15
 
   
past for a better future
was bedeutet zeit? was vergangenheit und zukunft? was bedeutet, sich zu erinnern, nach vorne zu blicken und im jetzt zu leben? worin liegt der reiz zwischen den polen alt und neu, zwischen tradition und moderne? und gibt es eine möglichkeit fern jeglicher kategorisierung das leben, die dinge wertfrei zu betrachten? über altes und neues, über sehnsüchte und das kristall als symbol für zeitlosigkeit - ein gespräch mit der swarovski-kreativ-direktorin rosemarie le gallais und markus langes-swarovski.
ohne das alte gebe es nicht das neue. ohne der tradition keine avantgarde. ohne das gestern nicht das heute. und zwischen alldem liegt das jetzt, der moment. das unmittelbare zu erleben, zu spüren gilt es (wieder) zu entdecken. wir suchen nach alten symbolen und idealen und interpretieren sie neu. wir erfinden visionäre zukunftsprodukte und fügen alt bewährte elemente hinzu. wir suchen nach vergangenem glück und streben nach einer besseren zukunft. täglich soviel neues, und schon am nächsten tag gehört gestriges zum „alten eisen“. warum ist es uns so wichtig, was alt und neu ist? der neuerungsdruck lässt uns nach immer komplexeren, ausgeklügelteren produkten forschen, in unserem inneren jedoch suchen wir nach unkomplizierter einfachheit, nach beruhigender klarheit, nach sinn und verwurzelung. viele errungenschaften, schöne dinge, großartige musikklänge und ästhetische stile sind vor langer zeit entstanden - und wirken heute moderner und zeitgemäßer denn je. gutes bleibt eben immer gut, fern von kurzlebigen trends und virtueller inszenierung. „das neue macht nur dann einen effekt, wenn man dem neuen von gestern zeit genug lässt, sich als das vergangene neue in erinnerung zu halten“, umschreibt der philosoph hermann lübbe die zunehmende verkürzung der laufzeit zwischen neuem und kontinuierlichem.
der kristall, entstanden vor vielen tausend jahren, entzieht sich wahrscheinlich jeglicher form einer alt & neu-kategorisierung. in der verarbeitung des kristalls zum schmuck versinnbildlicht sich die ewig strahlende kraft der natur mit der immer währenden sehnsucht des menschen nach schönheit und frieden. das wissen auch rosemarie le gallais, und markus langes-swarovski, wie sie im nachfolgenden gespräch mit pool erörtern.

wie sieht für sie die gelungene mischung aus tradition und progressivität aus?
markus langes-swarovski: ich möchte da mit einem schönen zitat antworten, das sinngemäß lautet: um sich selbst treu zu bleiben, muss man permanent lust haben sich zu ändern. das soll soviel bedeuten wie: nach vorne gerichtet zu sein auf der einen seite und sich selbst treu zu bleiben auf der anderen seite ist immer damit verbunden, dass man bereit sein muss sich laufend zu verändern, stetig neu zu denken. aber nur aus der perspektive, sich selbst treu zu bleiben.
rosemarie le gallais: ich glaube goethe hat schon gesagt: nimm elemente aus der vergangenheit für eine bessere zukunft. dieser ausspruch bringt diese thematik ganz gut auf den punkt. sozusagen, verlasse dich nicht auf die vergangenheit sondern bringe diese immer weiter.

in der mode beispielsweise geht es ja immer darum, ständig neues zu zeigen, laufend neues zu kreieren. wie beurteilen sie dort diesen großen drang nach neuem?
rlg: wenn man sich die mechanismen der mode und der trends ansieht und diese genau analysiert, kommt man drauf, dass hier immer elemente der vergangenheit verwendet und diese nur aktualisiert werden. es geht in gewisser weise um erneuerung von altem, aber um keine neuen erfindungen. ich glaube, die so genannte klassik bildet sich dabei von selbst. es geht beispielsweise nicht darum bewusst eine klassische tasche zu kreieren, vielleicht wird aus diesem oder jenem modell einmal ein klassiker, das lässt sich aber nicht berechnen. das ist so wie die tradition des weihnachtsfestes. wenn ich beispielsweise in frankreich, wo ich lebe, alles vorbereite für dieses fest, dann weiß ich, dass ich hier jahr für jahr meine eigene kindheit inszeniere. traditionen sind im grunde persönliche erlebnisse, die man immer wieder erleben und weitergeben möchte.

der blick in die vergangenheit, das „sich erinnern“ gehört mittlerweile nicht nur in der mode, der musik oder der kunst zu einem grundlegenden ansatz, auch in vielen anderen lebensbereichen werden klassische tugenden und symbole als inspiration gewählt. viele menschen wissen heute nicht mehr woher sie kommen, wohin sie gehen wollen. es gibt zwar enorm viel wissen und input, aber wenig sinnstiftendes ...
rlg: ja, absolut. es geht hier um eine form der identitätssuche, gerade wenn wir von marken sprechen. dieses starke bedürfnis der menschen nach identität, nach sinn, wird heute von manchen marken erfüllt. viele marken dagegen haben überhaupt keine geschichte, keine wahrheit, keinen ursprung. authentische marken dagegen geben eine gewisse sicherheit und garantie für beständigkeit.
mls: unser haus hat das große glück 111 jahre zu existieren. ebenso haben wir das große glück ein produkt mit 5.000 jahren marketingsupport zu verkaufen, also lange bevor es uns gab. das material kristall ist zudem mystifiziert worden. wir konnten also auf dieser tolle vergangenheit aufbauen und viele neue aspekte mit einbringen.
rlg: als wir vor rund 16 jahren die daniel swarovski-linie auf den markt brachten, war das eine zeit, wo im grunde keiner eine neue marke, ein neues produkt brauchte. dabei extrem geholfen hat uns - neben der kreativität - die wahre geschichte dieses hauses, mit einer wirklichen familie und einer realen historie. wir hatten also eine wahre geschichte, die wir erzählen konnten. damals kommunizierte swarovski verhältnismäßig wenig und für viele journalisten war dieser historische background deswegen eine interessante entdeckung. wir brauchten nichts zu erfinden, konnten immer wieder etwas erzählen und entdeckten laufend selber neue facetten aus der familienhistorie.

diese familiengeschichte, diese tradition ist sozusagen keine last, die es zu tragen gilt, sondern sie wirkt eher befreiend, inspirierend ...?
mls: es kommt immer darauf an, wie man tradition liest. wir haben versucht unsere markenwerte zu formulieren und dabei an den firmengründer daniel swarovski gedacht. wiewohl man dabei vielleicht der nostalgie verfallen könnte, so haben wir dennoch versucht ein wort zu finden, das ihn und unser unternehmen damals wie heute beschreiben würde. dabei sind wir auf das wort avantgardist gestoßen. daniel swarovski war ein avantgardist in seiner zeit, inspiriert durch die unglaubliche aufbruchsstimmung in mitteleuropa ende des 19. jahrhunderts. die sezession hat gegen die tyrannei des guten geschmacks gekämpft, sigmund freud gründete die psychoanalyse, die elektrizität wird auf der weltausstellung vorgestellt und in dieser ganzen kulturellen bewegung erfindet er etwas, was zu dieser zeit noch niemand gedacht hatte zu brauchen - und beflügelt dadurch eine gesamte industrie. erst dadurch war es möglich, dass persönlichkeiten wie elsa schiaparelli und coco chanel plötzlich ein material zur verfügung hatten, welches ihre eigene kreativität verstärken sollte. es waren exponentialfunktionen, die der schmuckherstellung völlig neue möglichkeiten geboten haben, in der fine-jewellery zuvor noch völlig unbekannt waren.
jetzt könnten wir aus heutiger sicht sagen, toll was damals passiert ist, und uns die ganze zeit darüber freuen oder wir sagen: wir versuchen diesen geist zu leben, verpflichten uns daniel swarovski als avantgardist, indem wir versuchen den blick so auf die dinge zu richten, die jenseits der parameter des moments liegen. ein blick, der immer viele jahre nach vorne gerichtet ist. mir ist das immer am liebsten, wenn wir über die vergangenheit sprechen und daraus den wert avantgarde ableiten können. unsere eigene geschichte versuchen wir stets auch auf unsere kollektionen zu leiten, was sehr viel spaß macht. grundsätzlich legitimiert uns so eine interessante vergangenheit und idee zur avantgarde, diesen geist leben zu dürfen.
rlg: ich kann mich erinnern, als wir mit der accessoires-linie begonnen haben, hat man uns gefragt, warum wir plötzlich schmuck machen und warum man diese linie nach dem firmengründer daniel swarovski benennt. ich habe darauf mit voller überzeugung geantwortet, dass, wenn er zu diesem zeitpunkt noch leben würde, er genau dasselbe gemacht hätte. er hätte ebenso gezeigt, was mit diesem material alles möglich ist und wie sich laufend neue ideen entwickeln können.

bei kristall geht es nicht nur um das schmücken alleine sondern auch um einen hohen funktionsgehalt. also um ein material, das aus einem bedürfnis, aus einer funktion heraus entstanden ist. dadurch wird auch eine entsprechende glaubwürdigkeit generiert. im gegensatz zu künstlich erfundenen dingen eine weitaus bessere voraussetzung, oder?
mls: wir alle sind menschen, die sehnsüchte haben. sehnsucht nach sentimentalität, nach wunder, nach schönheit, nach glanz ... dies alles sind ganz universelle bedürfnisse, die man in allen kulturen wiederfindet. unsere kristalle versuchen dabei als „kleine helfer“ zu agieren. diese kristallinen eigenschaften verleihen der eigenen identität, der sehnsucht und sentimentalität ausdruck. dabei geht es überhaupt nicht um prestige oder status sondern vielmehr um behutsame intimität und persönlichkeit.

die aura, der glanz des kristalls hat ja auch etwas durchaus friedvolles. das betrachten des glanzes stimmt einen irgendwie sehr ausgeglichen und zufrieden. das kristall, vielleicht sogar ein kleiner beitrag zum frieden?
mls: ein schöner gedanke. die metapher des schmucks hat ja vordergründig zwar mit dekor und nicht zwingend mit der seele zu tun, und natürlich gibt es dekorativen schmuck, aber das kristall hat mehr funktionsgehalt als man denkt. speziell wenn man den intimen erlebniswert betrachtet. wir sind dabei in der sehr glücklichen lage mit so einem material seit über 100 jahren an der vielschichtigkeit arbeiten und daran teil haben zu dürfen ...

könnte das kristall so etwas wie ein symbol für die ewigkeit sein, fernab von jeglicher kategorisierung wie trend, modernität, tradition, alt und neu usw.?
mls: ja, das kristall als symbol des präsens. das erinnert mich an eine pressekonferenz, wo rosemarie gefragt wurde, welches stück ihr am besten gefällt, und sie darauf antwortete: immer jenes, welches ich gerade mache. ich meine, diese aussage verdeutlicht sehr gut das sinnbild des präsens. gerade wenn wir über glück, zufriedenheit und innerlichen frieden sprechen, ist es doch so, dass die einen immer über die zukunft und die anderen über die vergangenheit sprechen, jedoch nie über die gegenwart. nur kinder leben heute noch im präsens. nicht umsonst leitet sich ja auch das „präsent“, also das geschenk, von diesem wort ab. was das herz berührt heißt eigentlich, im augenblick zu sein, den augenblick zu genießen. das kristallerlebnis kann durchaus helfen den moment intensiver zu genießen. wie auch schon der autor paul watzlawick in seiner „anleitung zum unglücklich sein“ gemeint hat: „wenn du unglücklich sein willst, dann denk an gestern oder morgen, aber denk nicht an heute“.

auf der einen seite gibt es unsere immer währenden kindheitserinnerungen, die es gilt aufzuarbeiten und auf der anderen seite vergisst man heute so schnell - was gestern da war, ist morgen schon wieder vergessen. wie beurteilen sie diese ambivalenz?
mls: das sind alles bilder der sehnsucht. wir haben in unserer mitarbeiterzeitschrift einen sehr interessanten artikel über transkulturelle sehnsuchtsbilder gebracht. dabei wurde in einem forschungsprojekt analysiert, was die liebsten bilder der amerikaner, der kenianer und der türken sind. das fazit war verblüffend: die bilder sahen im grunde alle gleich aus. da wurden fast paradiesische bilder der sehnsucht gezeichnet, die sich wahrscheinlich in der kindheit gebildet haben. wir alle haben diese bilder im kopf: ein schöner frühsommertag, das grüne gras glänzt, ein glücksgefühl ... lost paradise ... es ist eigentlich eine universelle paradiesprojektion, nachdem wir unser leben lang suchen. wenn man dabei an die zukunft denkt und an das, was auch von vielen religionen versprochen wird, so ist es immer das paradies. kindheitsträume, wie von kindern, die das ganze leben lang anhalten. watzlawick meint ja, in diesem kontext ist denken eigentlich verboten. alles was man dabei nicht direkt zulässt und intellektuell hinterfragt, wird nicht unmittelbar erlebbar.
wir nehmen uns in unseren unternehmen stets vor, dass es uns gelingen möge, ein transzendentes spiel zwischen intellekt und emotion zu schaffen. alle unsere aktivitäten sollen bücher mit sieben siegeln sein, welche einerseits in 3-sekunden-bewusstseinsfenstern funktionieren und andererseits, auch wenn man sich intellektuell damit auseinandersetzt, nicht an reiz verlieren. auf diesen geistigen „expeditionen“ kann man immer wieder etwas neues entdecken. im grunde geht es um die fundamentale eigenschaft des kristalls selbst, nämlich die der vielschichtigkeit.

stichwort: alt und jung sein. in unseren westlichen kulturen ist altern heute zumeist negativ besetzt. beim alter schweben zumeist attribute wie passivität, nicht mehr produktiv, immer krank usw. mit. dagegen gab und gibt es viele kulturkreise, wo altsein mit hoher weisheit und wissenskraft in verbindung steht. auch in der natur werden die jahresringe eines alten baums mit ehrfurcht betrachtet. was könnte ihrer meinung nach das alter und die jugend voneinander lernen?
rlg: es stimmt. niemand will heute mehr alt sein oder als alt bezeichnet werden, was sich ja schon in der wirtschaft auswirkt. und den kindern fehlen definitiv sehr oft die weisheiten und die erfahrungswerte der alten.
mls: uns gehen jene älteren menschen ab, die die jugend im herzen tragen und früher eine gewisse leuchtturmfunktion und orientierungshilfe in der sozialisation übernommen haben. in der rasanz unserer zeit werden sie oft nicht mehr gehört. ich bemerke ja selber wie brutal schnell sich die zeit beschleunigt. vor ein paar jahren war ich noch stolz, als ich den videorekorder meines vaters bedienen und erklären konnte. mittlerweile habe ich oft schon angst, wenn ich eine sms schreibe und sehe, wie die jungen leute schneller sms schreiben als sprechen können ...
rlg: ... die jugendlichen verwenden ja immer mehr eigene codes und sms-kürzel, dabei werden ja oft gar keine ganzen sätze und wörter mehr geschrieben oder gesprochen. ein mangel der kommunikation bis hin zur sprachlosigkeit ist in diesem zusammenhang evident.
mls: andererseits finde ich es sehr bereichernd, den zeitgeist erleben zu können. ich glaube, wenn man inspiration und wurzeln anerkennt und zukunftsorientiert agiert, bewirkt das ja durchaus noch eine gewisse versöhnungsfunktion der generationen.

klassik oder moderne, tradition oder avantgarde, alt und neu, jugend und alter – das sind eigentlich sozusagen keine grundsätzlichen glaubensrichtungen, das lässt sich alles durchaus miteinander vereinen?
mls: die semiotische forschung bestimmt, wie man gerne wahrgenommen werden möchte, also eher als avantgardist oder als traditionalist, eher als männlich oder als weiblich usw... all diese polaritäten sind nicht unser metier. auch wenn wir fertige kreationen anbieten, wird der schmuck erst dann fertig, wenn ihn die person, die ihn trägt, mit seiner seele auflädt. das hängt mit unserer kultur zusammen. kristall ist sehr kontextfreudig und freut sich, wie die pollen, egal wo es hin fliegt, sich expotential zu neuem zu entwickeln. das merkt man auch daran, mit wie viel unterschiedlichen kunden und bereichen wir zu tun haben. vor kurzem haben wir beispielsweise zusammen mit ross lovegrove und sharp eine konzeption für das erste kristallflugzeug vorgestellt, dabei wird das kristall lichtverstärkend für den solarbetrieb eingesetzt wird. bei den fertigen produkten ist der persönliche wert ebenso etwas sehr individuelles. mit der kollektion daniel swarvoski haben wir die metamorphose des kristalls mit all seinen avantgardistischen elementen eingeleitet. nur aus der referenz dieser geschichte konnten wir hier vor 16 jahren etwas ganz neues schaffen. ohne herkunft keine zukunft ...
helmut wolf
pool journal