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paintings: museum of art history / vienna
the ideal woman
der mythos des weiblichen schönheitsideals hat in den letzten jahrhunderten enorme wandlungen erfahren. von der üppigen fülle barocker frauenbilder bis hin zum gnadenlosen schlankheitswahn unserer zeit. stets entsprach die vorstellung des idealen frauenkörpers einer vom patriarchat vorgegebenen norm. der barockmaler peter paul rubens stand möglicherweise außerhalb jeglicher (männlicher) formenbeurteilung.
als der niederländische maler peter paul rubens im jahr 1638 seine zweite frau hélène fourment in ihrer ganzen körperlich-üppigen pracht gemalt hatte („das pelzchen“) und damit das beispiel für die infragestellung gesellschaftlicher grenzen schlechthin war, war er nicht nur erfüllt von der großen liebe zu ihr sondern der weiblichkeit der frau im allgemeinen. rubens, der in seiner zeit auf allen europäischen höfen und in allen kirchen ein und aus ging, schaffte es, in seinen enorm produktiven schaffenszyklen ein exempel für den kraft- und lebensvollen körper der frau zu setzen. der weibliche körper war für ihn ein verführerischer mythos, ein sinnbild der fruchtbarkeit und der von gott gegebenen natürlichkeit. in der darstellung überschäumender lebensfreude, der nackten göttinnen, der rundlichen nixen und verführerischen nymphen, gelang es dem flämischen maler, dem menschen seine ursprüngliche rolle zurückzugeben, ihn am „wahren leben“ der natur teilhaben zu lassen.
weit weg von allen zwängen und einflüssen seiner zeit anfang des sechzehnten jahrhunderts malte rubens ein gerade für heutige verhältnisse überaus effektvolles und drastisches bild menschlicher triebe und sinnlicher körperformen. die nacktheit, die faltigkeit des fleisches und auch die schönheit der hautfarbe avancierten bei rubens zu einem unersättlichen lustgemisch aus körperlichen formen, natürlichen farben und licht. vor allem in den letzten jahren seines lebens, seit der heirat mit seiner zweiten frau hélène fourment, die ihm weitere vier kinder schenkte, erfuhr die malerei des mittlerweile über fünfzigjährigen einen enormen auftrieb. sein umfeld inspirierte ihn zu den bewegendsten werken seiner gesamten künstlerlaufbahn. in gemälden wie „das fest der venus verticordia“ oder „satyrn und nymphen (allegorie der fruchtbarkeit)“, zeigte der meister überschäumende lebensfreude und poesievolle malerei in seinen vielschichtigsten facetten. dabei geben sich ineinander verschlungene paare im schutz der bäume hin, überraschen schalkhaft-männliche satyrn diana und ihre nymphen oder trifft die ausladend kurvenreiche venus auf adonis. neben der sinnlichen „körperlichkeit“ wendete sich rubens im laufe seiner lebensjahre zunehmend der intimität des familienlebens. die sanftheit graziös fließender pinselstriche manifestierte sich dabei in lichterfüllten landschaften, feinen lichtreflexen auf kleiderstoffen, blonden locken und sehnsuchtsvollen kinderaugen.
es war jene heiterkeit des naturalismus, welche sich bei rubens in einer ganz besonderen kraft entwickelte und in form von prachtvollen liebesgärten und galanten spaziergängen heiterer grazien seinen ausdruck fand. die sinnlichkeit des üppigen frauenkörpers blieb lebenslanger, zentraler bestandteil des rubens-universums. selbst der französische maler paul cézanne bezog sich rund 200 jahre später auf die sichtweise rubens, als er den zusammenhalt zwischen der landschaft und dem mensch so erklärte: um in die geologischen schichten der landschaft vorzudringen, gelte es „die bergrücken mit den kurven der frauen zu vereinigen“. rubens hätte mit dieser aussage seine wahre freude gehabt.
helmut wolf
pool journal