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illustration: sabine tofeji/rosatost.at
you’re always outside ...
wenn wir heute den begriff outdoor hören oder lesen, dann kommen die wildesten assoziationen: abenteuer, herausforderung, mitunter kampf und/oder überleben, dem tod entronnen zu sein, schwitzen, keuchen, plackerei bis zum umfallen u.v.m. natürlich kann es das auch sein, doch das ist ein sehr enger begriff von draußensein. seien sie froh, wenn sie diese sturm-und-drang-periode ihres „outdoor-seins“ überlebt haben. so haben sie noch die möglichkeit, ihren kindern und enkelkindern davon zu erzählen.
zu erzählen von den abenteuern in furchterregenden nordwänden, von den endlosen schneewüsten, die sie durchquert haben, von der durchfrorenen biwaknacht ... und wie sie das alles mit der ausrüstung und bekleidung von „damals“ er- und überlebten. davon zu schwärmen, wie sie dann mit stolzgeschwellter brust am gipfel standen und dem kameraden – damals eher weniger noch der kameradin – ein kräftiges „berg ...“ zuriefen. das alles gibt es natürlich nach wie vor, es muss auch diese geschichten geben. doch inzwischen gibt es noch viel mehr, was mit outdoor assoziiert wird. das abenteuer vor der haustüre. der bach, der durchwandert wird. oder sie verlassen bei einer kleinen wanderung den markierten weg im rechten winkel und vertrauen auf ihre kunst des orientierens. sie versuchen, die karte „einzuordnen“, haben aber weder kompass dabei, noch scheint die sonne. schnell haben sie ein stück abenteuer ausgepackt, stehen mittendrin und sind nicht nur am rande dabei. in diesem winter ideal: nehmen sie die langlaufschi aus dem keller und machen sie eine querfeldein-partie. heuer sogar in großstadtnähe ein hit im abenteuerkatalog. bei alledem ist es notwendig, eine neue landkarte zur orientierung herzunehmen. nein, ich meine nicht die mit dem maßstab 1:50000 oder 1:25000! natürlich ist die mit den vielen unerklärlichen zeichen auch wichtig, doch ich meine die landkarte der leistungsorientierung. orientieren sie sich daran, wie oft und wie intensiv sie gelacht haben. wo hat man wie über den vermeintlichen weiterweg gestritten? achten sie darauf, ob sie in diesem moment wirklich teil dieser natur sind oder irgendwelchen anderen leistungsparametern folgen. erfolg hat auch mit folgen zu tun, er und auch sie folgt anderen, nicht nur sich selbst. „ich mache das nur für mich“ – an diese illusion habe ich auch lange geglaubt. anerkennung und wertschätzung bekommen wir nun einmal von anderen menschen, natürlich kann man sich auch selbst auf die schulter klopfen. und wenn wir einmal draußen sind, dann ist oft noch neben dem proviant und der reservekleidung der druck des „das musst du doch kennen“ im rucksack ... und das drückt oft mehr als das, was im sack wirklich drinnen ist. „bachforelle oder hai?“ ist natürlich nicht die frage, aber so ähnlich halt. „amsel oder weißkopfseeadler?“ ist noch blöder. im übrigen, das ist nicht so wichtig, genießen sie einfach den anblick dessen, was sie sehen. ihrem leistungswahn können sie zu hause dann getrost nachgehen; sie „googeln“ den oder einen ähnlichen begriff und bekommen dann ca. 10.000 seiten präsentiert, mit denen sie ebenfalls nichts anfangen können. ach, sie haben auf den proviant vergessen? na gut, in großstadtnähe ist man so schnell nicht vom hungertod bedroht. viel eher geht da das trinken ab.
saugen sie die bilder der natur auf, machen sie innere abbildungen davon, hören sie in die natur hinein, und wenn gerade kein fluglärm irritiert, dann hören sie auf die natur, sie gibt ihnen echt brauchbare rückmeldungen. welche? das weiß ich nicht, denn diese natur hat für jede person individuell formulierte rückmeldungen. schweigen sie gemeinsam über das gleiche thema.
die natur als lehrerin. „mir reichen meine lehrerinnen in der schule“, sagt meine tochter. na ja, vielleicht monologisiert die natur auch nicht eine ganze stunde lang und droht nicht mit sitzenbleiben, doch sie antwortet auch. „damit die bäume nicht in den himmel wachsen“, ist eine bekannte redewendung. sie wachsen auch nicht in den himmel, denn dort fehlen ihnen wesentliche dinge zum überleben. sie - die bäume - sind klug, offensichtlich wissen sie, wo es sinn macht, sich nieder zu lassen und wo man besser weiterzieht. empfänglich zu sein für das abenteuer, für das ganz gewöhnliche, während des draußenseins aufmerksam zu sein und sich mit vollen sinnen und sinnvoll zu bewegen. die i-pod- und handy-gesellschaft ist uns dabei dicht auf den fersen. wir alle sind mittendrin und nicht nur dabei. die „mobiltelefonie“ ist allgegenwärtig. eine wohlklingende, weil enorm sozial anmutende, doch letztendlich auch nur eine ausrede ist die möglichkeit, via handy sofort rettung holen zu können, wenn es notwendig wäre. sie fragen, wie oft das ist? eher selten, wenn sie nicht in irgendwelchen nordwänden herumklettern oder im winter unverspurte hänge befahren, die steiler als 25 grad sind.
vermutlich lesen sie diese zeilen nicht als ein plädoyer für das draußensein. aber genau das sollte es sein. lust zu machen auf das ganz kleine abenteuer, nach dem büro, am weg nach hause, mitunter am wochenende, an einem sonst so inhaltslosen sonntagabend … erforschen sie ihre umgebung, sozusagen die kleine expedition nach büro- oder schulschluss. wie immer sie sich bewegen, bewegen sie sich. die kunst liegt in der richtigen mischung – bei jedem wetter und jeder jahreszeit. abwechslung ist nicht die würze, sondern die substanz des lebens. und wenn sie mit ihrem auto zu irgendeinem ausgangspunkt hinkommen und der dortige parkplatz ist schon voll, dann sehen sie das als bestätigung ihrer guten ausflugswahl. sie können davon ausgehen, dass auch andere „draußenbegeisterte“ wissen, wo es schön ist. wirkliche geheimtipps lesen sie nicht in der zeitung, sie sind noch niemandem bekannt, leider auch ihnen nicht. sie bleiben geheimtipps, so lange sie nicht publiziert sind und spätestens dann ist es vorbei mit der einsamkeit. die mangelnde kleidung als ausrede herzunehmen, gilt nicht mehr. für ganz d’runter, halb d’runter und d´rüber gibt es einfach alles. funktionsbekleidung ist das zauberwort. trocken bleiben und trotzdem nicht im eigenen schweiß zu ertrinken, ist heute kein problem mehr. das geht von den schuhen bis zur haube. alles trocknet relativ rasch, wenn es nur zu regnen aufhört. und sonne tut uns doch allen gut, oder?
harald fasching
pool journal