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photo: 4 jahreszeiten
a hotel for all seasons
ein altehrwürdiges hotel, bekannt, ja fast ein wahrzeichen, wird von einer großen hotelgruppe gekauft. das ende einer langen tradition? nein, ein behutsamer neuanfang.
schon zweimal wurde ingo c. peters, general manager des raffles hotel vier jahreszeiten in hamburg, zum hotelier des jahres gekürt. nur eine von vielen auszeichnungen, mit denen das grand hotel an der alster seit der übernahme durch die in singapur ansässige raffles holding dekoriert wurde. für den hotelmanager, der seine berufliche laufbahn als page im vier jahreszeiten begonnen hatte, bevor ihn managementaufgaben in die ganze welt führten, ist die rückkehr in das stolze hotel in der hansestadt ein karrierehöhepunkt. „es ist eine spannende herausforderung, keinesfalls alltäglich und etwas ganz besonderes.“ besonders vor allem deshalb, weil es für den wahl-hanseaten gilt, die gegensätze zwischen der fast 110jährigen hoteltradition und den anforderungen der eigentümer auszugleichen. „wir mussten von anfang an unseren kapitaldienst leisten, wer glaubt, es würden aus singapur geldsäcke nach hamburg geschickt werden, um dieses erbe in schuss zu halten, irrt.“ eine herausforderung, der viele branchenkollegen mit outsourcing und kostenminimierung begegnen würden. nicht so ingo c. peters. noch immer beschäftigt das hotel 270 mitarbeiter, gibt die verantwortung nicht an housekeeping-agenturen ab. floristik, klempner, bäcker, polsterwerkstatt, schreiner, hauselektrik: kaum ein anderes hotel leistet sich heute noch den luxus, hausintern spezialisten für jede kleine aufgabe – und jede kleine panne - zu haben.
mit seiner „bewusst altmodischen“ einstellung, seiner weigerung, personal auszulagern um kurzfristig die bilanzen zu schönern, ist peters eine ausnahmeerscheinung unter modernen hoteliers. für ihn selbst allerdings ist die lage klar: nur so könne man gäste betreuen, als wären sie bei guten freunden zu besuch. „der gast, der zu uns kommt, will mehr als nur ein dach über dem kopf. er will wieder erkannt werden, schätzt, dass er von bekannten gesichtern begrüßt wird und dass wir seine vorlieben und abneigungen kennen.“ selbstverständlich verlangt dieser anspruchsvolle gast auch modernste annehmlichkeiten. in einem hotel, in dem man zwischen 220 und 4.000 euro pro nacht bezahlt, ist dies auch nicht verwunderlich - und doch eine riesige herausforderung für das management. alleine die nachrüstung einer klimaanlage oder der drahtlose internetzugang in dem altehrwürdigen hotel hat überproportional zeit und ressourcen gekostet. mit jeder modernisierung, die ingo c. peters anstrebt, steht er wieder vor gegensätzlichen ansprüchen: zum einen gilt es, eine legende zu konservieren, zum anderen, ein hotel zu modernisieren und für die kapitalgeber einer börsennotierten gesellschaft gewinne zu generieren. viele neuerungen sind gelungen: das euro-asiatische restaurant doc cheng´s ist an die stelle einer rustikalen kellerbar getreten, im amrita spa werden hoch über den dächern von hamburg gäste verwöhnt, das raffles deli ist besonders bei einem jüngeren klientel beliebt. neuerdings lädt auch die „jahreszeiten-terrasse“ zu einer pause direkt am alsterufer ein. und doch gewinnt man den eindruck, dass sich diese innovationen nur deshalb so perfekt einfügen, weil ingo c. peters und sein team an anderen stellen die tradition so hochhalten. weil die pagen noch immer in uniform vor dem hotel begrüßen, weil das gepäck schneller als der gast auf das zimmer gebracht ist, weil technischer hightech in kostbaren antiquitäten versteckt wird, weil die hauseigene floristin immer für passenden blumenschmuck sorgt, weil der etagenkellner das opulente jahreszeiten-frühstück noch immer persönlich serviert, weil in den weinkellern des hauses edle tropfen lagern, welchen die mitarbeiter einst im krieg eingemauert hatten, um sie zu schützen, weil viele angestellte selbst schon zur legende geworden sind. eine dieser legenden ist rudolf nährig, gebürtiger österreicher und oberkellner im jahreszeiten grill. er gibt heute, ermutigt durch kollegen und die leitung des hauses, wiener lieder zum besten. selbstverständlich dort, wo er seit mehr als 20 jahren seinen dienst versieht: im hotel vier jahreszeiten.
mit all diesen traditionen zu brechen, wäre für ingo c. peters ein sakrileg gewesen. und so wird er nicht müde, in einem börsennotierten konzern für althergebrachte eigenheiten des hotels zu werben. eigenheiten, die heute auch eine deutlich verjüngte gästeschicht zu schätzen weiß: „unsere mitarbeiter erbringen premium-leistungen, daher zahlen die gäste auch premium.“ wenn heute in der wohnhalle zum traditionellen fünf-uhr-tee gerufen wird, genießen auch gehetzte geschäftsreisende die gediegene atmosphäre von marmor, stuck, wandvertäfelungen und dem dezenten knistern des offenen kamins. der laptop am tisch, das handy auf lautlos gestellt, atmen sie hier den geist der hansestadt in reinkultur. ein erlebnis, das kein noch so chices designhotel bieten kann. ingo c. peters: „die tradition in unserem haus ist gewachsen, sie ist echt, einzigartig. so etwas kann man nicht nachahmen oder inszenieren.“
martina müllner
pool journal