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bass culture
kaum eine andere karibik-insel weckt so viele sehnsüchte wie jamaika: weiße palmenstrände, üppige vegetation, malerische bergketten und das sonnige klima machen „das land aus holz und wasser“, wie die arawak-indianer ihre heimat nannten, zu einer touristen-destination erster klasse. doch jamaika hat noch mehr zu bieten als sonne, strand und meer. denn dort liegt die wiege einer der revolutionärsten musikformen aller zeiten: reggae.
„out of many, one people“, so lautet das nationale motto jamaikas: ein volk mit vielen wurzeln. in der tat hat die drittgrößte insel der großen antillen eine wechselreiche und leidvolle geschichte hinter sich. 1494 von christoph columbus entdeckt, wurde jamaika erst von den spaniern besetzt, die dann wiederum den briten weichen mussten. das einzige vermächtnis der einstigen kolonialherren, das einem besucher heute noch auffallen wird, ist der linksverkehr und eine handvoll historischer gebäude im zentrum von kingston. sonst scheint sich jamaika fest im einflussgebiet der usa zu befinden: shopping-malls, apartment-blöcke und fast-food-restaurants bestimmen das bild in der hauptstadt. aber die geografische nähe zu nordamerika hat nicht nur negative spuren hinterlassen. mit verbreitung des radios in den 50er jahren kam jamaika mit einer neuen art von musik in berührung, nämlich amerikanischem rhythm & blues. die sender im süden der usa konnten problemlos empfangen werden, und die jamaikaner wurden von der gemeinsamkeit angezogen, die sie mit dieser musik verband – denn schließlich waren auch fats domino, sam cooke und chuck berry nachfahren versklavter brüder und schwestern und somit verwandte in herkunft und geschichte.
anfang der 50er jahre etablierten sich in jamaika die sound-system-parties, bei denen aus mächtigen lautsprecheranlagen die aktuellsten hits aufgelegt wurden. diese tanzveranstaltungen, die meist unter freiem himmel stattfanden, entwickelten sich zu einem soziokulturellen happening. das publikum, das sich oft genug keinen eigenen radioapparat leisten konnte, strömte in scharen zu den dances, die gleichzeitig als schwunghafte partnerbörse, modeshow, informationsservice, politisches forum und handelszentrum dienten. die djs liehen sich für ihre pseudonyme englische adelstitel wie sir coxsone, king edward oder prince buster und ergänzten die gespielten platten mit kommentaren und vokal-effekten, um die menge anzuheizen. getanzt wurde an fast allen abenden der woche, bei den veranstaltungen am wochenende auch die ganze nacht hindurch – es ist also nur eine amüsante fußnote der geschichte, dass sich europäische club-kids ein paar dekaden später einbildeten, sie hätten das nächtliche open-air-rave erfunden. aber über den reinen unterhaltungswert hinaus veränderten diese sound-system-sessions, die sich von kingston aus über das ganze land verbreiteten, die musikszene jamaikas für immer.
gegen ende der 50er jahre war in amerika ein musikalischer stilwechsel angesagt, der rhythm & blues verlor seine kanten und wurde durch rock’n’roll ersetzt. damit konnte sich das jamaikanische publikum aber nicht so recht identifizieren. was zunächst das ende der rollenden discotheken zu sein schien, entpuppte sich letztlich als der entscheidende anstoß für die entwicklung einer eigenen jamaikanischen musikindustrie. die betreiber der sound systems ergriffen nämlich die initiative und gründeten eigene aufnahmestudios, wo immer es möglich war. diese studios gaben hoffnungsvollen, einheimischen musikern und sängern eine chance. ursprünglich taten sie eigentlich nichts anderes, als den amerikanischen rhythm & blues möglichst originalgetreu zu kopieren. doch in jamaika konnte so ein unternehmen freilich niemals geradlinig vonstatten gehen – so entwickelte sich ein authentischer jamaikanischer sound, eine ur-form der heutigen reggae-musik, die ska genannt wurde und auch in england und den usa wellen schlug. denn dort war die gemeinde der jamaikanischen auswanderer mittlerweile auf mehrere hunderttausend gewachsen. diese exilanten wollten in der neuen heimat nicht auf ihre kulturellen eigenheiten verzichten, was zur folge hatte, dass sich auch in london, birmingham, manchester und new york, sound-systeme nach jamaikanischem vorbild bildeten. und die wollten stets frische platten, um ihr publikum zu unterhalten, wie es das von daheim gewohnt war.
so begann der siegeszug jamaikanischer musik in europa und den usa. chris blackwell, ein weißer jamaikaner, eröffnete in den 60er jahren den ersten vertrieb für ausschließlich schwarze musik in london. desmond dekker’s „israelites“ eroberten die charts, und in england tanzten weiße mods und skinheads, die neben schwarzen familien in trostlosen sozialbau-siedlungen aufgewachsen waren, zum neuen sound aus der karibik. und der klang ganz anders als das, was man zuvor gehört hatte. blackwell erkannte die zeichen der zeit und brachte im lauf der nächsten jahre mit seinem label „island records“ jamaikanische künstler, allen voran bob marley & the wailers, auch weißen hörern näher, die zuvor fest in der pop- und rock-tradition verwurzelt waren. das album „catch a fire“ von bob marley gilt heute als jener wendepunkt in der geschichte, an dem jamaikanische musik wirklich internationalen status erreichte. die folgen sind immer noch spürbar: bob marley ist die leitfigur des reggae schlechthin, seine lieder sind weltweit bekannt, aber das vermächtnis marleys geht weit über sein musikalisches schaffen hinaus. in seiner heimat genießt er das ansehen eines nationalhelden, sein geburtstag ist ein offizieller feiertag. zudem trug er die insignien der rasta-bewegung hinaus in die welt: jedem halbwegs popkulturell interessierten menschen fällt es leicht, grün-gelb-rote fahnen, dreadlocks und dicke spliffs damit in verbindung zu bringen, auch wenn die philosophie, die sich hinter der rasta-bewegung verbirgt, nicht so leicht auf ein paar symbole zu reduzieren ist.
der kinofilm „the harder they come“ aus dem jahr 1972, mit jimmy cliff in der hauptrolle, erreichte zusammen mit dem soundtrack ebenfalls so was wie einen kultstatus, der weit über die grenzen jamaikas hinaus ging. „the harder they come“ erzählt die geschichte eines jungen mannes, der vom land in die stadt zieht, um sein glück als sänger zu machen, aber an verschiedenen widrigen umständen scheitert und schließlich als outlaw endet – für viele ist dies eine der bissigsten und unterhaltsamsten abrechnungen mit dem jamaikanischen gesellschaftssystem. die offen formulierte kritik an den herrschenden politischen und gesellschaftlichen zuständen, welche in zahlreichen reggae-songs der 70er jahre zu finden ist, machte die musik zu einem sprachrohr der unterdrückten gegen die unterdrücker – egal, wo sich diese auch befinden mochten, in amerika, der karibik oder in afrika. obwohl sich die verhältnisse in jamaika nicht eins-zu-eins auf andere länder oder kontinente übertragen lassen, fand ein kultureller transfer über die musik statt, für die jamaika nur als ursprungsort und zentrum diente. und die verschiedenen formen und spielarten von reggae, sei es ska, rocksteady, roots oder dub, infizierten die westliche pop- und rock-musik wie ein aggressiver virus.
punk, die nihilistische, rotzige und spektakulär non-konformistische jugendkultur der 70er jahre, adoptierte reggae als vorgefertigten soundtrack für seine rebellion. als ideologischer ausgangspunkt diente der gedanke, dass schwarze und weiße kids der sozialen unterschicht eine koalition der entrechteten und unterdrückten bilden sollten. praktisch manifestierte sich die allianz aber eher auf musikalischem terrain: punk-bands wie die sex pistols und the stranglers gingen mit reggae-künstlern auf tour, und the clash reisten sogar nach jamaika, um ein album mit dem produzenten lee perry aufzunehmen. im windschatten dieser entwicklung wurden die großen plattenfirmen auf jamaikanische künstler aufmerksam, und die musikmedien begannen mit reggae zu sympathisieren – zumindest mit jener sorte, die sich durch ihre mischung aus exotik und bodenständigkeit auch problemlos an pop- und rock-hörer verkaufen ließ. während es den anschein hatte, dass reggae zum integralen bestandteil des weltweiten mainstreams avancierte, wurde die musik aber immer noch im wesentlichen von den jamaikanern diktiert. und dort, auf der insel, war man schon wieder daran, etwas radikal neues zu entwickeln.
dancehall-reggae war anfang der 80er jahre die reaktion der jamaikanischen sound-systems auf den kommerziell weichgespülten stil, der sich international so großer beliebtheit erfreute, aber immer weniger mit der lebenswirklichkeit der ghetto-bewohner kingstons zu tun hatte. der pulsierende, lebensbejahende roots-sound von bob marley war eines von vielen pop-genres geworden, die man auch tagsüber in format-radios hören konnte. jamaikanischer reggae hat sich noch nie gerne an den parametern der massenkompatibilität orientiert, also schnappten sich die sound-system-djs instrumentale b-seiten von
singles und ergänzten sie mit eigenen texten, die hitziger und aggressiver waren als je zuvor. computer machten den einsatz von samples möglich, so dass es keine band mehr brauchte, bloß noch ein playback und ein mikrofon. dancehall war die logische kulturelle rückbesinnung zu dem ort, an dem die musik ihren anfang genommen hatte: in jamaika’s dancehalls. dancehall-reggae hat seine spuren im hiphop hinterlassen, ebenso wie die dub-techniken von produzenten wie lee perry die elektronische musikszene beeinflussten. reggae und seine spielformen haben immer wieder aufs neue inspiration und impulse für musiker und produzenten aus anderen genres geliefert, ein trend, der sich mit dem aufkeimen eines deutschsprachigen dancehall-booms noch mal in aller deutlichkeit manifestiert: künstler wie gentleman, seeed oder d-flame bedienen sich jamaikanischen standards, wenn es um sprache, kleidung, gestus und codes geht.
die frage, in wie weit sich eine lokal derart spezifische kultur aus einem der ärmsten länder der karibik auf mitteleuropäische verhältnisse übertragen lässt, ohne einer reduktion auf fernweh-romantik zum opfer zu fallen, bleibt offen. denn die soziale funktion der dancehall als sprachrohr oder gegenöffentlichkeit der machtlosen, spielt hierzulande wohl nur eine untergeordnete rolle. auch wenn so mancher deutsche dancehall-aktivist schon ein niveau erreicht hat, das internationalen standards gerecht wird – die authentizität ist einen ozean weit entfernt, die styles von morgen werden weiterhin auf jamaika gesetzt. eins hat uns die geschichte allerdings gelehrt: reggae, in welcher form auch immer, ist der natürliche feind kurzlebiger trends und gleichzeitig eine kultur, die mehr als jede andere auf der ausgestaltung von traditionen beruht. deshalb werden die samen, die reggae überall auf der welt gepflanzt hat, auch weiter sprießen. nicht nur im sommer.
roman schilhart
pool journal