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illustration: sabine tofeji/rosatost.at
outside – or turned inwards?
„zwei seelen wohnen, ach! in meiner brust“ – das berühmte zitat aus goethes faust als motto einer generation und ihrem verhältnis zu denen und dem „da draußen“.
wer sind wir nun? die cocooning-gesellschaft, die es sich zu hause bequem macht oder die abenteurer, die in der wildnis einen adrenalin-kick nach dem anderen suchen? die sofa-gesellschaft, die konservative werte hochleben lässt, oder doch eine generation, die auf der ganzen welt nach erfüllung sucht? die homies, die ihr ganzes erspartes in ein „cozy heim“ investieren oder doch die ewigen nomaden, die niemals sesshaft werden? draußen, drinnen – ein ewiger konflikt, ein reizvoller kontrast, eine permanente herausforderung. während ich diese zeilen schreibe, sollte ich eigentlich längst meine koffer gepackt haben – schon morgen ist wieder „draußen“, „dort“ und „fort“ angesagt. nach einem einsiedlerischen stop-over an meiner büroadresse, der viel „drinnen“ und ganz wenig „draußen“ bedeutete, ist es wieder an der zeit, ein stück der welt für mich zu erobern. was mich diesmal „da draußen“ erwartet, habe ich längst aufgehört, im vorhinein auszusinnen. der stete wechsel zwischen hier und da macht es nötig, dass ich in gedanken nicht schon früher abreise – wie ich das damals getan habe, als das besteigen des flugzeugs, zugs oder autos noch mit einer guten portion aufgeregtheit verbunden war. sicher, von den abgeklärten mienen der frequent-flyer im senator-status bin ich noch weit entfernt. was da draußen passiert, vermag mich noch immer zu packen und zu faszinieren. ich schaffe es noch immer, meine augen offen zu halten für alles, was mir begegnet, wenn ich unterwegs bin. doch dazwischen, immer dann wenn es zeit ist, durchzuatmen, benötige ich mehr denn je eine große portion „drinnen“. zeiten, in denen ich fast autistisch vor mich hin schweigen kann, momente, von denen ich im nachhinein nicht genau sagen kann, wie ich sie mir vertrieben habe. augenblicke, die mich vergessen lassen, was die welt von mir will – und ich von ihr. mich in so einer phase nach „draußen“ zu bringen, bedarf großer überzeugungskraft. denn so abenteuerlustig und souverän ich bin, wenn es meine umwelt erfordert, so in mich gekehrt lebe ich meine privaten momente. das seltene privileg, keinen äußeren anforderungen genügen zu müssen, einen „bad-hair-day“ voller selbstbewusstsein zu zelebrieren, keine rollen spielen zu müssen – das scheint mir, was eine ganze generation heute sucht.
denn selbst drinnen, da wo wir privat sein dürften, geben wir eine bastion nach der anderen auf. lassen das draußen unaufhaltsam in unsere lebensräume dringen. halten uns mit kommunikationsmitteln, die keine ruhezeiten mehr kennen, verbunden mit all dem, was um uns geschieht. der news-ticker, der am bildschirm unaufhörlich aufpoppt, reißt uns aus dem sonntäglichen laissez-faire und bringt die neuesten grausamkeiten aus aller welt direkt an den frühstückstisch. großbritannien baut an einer neuen atombombe, irgendwo in deutschland wurden skelettierte kinderleichen gefunden, ein diktator starb im gefängnis. manchmal bin ich versucht zu fragen: und was hat das alles mit mir zu tun? wohl wissend, dass es in unserer modernen kommunikationsgesellschaft ein naiver wunsch ist, durch informations-abstinenz eine pause von der welt zu nehmen. ob wir bald, wenn alles immer und überall vernetzt ist, überhaupt noch die unterscheidung treffen können zwischen draußen und drinnen? ob wir überhaupt noch die sehnsucht kennen, uns davon wenigstens für ein paar augenblicke frei zu machen? werden diese zwei seelen – das wesen für draußen und der mensch für drinnen – zu einer verschmelzen? und vor allem: werden wir dann cocooning teil 2 erleben oder immer extremere adrenalinkicks dort suchen, wo früher mal draußen war? nie fühlte ich mich weiter von einer antwort entfernt als heute. denn indem ich genau diese gedanken nach außen kehre, öffentlich mache und teile, übe ich wieder den brückenschlag zwischen dem drinnen und dem draußen.
martina müllner
pool journal