieren wird an vielen merkmalen deutlich. ob in der freizeit, bei der arbeit oder unterwegs, das mobiltelefon am ohr, am tisch liegend oder in der hosentasche gehört zum allgegenwärtigen leitbild westlicher lebenskultur. sowohl handy-design als auch klingelton geben heute rasch auskunft über geschmack und eigenschaften des benützers. ob lustige farben oder schlichtes schwarz, ob schriller musik-klingel-ton oder sanftes blubbern, mit individuellen designs und styles dokumentiert der handy-user seine modischen vorlieben anhand des mobiltelefons. die rasante technische weiterentwicklung hat das mobiltelefon zudem auch zum arbeitswerkzeug, zum funktionellen tool für datenkommunikation und -transfer gemacht. alexander sigle, marketing-manager bei motorola und verantwortlicher für portfolioplanung und produktpräsentation bei t-mobile, erläutert seine sichtweisen über mode-handys, komplexität und „soziale verbundenheit“ durch das mobiltelefon.

lieber alexander sigle, das mobiltelefon hat sich vom pragmatischen telefon zu einem stilelement für den einzelnen, zu einem teil der identität und persönlichkeit entwickelt. wie beurteilen sie diesen gesellschaftlichen aspekt?
ich bin da absolut ihrer meinung. das telefon wächst immer stärker zu einem lifestyle-accessoire heran, wie eine handtasche, die mont-blanc-füllfeder oder die markenjeans. das mobiltelefon ist zu einem wichtigen stilelement geworden. man lebt mit dem telefon. es wird nicht nur zum zweck des telefonierens mitgenommen sondern getragen wie das liebste kleidungsstück. wir halten uns daran fest und werden nervös, wenn es nicht mit dabei ist. es wird in gewisser weise zum teil des einzelnen. diese entwicklung ist da, die gehört zu unserem leben ...

ohne mobiltelefon ist man heute ja eigentlich ausgeschlossen?
richtig. man ist ohne handy sozusagen nicht mehr verbunden mit der umwelt. das mobiltelefon ist dabei neben e-mail, internet und anderen kommunikationsmedien ein teil der gesellschaft geworden. jeder ist es heute gewohnt, nicht mehr tagelang auf briefe, auch aus übersee, zu warten sondern schnell und unkompliziert zu kommunizieren. das mobiltelefon ist dafür natürlich ein ideales mittel, um nachrichten und bildmaterial zu versenden oder zu empfangen. gerade mit bildnachrichten lassen sich verstärkt auch emotionen transportieren. das alles kann dieses kleine gerät für uns erledigen. ich kann das handy überall hin mitnehmen und es herrscht in europa eine fast gänzliche netzabdeckung. ich denke, das alles ist ein wichtiger bestandteil unseres lebens geworden. die kommunikation, die verbundenheit und der zugriff zur information, zu den nachrichten ist dadurch enorm erleichtert worden.

viele leute fühlen sich ohne ihr handy gewissermaßen unsicher. kann man ihrer meinung nach sagen, das mobiltelefon stärkt auch merklich das sicherheitsgefühl des menschen?
ja. ich denke, diese empfindung hat damit zu tun, dass wir heute zu jeder zeit, immer und überall kommunizieren können. ist dies eben einmal nicht der fall, ist es also nicht möglich, einen notruf zu tätigen oder erreichbar zu sein, so werden wir relativ schnell nervös. dies ist ein psychologischer aspekt. man denkt sich, alle anderen sind erreichbar, also muss ich auch immer erreichbar sein. vergleichbar ist das mit einer tv-serie, die alle ihre freunde sehen und darüber sprechen, nur sie sind der einzige, der zu dieser serie nichts sagen kann.

apropos sicherheit: könnte das mobiltelefon vielleicht auch bald medizinisch wertvolle dienste leisten, beispielsweise für herzfrequenz- oder blutdruck-messung?
in der regel werden medizinische dienstleistungen derzeit noch auf nischenprodukten angeboten, wie notruftelefone für ältere oder kranke menschen mit integrierter überwachungsfunktion, wo puls- bzw. herzfrequenzen regelmäßig weitergesendet und ausgewertet werden. bei kritischen werten kann es durch eine entsprechende weiterleitung auch zum einsatz eines krankenwagens oder zur medizinischen hilfestellung kommen. es gibt überdies verschiedene ansätze, um den standort des mobiltelefons nach einem automatisch abgesetzten notruf zu ermitteln und hier sofort die rettung in bewegung zu setzen. dieser service hat sich vor allem in den usa durchgesetzt. technisch gibt es das alles schon, inwieweit sich dieser „vital-service“ in zukunft entwickelt, wird man sehen.

mit der wahl des mobiltelefons und seines jeweiligen designs wird heute in gewisser weise auch ein modisches statement gesetzt. sind sie als produkt-manager für handys auch so eine art mode-designer?
bei uns macht das eine eigene abteilung, die sich „consumer experience design“ (cxd) nennt. diese arbeitet weltweit mit designern zusammen, beobachtet markttrends in den bereichen hardware, formen usw., welche dann in das design unserer produkte mit einfließen. vom ablauf her ist diese tätigkeit definitiv dieselbe wie die eines modedesigners. wir haben auch einige partnerschaften mit renommierten designern wie unrath & strano oder
dolce & gabbana mit dem „v3i“-handy sowie dem „new faces award“, die erkennen lassen, wie wichtig uns die positionierung als design-brand ist.

die vielzahl an funktionen am mobiltelefon überfordert viele benützer. komplexität steht oftmals dem bedürfnis nach einfachheit gegenüber. wie schafft man es zwischen diesen beiden polen kundenzufriedenheit zu erzeugen?
bei uns gibt es einige funktionen, die der kunde bemerkt und einige, wie die schnelle datenübertragung und ähnliches, die er nicht bemerkt. damit wollen wir gewährleisten, dass aktuellste technologie im hintergrund läuft, ohne dass es für den konsumenten zu kompliziert wird. auf der anderen seite gibt es die tendenz des kunden, immer mehr nachrichten zu versenden, fotos zu machen und zu verschicken oder z.b. e-mails zu schreiben. hier wollen wir einen zwischenweg finden, um zu zeigen, dass diese features zwar da sind ohne jedoch für denjenigen, der diese nicht benützen möchte, störend zu wirken. daran arbeitet ebenso unser cxd-team (siehe oben), das neben der physischen gestaltung der hardware, das telefon selbst, auch für das user-interface verantwortlich ist. darunter versteht man das design einer einfachen und möglichst angenehm gestalteten menüstruktur, dem menübaum und den möglichkeiten der texteingabe.

immer mehr funktionen auf immer gleicher (handy-)fläche. wie weit, glauben sie, kann sich diese „miniaturisierung“ der features noch fortsetzen?
einige der leistungsmerkmale liegen im bereich software, und hier gibt es fast unendlich viel spielraum. ähnlich wie bei den computern steigt auch bei den handys immer mehr die speicherkapazität bei gleich bleibenden preisen. in bezug auf die miniaturisierung gibt es aber durchaus grenzen. die tastatur muss natürlich gut bedienbar sein, das display muss gut lesbar sein usw.

ist es heute noch möglich zu prognostizieren, welchen anforderungen das mobiltelefon beispielsweise in fünf jahren zu entsprechen hat?
das ist ganz unterschiedlich. es gibt einerseits netzwerk-komponenten, die natürlich mit dem jeweiligen netzwerk zusammenpassen müssen. hier gibt es in der regel durchaus längerfristige planungsmöglichkeiten. bei der einführung von umts (universal mobile telecommunication system), dem system für schnelle datenübertragung, war es beispielsweise leicht, in die zukunft zu blicken. bei fragen jedoch, wie viel megapixel die handykamera haben soll, können wir nicht einmal ein jahr voraus schauen. wir beobachten den markt sehr genau, achten auf das verhalten der konsumenten und können auch kurzfristig reagieren. zum thema, welche rolle generell das mobiltelefon in fünf jahren haben wird, denke ich, dass es noch stärker teil unseres täglichen lebens werden wird. nicht nur der internet-zugriff, auch zusätzliche funktionen, die den normalen alltag mit einbinden, werden möglich sein.

die sehnsucht nach unerreichbarkeit steigt parallel zur zunehmenden erreichbarkeit und technologisierung unseres alltags. wo und wann sollte ihrer meinung nach das handy abgeschaltet bleiben?
jedes mobiltelefon hat einen aus-knopf. wer also nicht erreichbar sein möchte kann es natürlich ausschalten. wie mit dem handy persönlich umgegangen werden soll, ist eine sache der eigenverantwortung. jeder kann dabei seine eigenen regeln bilden. natürlich gibt es einen erwartungsdruck von außen, eine verinnerlichte erwartungshaltung, dies liegt aber nicht am mobiltelefon sondern an unserer gesellschaft.
helmut wolf
pool journal