15
 
   
alt and new
geht es ihnen auch manchmal so, dass ihr blick auf diese taste in der linken unteren ecke der computertastatur fällt und dort einfach hängen bleibt? irgendetwas zieht uns da hin: es sind drei kleingedruckte buchstaben, die zusammen ein wort ergeben.
ein ganzes, echtes wort! auf unserer tastatur zu lesen wie in einem offenen buch – hoffnung eines bislang unerfüllten wunschtraumes jedes praktisch veranlagten menschen.
dieses wort erntet große sympathien. nicht zuletzt von jenen, die die sprache der shortcuts noch immer nicht fließend sprechen und statt „copy & paste“ „das ganze noch einmal dort hin“ sagen. es fungiert als „supertastentraum“ für alle verzweifelten, die auf der suche nach ihrem unerlaubt vom bildschirm entferntem dokument am liebsten auf diese drei kleinen buchstaben setzen würden, um ihr mühsam erlerntes computerwissen einfach über bord zu werfen und auf das vertrauen würden, was da vor ihnen steht: alt. einfach drücken und alles ist wieder, wie es einmal war? mit genügend phantasie kann einem der finger bei diesem gedanken schon einmal ausrutschen.
kenner schmunzeln jetzt natürlich. zu recht. vollkommener blödsinn, die alt-taste wörtlich zu nehmen. das passiert höchstens menschen, die der computerbranche sinn für humor zutrauen. die kenner wissen ja auch, dass alt nur die abkürzung für alternativ ist. sie lesen nicht das wort auf dem kästchen, sie verstehen die taste. wenn sie „alt“ drücken, erteilen sie ihrem computer einen gezielten befehl. in umgangssprache übersetzt würde er „ebenenwechsel“ heißen. aber auch dieser funktioniert nur, wenn das problem nicht vor dem monitor sitzt, sondern dahinter. die aufgabe von „alt“ lautet, einzelne tasten mit einer weiteren funktionsebene zu belegen und nicht, uns alltagsromantiker und tagträumer, denen das neue kurzfristig abhanden gekommen oder schlichtweg über den kopf gewachsen ist, in die „gute alte zeit“ zurück zu versetzen. mist!
damit ist dieser knopf doch ein leeres versprechen. eine taste, auf der nicht drauf steht, was drin ist. an sich auch absurd: was hat das wort „alt“ - ein synonym für beständigkeit, gewohnheit und vertrautes - ausgerechnet in die höheren sphären der technologie verschlagen? die klassische themenverfehlung. alt und computer schließen sich gegenseitig aus. hätten informatiker bei der einführung des wortkürzels bedacht, dass sich für uns deutschsprachige hinter dem kleinen „alt“ nicht nur ein großes wort, sondern vor allem der link zu vertrautem verbirgt, hätten sie sich bestimmt für eine unverfängliche bezeichnung wie „change“ entschieden. oder „new“ würde sich anbieten – sind ja auch nur drei buchstaben, die wir garantiert falsch verstehen würden.
das wörtchen alt ist für uns jedenfalls nicht der hinweis darauf, dass es danach noch weiter geht. es ist vielmehr eine art versprechen. unser kleines, ganz privates fundament, auf das wir jederzeit setzen können. ein willkommener ausweg um sich dem hier und jetzt für einen moment zu entziehen. und genau darum geht es. alt heißt ja nicht automatisch besser. nur, so spannend, aufregend und entzückend das neue auch ist, es hat immer den beigeschmack des vergänglichen - manchmal sogar einen bitteren nachgeschmack, wenn plötzlich die warnmeldung „das programm hat einen fehler verursacht und wird geschlossen. starten sie ihren computer neu“ auf dem bildschirm erscheint, und wir auf das alte schlichtweg keinen zugriff mehr haben. spätestens dann wünschen wir uns nichts sehnlicher als einfach einen knopf drücken zu können, der alles wieder gut macht.
aus reiner vernunft sollten wir uns schließlich von der vorstellung losreißen, die alt-taste könnte eine art wurmloch sein, das uns in eine frühere ebene zurückversetzt, in der wir uns wohl fühlen. unserer phantasie sind hier eindeutige, quadratische grenzen gesetzt. schade ist es trotzdem – und einen versuch immer noch wert. ich werde jedenfalls auch weiterhin ab und zu verstohlen das kleine knöpfchen drücken, hoffen, dass mich dabei niemand sieht und einfach fest daran glauben, dass es irgendwann klappt. beim schaffen simpler benutzeroberflächen und kreativer wortneuschöpfungen sind informatiker doch bekanntermaßen genial – man orientiert sich schließlich am dau, dem dümmsten anzunehmenden user. und diesen witz verstehe sogar ich.
isabel baier
pool journal