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a familiar smell
man liebt ihre altmodischen flakons, ihre nostalgischen verpackungen und vor allem: die zeitlosen duftkompositionen. traditions-parfums sind so aktuell wie nie.
jedes jahr werden mehrere hundert neue parfums lanciert. sie sind hip, stylish – und vergänglich. wer erinnert sich heute noch an den signature-duft eines starlets, der vor drei jahren lanciert wurde? wer kann noch beschreiben, wie der „dazzling summer scent“ gerochen hat? parfums kommen und gehen in immer schnelleren abständen. ein urteil, das für alle gilt? nein. denn ungeachtet der tatsache, dass, unterstützt von millionenschweren werbekampagnen, immer mehr duftwässerchen auf den markt drängen, bewähren sich wenige klassiker noch immer. ob gerade der neueste duft von kenzo, naomi campbell oder gabriela sabatini neben ihm stand hat den duftklassiker nummer eins – chanel no. 5 – nie beeindruckt. unverändert führt er die verkaufslisten an – mit der unveränderten komposition aus hochwertigen rohstoffen wie ylang-ylang, mairose und jasmin. mehr als 85 jahre hat das edle parfum schon überdauert, ein ende seiner popularität ist nicht abzusehen. coco chanel’s bestreben, etwas beständiges zu schaffen, ist mehr als erfüllt. klasse hatte die duftkreation von anfang an. schließlich hatte coco chanel keinen geringeren als den hofparfumeur des russichen zaren, ernest beaux, mit der kreation beauftragt. aus den zehn vorschlägen, die er ihr unterbreitete, wählte die bedeutende designerin das fünfte muster. auf beaux´ frage, wie sie den duft zu nennen gedenke, antwortete sie: „ich lanciere diese kollektion am fünften tag des fünften monats, die fünf scheint mir glück zu bringen.“ doch nicht nur glück alleine ließ die komposition zu einem klassiker, ja fast zu einem synonym für parfums, werden. als marilyn monroe einst hauchte, sie trage zum schlafen nur einige tropfen chanel no. 5, trug das ebensoviel zum ruhm bei wie die aufwändigen werbekampagnen, die coco chanel’s „erbe“, karl lagerfeld, prägte. mit bekannten gesichtern wie vanessa paradis, cathérine deneuve, carole bouquet bis zu nicole kidman – karl dem großen ist es zu verdanken, dass das parfum im gespräch bleibt.
ein parfum mit charakter, überwiegend natürlich gewonnen, kein allerweltsduft. wer sich auf die suche nach einem ganz besonderen elixier begibt, kommt an den großen namen der französischen und englischen parfumeur-tradition nicht herum. penhaligon’s, clive christian, creed, diptyque, histoires de parfums, j. floris, miller harris oder roger&gallet sind marken, bei denen das herz von parfum-connaisseurs höher zu schlagen beginnt. ihre gemeinsamkeit: geschichte und tradition, die sich oft viele jahrhunderte zurückverfolgen lässt. sie belieferten könige und kaiser, zaren und päpste – und heute die besten concept-stores der welt. ob quartier 206 in berlin, apropos in köln oder colette in paris. parfums, an deren namen sich bis vor kurzem kaum noch jemand erinnerte, sind heute wieder gefragt. auch wenn es eine ganze menge charakter braucht, die intensiven kopf- und herznoten aus moschus, lavendel, jasmin oder gewürzen zu tragen. denn damals, als diese wässerchen erschaffen wurden, dachte noch niemand über marketing nach. ein parfum wurde noch kreiert, nicht an einer repräsentativen menge potentieller kunden systematisch abgetestet. dass man sich an die essenzen von parfumhäusern wie truefitt & hill, molinard oder fragonard herantasten muss, tut ihrer beliebtheit keinen abbruch. wer es allerdings ein bisschen weniger dramatisch und schwer mag, der ist mit italienischen kultessenzen gut beraten. ob acqua di parma, culti, boellis oder carthusia – den oldies aus dem süden kann man eine portion leichtigkeit nicht absprechen. ihr mehrwert: es sind parfums, die geschichten erzählen. so wie die von carthusia, einer parfummarke, die im september 2002 erstmals jenseits von capri erhältlich war, wo sie 1380 durch einen geistlichen geschaffen wurde. der prior der certosa di san giacomo ließ damals zum besuch von johanna von anjou auf der ganzen insel die schönsten blüten für blumenschmuck sammeln. dass dem wasser, in dem die blumen standen, nach drei tagen ein angenehmer duft anhaftete, brachte den pater auf die idee: „garofilium silvestre caprese“, das erste parfum von carthusia, war geschaffen. bis 1948 schlummerte das geheimnis des parfums im kloster, bis es wieder entdeckt wurde und mit lizenz des papstes aus seinem dornröschenschlaf geweckt wurde.
martina müllner
pool journal