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my town
volle tage, unzählige termine, verspätungen, entschuldigungen, erledigungen – und dann – ruhe. ich versuche nicht, die nacht zum tag zu machen. eher das gegenteil. ich will nur schlafen. schnell verlasse ich den ort der realität, meine träume tragen mich weit fort.
ich erwache wieder. mein bescheidenes domizil innerhalb der geschichtsträchtigen mauern ist im letzen stock eines mit stuckaturen und bemalungen beladenen stadthauses. ich bin eine der mehr oder weniger glücklichen personen, die trotz der enge der gassen einige stunden am tag mit natürlichem licht versorgt wird, das sich durch die lamellen der holzläden in hellen streifen über das zimmer wirft. noch schlaftrunken nehme ich ein von der gasse kommendes gleichmäßiges gemurmel wahr, vereinzelt etwas lauteres gezeter in unverständlichem dialekt, der landessprache eigentlich mehr als fremd. die laute vermengen sich mit der noch frischen luft, die schon beginnt, sich mit hitze zu tränken, zu einem dumpfen, regelmäßigen, durchaus angenehmen und beruhenden geräusch. einem gemisch aus monotonem geschwätz und geschäftigem treiben in vorbereitung auf die ankommenden touristenschwärme, die in kurzer zeit die alten, engen, schwer begehbaren und mit steinen gepflasterten straßen heimsuchen werden. touristen aus japan, fortwährend lächelnd, kinder, von der hitze gequält und der erdrückenden historie der stadt gelangweilt, wo auch immer herkommende füße ... mir scheint es immer, als würden sie die stadt gar nicht sehen, als würden sie diese nicht atmen, riechen, wie ich es vermag.
die frische legt sich schnell. die fensterläden zu öffnen wäre töricht, weil sich die noch lange nicht auf ihrem höhepunkt befindliche hitze viel zu schnell im zimmer ausbreiten würde. dennoch wage ich einen kurzen blick auf die enge gasse. sofort bin ich wirklich wach. das geschäftige treiben macht mich fröhlich, reißt mich aus meiner schlaftrunkenheit. kein hauch von kitsch haftet an den produkten der handwerker und händler. ich frage mich oft, wie soviel stil, geschmack und sinn für schönheit sich an einem platz treffen können. forscher sagen, dass die gene dafür verantwortlich sind. ich glaube, dass es die alten mauern sind, perfekt positioniert inmitten dieser weichen hügel - im frühling dunkelgrün und frisch, kraftvoll, die zukunft huldigend, im sommer imposant und stolz unter der unaufhörlich scheinenden sonne, im herbst die geburtsstätte der besten weine und öle der welt und im winter ein ort der ruhe. ich unterliege seit langem diesem zauber. es wäre fast anmaßend, sich nicht anzupassen. nicht nur deshalb achte ich mehr als irgendwo auf dieser welt auf mein äußeres.
obwohl ich hier verweilen darf, bin und bleibe ich dennoch immer gast. zwei ältere herren, die sich im schatten direkt vor dem obsthändler, der den frisch gelieferten vorrat in seinem winzigen gassenlokal fast künstlerisch gestapelt hat, in ihren klappstühlen positioniert haben, wünschen mir einen schönen morgen. sie fragen nach meinem namen, überzeugt von ihrem recht nach informationen über die in ihrer stadt immer wieder auftauchende. wer innerhalb der mauern geboren ist, kennt seine stadt und ihre dort verkehrenden menschen, ist interessiert an jedem, der sich über die durchschnittliche durchlaufzeit eines touristen hinaus wiederholt blicken lässt. wer hier leben darf, steht rede und antwort, lebt nicht nur in der stadt sondern für sie und mit ihr, versteht ihre mechanismen, respektiert die traditionen.
die hitze hat sich inzwischen schon wieder auf die gemäuer gelegt und beginnt in sie einzudringen. die sonne steht hoch und trotz der schmalen gassen, die meist im schatten liegen, legt sich die heiße luft auf die haut, breitet sich in den lungen aus. abkühlung ist nicht in sicht. es mag seltsam klingen, aber auch die hitze versuche ich genau wahrzunehmen. an die während des tages wechselnden empfindungen und gerüche werde ich mich in weitaus realeren momenten erinnern.
der platz ist für das große rennen der pferde schon mit einer zwei meter hohen sandschicht bedeckt. ausgewählte pferde werden in einigen tagen wenige dutzend sekunden lang für die menschen jenes stadtteils laufen, für den sie gelost und in deren kirche sie gesegnet wurden. nur ein pferd wird noch einmal das innere eines gotteshauses sehen. es wird verfolgt und umringt von den jubelnden, bedeckt mit einem tuch, dass die jungfrau maria ehrt, durch die schönste aller städte laufen, um in den heiligen hallen des doms als sieger geehrt zu werden.
heute nacht werden die pferde durch die straßen und über den platz getrieben, damit sie das magische an jenem ort spüren und der hauch der jahrhunderte alten traditionen von ihren beinen und rümpfen besitz ergreift. ich werde mich mit einer flasche voll mit dem saft der trauben, gewachsen, gepflegt und gekeltert auf den feldern der umliegenden hügel, auf den tribünen um den platz niederlassen und hoffen, dass mich nicht der schlaf vom imposanten anblick der vollblüter, die im mondlicht den platz überqueren, abhält. die beeindruckende silhouette des rathauses, das im sand zu versinken scheint, taucht immer verschwommener und seltener auf. die müdigkeit nimmt mir die kraft, auf den unbequemen tribünen haltung zu bewahren. der wein tut sein übriges.
ich schlafe mit dem ruhigen herzen derer ein, die sich in der heimat befinden. auch dieser traum geht zu ende und als ich aufwache, weiß ich, dass mich die wirklichkeit wieder hat.
sabine lakonig
pool journal