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still retro
unsere generation will sich nicht aus ihrer vergangenheit lösen. noch immer liegt retro im trend, mehr sogar: retro ist längst zur lebenseinstellung geworden. der blick zurück als hoffnungsschimmer in zeiten mit düsterer zukunft.
als jugendliche war ich mir sicher: niemals würde ich so alt werden, dass ich einmal sagen würde: „früher war alles besser!“ gemessen an der häufigkeit, wie oft ich diesen satz in letzter zeit denke – ihn auszusprechen, davor hüte ich mich noch – sollte ich schleunigst beginnen, meine kosmetik auf „anti-aging“-produkte umzustellen. aus und vorbei wäre es dann mit den cremes „für junge haut“, die in meinem badezimmerschrank noch immer stolz in der ersten reihe stehen. mein trost: chronisch scheint meine orientierung nach rückwärts nicht zu sein. immerhin habe ich es geschafft, mich von den möbeln aus den 1950er jahren zu verabschieden, sogar die süßen fundstücke vom flohmarkt sind in einem karton verschwunden, der mit „erinnerung“ etikettiert nun im hintersten winkel meiner rumpelkammer sein dasein fristet. mit jedem retro-trend, den ich als modejournalistin kommentieren muss, wächst in mir die sehnsucht nach etwas wirklich neuem. was wohl designer wie pierre cardin oder paco rabanne zu unserem verharren in erinnerungen sagen würden? sie, die in den 1960er jahren mit ihren futuristischen designs das aufbruchsgefühl einer ganzen generation visualisiert haben? und schon ist er wieder da, der gedanke: das war ja damals, und damals war noch alles besser. damals konnten die menschen noch an fortschritt glauben, erlebten zeiten eines wirtschaftlichen aufschwungs, waren beflügelt von neu erkämpften freiheiten ... doch halt! panisch sucht meine ratio nach einem grund, warum damals nicht alles besser war.
soziologen und gehirnforscher eilen mir zu hilfe: diese bestätigen nämlich, dass positive retro-emotionen nur dann möglich sind, wenn das schlechte ausgeblendet wird. ein mechanismus, den unser gehirn für uns bereit hält. im laufe der jahre verschwimmen die negativen erinnerungen, ehe sich der schleier des vergessens ausbreitet. übrig bleiben jene ereignisse, an die man sich gerne zurückerinnert, oder vielmehr: zurück bleiben die postkartenansichten einer erinnerung, von unserem gehirn noch zusätzlich „behübscht“ und mit guten emotionen versehen. der „oma-effekt“ also: kein wort von krieg, gräuel, entbehrung und angst fällt, wenn sie aus ihrem leben erzählt. an die negativen ereignisse will sie gar nicht erinnert werden. und zeigt sich dabei so stur wie heute 35jährige. diese unterschreiben zu hunderttausenden petitionen an den hersteller von kinderschokolade, er möchte das alte werbeidol günter euringer wieder von der packung lachen lassen. der relaunch der verpackung hat dem konzern ferrero den zorn jener generation eingebracht, die mit dem alten „grinsgesicht“ aufgewachsen ist. der claim der aktion „neues grinsgesicht – ess ich nicht“ spricht bände. hat es die konsumgüterindustrie übertrieben? nach jahren, in denen sie uns fast ausschließlich mit „alten“ emotionen zum kauf neuer produkte bewegen wollte, wundert man sich über konsumenten, die sich gegenüber innovationen verschließen.
martina müllner
pool journal