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body of sound
kein instrument hat so eine körperliche ausstrahlung wie die elektrische gitarre, kurz e-gitarre. sie lässt gefühle hörbar werden, heult, kreischt, hämmert, röchelt oder fließt zärtlich zupfend geradewegs in unsere herzen. viele e-gitarristen hegen eine lebenslange beziehung zur ihrem „leib-instrument“. als jene gitarre, die als mutter aller e-gitarren bezeichnet wird, gilt bis heute die legendäre gibson les paul.
aus dem bauch in den kopf über die finger auf die seiten in den verstärker. echte, unverfälschte gefühle lassen sich durch nichts „lauter“ und klarer deutlich machen, als durch das spiel auf einer e-gitarre. wer freude, trauer, wut, glück, rhythmus, sex, vernunft, unvernunft, schmerz, rasende geschwindigkeit oder ruhe und frieden einer größeren anzahl von menschen nahe bringen möchte, wird beim elektrisch verstärkten gitarrenklang den wahrscheinlich ausdrucksintensivsten „übermittler“ finden. die e-gitarre ist unübertreffbar in ihrem enorm emotionalen kraftvolumen. schon eine person, ein einziger gitarrenspieler kann mit ein paar klug eingesetzten „griffen“ tausende zuhörer in einen wahren begeisterungstaumel mitreißen. und schon so manch geniales gitarrensolo eines live-konzerts gilt für viele zu den schönsten momenten in ihrem leben. man denke nur an die ganz großen gitarristen wie eric clapton oder carlos santana. abend für abend beweist die kollektive begeisterung bei den vielen großen und kleinen live-auftritten und konzerten, dass der unmittelbare, der direkte kontakt zwischen elektrisch verstärkter musik und den menschen zu einem essentiellen bestandteil unseres lebens zählt. musik, vor allem „hand gemachte“ gitarren-musik, nährt unsere seele, sie inspiriert und trifft unser innerstes.
seit über 70 jahren hat die e-gitarre nichts von ihrer faszination, nichts von ihrem ausdrucksstarken volumen ihres ewig klingenden „klangkörpers“ verloren. gerade sehr emotionale musiksegmente wie beat, punk, rock, blues, funk oder soul leben seit jahrzehnten vom sound der e-gitarre. erst der gitarrensound macht den song, die melodie vollwertig. niemand kann das wahrscheinlich glaubwürdiger bestätigen, als der musiker und „godfather“ aller gitarristen, lester william polfus, besser bekannt unter dem künstlernamen „les paul“. der mittlerweile über 90jährige, noch immer aktive musiker, gilt als erfinder des berühmten e-gitarrenmodels „gibson les paul“, welches für seinen besonders weichen und warmen sound bekannt ist. les paul hatte sich in den 1930er jahren, sozusagen aus der not heraus, seine ganz eigene gitarre gebaut. zu dieser zeit war es noch üblich, akustische instrumente mit elektrischen tonabnehmern auszustatten, was aber keine optimale klangqualität ergab. les paul entwickelte ein zwar optisch der akustikgitarre ähnliches instrument, jedoch war sein modell weit kompakter und verfügte über eine ausgeklügelte elektronik. nach einigen jahren erfolgreicher testphasen, wurde die e-gitarre schließlich unter dem namen „les paul“ als erstes „solidbody“ (festkörper)-modell vom us-gitarren-hersteller gibson am markt präsentiert – und entwickelte sich zum erfolgreichsten modell des unternehmens. für ganze generationen von musikern wurde die les paul zum „leib-instrument“. außerdem wurden unüberschaubar viele spezial-modelle für unterschiedlichste ansprüche und musikgenres angefertigt. so spielte beispielsweise der bluesmusiker john lee hooker auf einer „goldtop“, der reggae-barde bob marley auf dem modell „junior“, jimmy page von der rockband led zeppelin auf einer 12-seitigen „les paul“ und der gitarrenvirtuose jimi hendrix auf der extravaganten „flying v“, die er sich mit einem nagellack im psychedelischen look „kostümierte“. anfang der 90er jahre entdeckten auch viele hardrock- und heavy metal-musiker den satten sound der les paul.
dass in den letzten jahren die nachfrage nach klassischen e-gitarren und traditioneller gitarren-handwerkskunst wieder stark ansteigt, bestätigt nur die durchaus glaubwürdige aussage von lester william polfus, alias les paul, der vor einiger zeit meinte: „ich bin ganz sicher, dass viele große gitarristen ihre frauen und kinder lieben, aber wenn sie ganz ehrlich sind, werden sie zugeben, dass die gitarre trotzdem das allerwichtigste für sie ist.“
helmut wolf
pool journal