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illustration: sabine tofeji/rosatost.at
climatic conflicts
„braucht ihr etwas aus der welt da draußen?“, frage ich regelmäßig meine kollegen, wenn ich in die mittagspause gehe. dabei merke ich auf einmal nicht nur, wie blöd das klingt, sondern auch, dass ich so was nur im winter sage, wenn das leben zum größten teil „indoor“ stattfindet. als ob einen die kalte jahreszeit dazu verdammen würde, sein dasein in geschlossenen räumen zu fristen. als ob man sich physisch bloß nicht mit dem berühmt-berüchtigten berliner winter in seiner ganzen grauen, kalten, ungemütlichen pracht auseinander setzen muss.
diesen artikel schreibe ich im tiefsten winter. es ist märz, um genau zu sein. der monat also, in dem ganz europa die nase voll hat von eiseskälte und nordischen winden. zum jetzigen zeitpunkt ist der frühling noch lange nicht in sicht: minusgrade, die der eigentliche winter in dieser saison nie hatte, in ganz deutschland herrscht schneechaos und wenn ich aus meinem bürofenster schaue, sehe ich grau in allen schattierungen. an sich habe ich nichts gegen die frostige jahreszeit – in seinen besten tagen ist der winter faszinierend und wunderschön. dicke schneeflöckchen, die leise am himmel umhertanzen, klirrende kälte, die einem nichts anhaben kann, weil man sich viel zu sehr über ausgelassene schneeballschlachten und schlittenfahrten freut. der zustand, in dem man dem winter positiv gegenübersteht hält allerdings nur bis silvester an. kein wunder – davor ist man viel zu beschäftigt, um über die kälte nachzudenken. weihnachtsstress, pläne für die letzte nacht des jahres und den winterurlaub ... wir kennen das alle. im märz allerdings hört die winterliche freundschaft auf. es reicht jetzt, wirklich! alle motzen über den matsch und die kälte. die gehirne weisen akuten serotoninmangel auf, trockene heizungsluft macht schlechte haut, die sommerkollektionen hängen wie ein falsches versprechen in den läden. die motivation, raus zu gehen und dem winter zu trotzen, befindet sich unter dem gefrierpunkt. die menschen werden nervös. es kann doch nicht mehr lange dauern, sagen sie sich, wehren sich vergeblich gegen die entwicklung zu „couchpotatoes“ und rezitieren ungeduldig gedichte: „also, raus mit die stühle oder rein mit die stühle oder was?” (erich kästner)
richtige frühlingszeit ist draussenzeit. schlagartig verlagert sich das leben von drinnen nach draußen. insbesondere bei berlinern und anderen grosstädtern ist dieses phänomen zu beobachten - physisch: sport, cafégenuss oder sonnenanbetung – wenn es wärmer wird, zieht es sie alle hinaus an die frische luft. und auch psychisch gesehen renoviert frühlingsluft die seele: man ist fröhlicher, aktiver, offener, geht leichter aus sich heraus und empfindet lust auf neues. nicht umsonst gibt es die berühmten frühlingsgefühle … das verlangen nach den farben der sonne und duftendem gras erreicht im märz seinen höhepunkt. geist und körper verzehren sich nach wärme, licht und dem damit verbundenen wunsch nach energie und kraft. geduld, geduld … der frühling kommt ja … bald. ich kann ihn einfach nicht erwarten! muss man sich eigentlich jedes jahr so hinhalten lassen, nur um rauszugehen? nun, es gibt zwei möglichkeiten: erstens, man macht den winter zum sommer oder ändert seine innere einstellung. okay, das mit der inneren einstellung ist leichter gesagt als getan, zu sehr macht sich der mensch abhängig von äußeren einflüssen. meine empfehlung, wenn man mitten in der warteschlange steckt und auf den frühling hofft: einfach der sonne hinterherfahren! mein letzter urlaub führte mich also mit klaren absichten in die warme „welt da draußen“. costa rica ist ein kleines, grünes land in mittelamerika, ein mekka für naturliebhaber. nun bin ich kein outdoor-aktivist oder vogel-fan, aber der lang entbehrte natur-input und die 24 stunden frischluftzufuhr aktivierten alle lebensgeister. auge in auge mit warmem, leichtem sommerwind. das kurze date mit dem sommer steigerte massiv meine vorfreude auf die berliner frühlingsluft. palmenstrände, mangofrüchte und regenwälder vor meinem inneren auge gaben mir die kraft, mich trotz des miesen wetters hinauszuwagen und die letzten tristen tage des winters im großstadtdschungel zu ertragen. und hier kommt dann doch noch die innere einstellung ins spiel. die seele singt (feat. seeed): „das leben will einen ausgeben, und das will ich sehn! lass uns endlich ’rausgehn!“
catharina berndt
pool journal