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an ocean of stars
war das ein gefühl: wedel lag schon „achteraus“ (hinter uns) und voraus war schon stade bei hamburg zu sehen. immer breiter wurde der strom, der ihn hinaus zog, seit er denken konnte. es muss anfang der dreißigerjahre gewesen sein, da kam sein vater schon ganz früh morgens an sein bett, das im schlafzimmer der eltern stand und weckte den ältesten der drei kinder: „max, mien jung! reise, reise aufstehen! wir müssen los.“ ein kurzes augenreiben und er war hellwach.
auf diesen tag hatte der junge schon lange gewartet, denn sein vater hatte ihm immer versprochen, wenn er nur erst mal alt genug wäre, würde er es ihm zeigen. an diesem sonntag war es so weit. neben der kanne und der brotdose, die sein vater immer mitnahm, wenn er zur arbeit ging, hatte seine mutter in dickes papier noch ein paar brote eingewickelt. sie stand schon in der küche, als er herein kam und sich die hosenträger überzog. noch schnell die schuhe anziehen und los ging es. es dauerte nur eine viertelstunde mit der bahn, bis sie da waren. er kannte die strecke, seine mutter nahm ihn und seine geschwister nachmittags nach der schule öfter mit, wenn sie den vater von der schicht an den landungsbrücken abholten. er zählte schon die stationen ... endlich war es so weit: die bahn ruckelte quietschend aus dem tunnel, und da die sonne schon recht hoch stand, musste er kurz die augen schließen. als er die augen wieder öffnete, war er in einer anderen welt angekommen. masten, taue und schwerer qualm aus unzähligen schornsteinen und schloten der schlepper, schuten und frachter zeichneten ein fast unwirkliches bild. hinzu kam das tiefe, durchdringende hupen aus den dampfpfeifen der schiffe und ein durcheinander, das einen schwindelig werden ließ.
nur ein paar schritte und sie standen auf den schwankenden pontons direkt am wasser. im minutentakt legten hier die barkassen, also verkehrsschiffe an, um den strom der werft- und hafenarbeiter auf die andere seite zu bringen - sozusagen in das „herz“ dieser hafenstadt. dort, wo das tor zur welt stand! oft hatte er davon gehört und sich gefragt, wie groß dieses tor wohl sein muss, wenn all diese großen schiffe hindurch passten. „ein bisschen müssen wir noch,“ sagte sein vater aufmunternd und als sie endlich angelangt waren, wusste er, dass er hier nie wieder weg wollte. kräne, lokomotiven, schiffe, fremde leute aus aller herren länder, sprachen, die er nie zuvor gehört hatte und dinge, die er bisher noch nie gesehen hatte. säcke voll kaffee, holz, schwere maschinen und kisten, gewürze und tee füllten die luft mit einem geruch, den er auch heute noch in seiner nase trägt.
mehr als dreißig jahre lang fuhr er mit all diesen kisten, säcken und maschinen rund um die welt. der hafen war dabei immer nur eine station für ihn. wo er sich hin sehnte, gab es keine kräne, keine lokomotiven und keinen geruch von kaffee und gewürzen. dort draußen wehte der wind all die gerüche und bilder von bord und wenn er wieder einmal nachts auf der brücke stand, mit dem rudergänger über die welt philosophierte und merkte, dass er eigentlich gar nicht reden wollte, ging er einfach hinaus auf das schiffsdeck. dann stand er da. es war immer gleich und doch jedes mal war der vorgang ein neuer. er griff in seine brusttasche, steckte sich eine zigarette an, schloss kurz die augen und als er sie wieder öffnete, waren sie da. gezählt hatte er sie nie, denn er wusste, dass es mehr waren, als er jemals zählen konnte. in dem buch, das ihm seine frau geschenkt hatte, waren jedoch die wichtigsten von ihnen abgebildet. und egal wo er gerade war, fand er sie immer wieder. all die jahre haben sie ihn begleitet und manchmal, wenn er nachdenklich wurde und ganz still, fragte er sich, ob sie zu hause wohl auch gerade in den himmel schauen würden ... zu den sternen.
in all den jahren sahen sie sich nicht oft. die kinder sah der vormals junge mann immer nur für ein paar wochen zwischen den großen törns. ein paar fahrten noch und er sollte an land bleiben. das angebot, im hafen am schreibtisch papiere der schiffe auszufüllen, zu stempeln, zu unterschreiben, war zwar nicht das beste, was einem seemann passieren konnte, aber er war müde geworden und so konnte er jeden tag bei seiner liebsten sein. die kinder waren längst aus dem haus und an seinem letzten tag kam sein chef ins büro, gab ihm einen strauß blumen, eine flasche cognac, den er nie trank und bedankte sich. „tschüß!“, war sein letztes wort, als er die tür hinter sich zu zog und den speicher verließ. ein paar mal noch ist er mit seiner frau hinaus gefahren. auf einem „fleischdampfer“, wie er die kreuzfahrtschiffe immer nannte. wedel, stade, brunsbüttel „backbord voraus“ und dann war es wieder da, dieses gefühl, das ihn sein leben lang begleitete und all die jahre die brennende sehnsucht nach der weite unentwegt lodern ließ. als seine frau nachts allein aufwachte, stand er oft draußen. er griff sich an seine brusttasche, schloss die augen und als er sie wieder öffnete, schlug er das buch auf. alle waren sie wieder da, als hätten sie auf ihn gewartet.
bjørn baumann
pool journal