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lake seeking
als ich zum ersten mal in meinem leben am meer gestanden bin – für uns binnenländer aus österreich ist das „große wasser“ keine selbstverständlichkeit – habe ich gleich einen furchtbaren schreck bekommen. nicht das meer, nicht die weite, nicht die wellen haben mir angst eingejagt, sondern der große krebs, der vor meinen füßen quer gelaufen ist. dass die brühe vor lignano oder irgendeinem anderen italienischen adriaort dann auch noch salzig schmeckte, hat mich auch nicht fröhlicher gestimmt.
das meer, nach dem ich so große sehnsucht gehabt habe, erwies sich als ganz schön gewöhnungsbedürftig. tauchen mit offenen augen wie zu hause am fuschlsee, wolfgangsee oder hintersee? ein tränenreiches vergnügen da „unten“ am meer. wilde wasserschlachten mit dem bruder, bei denen jeder beteiligte ganz schön viel wasser schluckte? mir war schon nach dem ersten angriff übel von dem vielen salzwasser. und doch schätzte ich das meer – allerdings anfangs eher für seine exotik. mit jedem kilometer, den wir in diesem urlaub die italienische und kroatische küste entlang gefahren sind, habe ich das meer ein stückchen lieber gewonnen. hab mich daran gewöhnt, dass man die augen schließen muss, wenn man wild paddelt, hab mich damit abgefunden, dass wellen mitunter tückisch sein können und mich damit arrangiert, dass das getier eben nicht aussieht wie in vertrauten gewässern. schon als baby hatte ich so viel freude am kühlen nass, dass ich den see immer nur unter lautstarkem brüllen wieder verlassen habe. selbst blau gefrorene lippen und schrumpelhaut hätten mich niemals dazu bewogen, vor einbruch der dunkelheit einen see zu verlassen. heute, wenn ich an irgendeinem see liege und erbostes kindergeschrei höre, muss ich daran denken, wie es meinen eltern wohl ergangen sein muss. wenn sie mich quietschend, protestierend, mit den beschwimmflügelten armen rudernd vom see abkarren und sich von den anderen badegästen mit vorwurfsvollen blicken bedenken lassen mussten, ob ihres ungezogenen kindes. aber wie hätte ich anders reagieren sollen? das wasser war meine große liebe, von anfang an. besonders die vielen seen rund um meine heimatstadt salzburg waren und sind für mich das paradies schlechthin. das privileg, in glasklarem wasser seine runden ziehen zu können, umgeben von atemberaubend schöner natur, fühlt sich für mich noch heute besser an als die perspektive, am meer zu wohnen. so sehr ich die vielen gesichter des meeres schätze, so sehr ich einen urlaub am strand genieße – so sehr zieht es mich zurück an diesen ort – den ort meiner „seen sucht“. dass ich dieser sehnsucht viel zu selten nachgebe, dass ich viel zu selten die vorzüge dieser landschaft genießen kann, tut ihr keinen abbruch. im gegenteil. wie ein liebhaber, der sich rar macht, gewinnen diese orte mit jedem tag abstinenz an zauber. zurückzukommen ist dann wie ein geschenk: zum einen, weil es die sehnsucht stillt, zum anderen, weil das spiel nach dem abschied von neuem beginnt. eine liaison, die mich wohl mein leben lang nicht mehr verlassen wird. hoffentlich! denn was gibt es schöneres, als sich erst zu sehnen, dann diese sehnsucht erfüllt zu bekommen und daraus wieder eine neue sehnsucht abzuleiten?
martina müllner
pool journal