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sound of the earth
was bedeutet es eigentlich, mit sich in einklang zu leben? wie fühlt es sich an, zufriedenheit zu spüren, sich selber zuhören zu können, sich selbst ganz nahe zu sein, ohne jeglicher „störgeräusche“? um diesen sanften „einklang“ mit jeder einzelnen zelle meines körpers zu erfahren, beschloss ich, einen besonderen platz auf dieser erde zu suchen - und fand ihn schließlich in der südlichen wüste der sahara. eine reise in ein „meer ohne wasser“ und der schönheit der stille.
agades ist mein landeziel. eine alte handelsstadt aus lehm, am rande des südlichen air gebirges im afrikanischen staat niger. mein plan ist, 40 tage allein mit einem tuareg-führer (tuareg ist ein nomaden-volk in afrika) durch das air gebirge und die wüste der sahara zu gehen. bereits nach fünf tagen hatte ich vorort alles organisiert, um mitsamt den lebensmitteln sowie wasserkanistern, matte und schesch, dem turban der tuareg, nordwärts auf einem lastwagen mitfahren zu können.
nach neun stunden auf steinigen, sandigen pfaden unterwegs kommen wir in timia, einer alten stadt und wunderschönen bergoase, an. mein anblick ist für viele tuareg ein seltener, noch dazu als alleinreisende frau. als ich in timia ankomme, laufen alle kinder zusammen. ihre neugierigen augen bestaunen mich, schließlich helfen sie mir beim abladen meiner sachen. die nächsten tage verbringe ich in timia, um auf den tuareg-führer zu warten. dieser sollte aus einem kleinen tal namens tufartatang mit vier dromedaren nach timia kommen. die stadt timia ist eine beeindruckende, fruchtbare oase inmitten des air gebirges. hier werden salate, tomaten, grapefruit, mandarinen, granatäpfel und andere rare köstlichkeiten angebaut. ich nehme mir direkt von den plantagenbauern einen vorrat an frischobst mit, welches ich in agades nicht erhalten habe. ich habe ausreichend zeit, mich im schatten des trockenen flussbetts hinzusetzen und das bunte treiben der stadt mit all meinen sinnen aufzunehmen. die oase umfasst neben den weitläufigen plantagen einige lehmhäuser, eine offene backstube, einen kleinen marktplatz und einen modernen brunnen, den entwicklungshelfer gebaut haben und der die hauptattraktion für die spielenden kinder ist. das treiben hier ist geprägt von ziegenherden, die in den gassen herumspazieren und ihren mittagsschlaf abhalten. wie die menschen flüchten sich auch die ziegen in kleinen gruppen in den schatten.
zeit zu haben, denke ich mir, ist wie mein erstes geschenk dieser reise. das jetzt zu spüren, die herzlichen bemühungen der menschen, sich von ihren achtsamen bewegungen und blicken berühren zu lassen, lässt in mir ein von glück erfülltes gefühl entstehen. einfach zusehen und zuhören können, die stimmung und den rhythmus der einheimischen aufnehmen. ich verstehe nun den forscher heinrich barth, der schon im 18. jahrhundert begeistert war von den hängenden gärten und den bewohnern von timia, warum er nicht mehr wegwollte. nach fünf tagen ist es soweit. achmet, mein guide, ist angekommen! alle in timia kennen ihn und seine familie. sein vater ist ein hoch angesehener marabut, ein islamischer heiliger. achmet selbst ist sehr still, beschränkt die kommunikation nur auf das notwendigste.
40 tage durch das air-gebirge und die sahara können beginnen! ich weiß nicht, was auf mich wartet, ich weiß nur, dass es auf mich wartet. erstes beladen der dromedare. ein zusammenspiel von achmet, meinem guide, und mir ist gefragt. dabei wird auf die balance geachtet, wie die tiere belastet werden. jedes der dromedare bekommt für die gesamte reise seine spezifischen gepäckstücke. erste mittagsrast. wieder abladen und fesseln der tiere bei ihren vorderbeinen, damit sie sich nicht zu schnell bewegen können. da wir noch im air gebirge sind, bieten die hohen bäume ausreichenden schatten für die mittagsrast. die landschaft ist überwältigend: hohe quarzberge, ausgewaschene steinformationen, bäume mit fünf cm langen stacheln, vereinzelt sehen wir wilde affen und gazellen.
am abend lagern wir dort, wo wir - angepasst an die elementare lebensweise - vom wind gut geschützt sind und holz für das feuer zur verfügung haben. oft bekommen wir aus dem nichts besuch von einheimischen, die in der nähe leben. diese bieten uns air-käse an oder bringen „gastgeschenke“ mit. das begrüßungsritual der tuareg verläuft dabei immer gleich ab: sie reichen sich die hände, lassen die hand leicht entgleiten, um dann den händedruck erneut zu erwidern. dies geht oft über minuten lang. dazu wird stets nach allen lebensbereichen und dem empfinden gefragt. oft werden wir auch ein stück des weges begleitet, da dies ebenfalls tradition ist - selbst wenn der weg die andere richtung für unsere besucher bedeutet. diese form des rituals ist so voller achtsamkeit und wertschätzung dem anderen gegenüber, dass ich dies mit großer freude ebenfalls so in allen begegnungen halte. wieder denke ich mir: in jeder dieser handlungen liegt die vollkommenheit des einklangs. bewusstes sein, mit der ganzen aufmerksamkeit und hingabe im jetzt leben.
die stille und energie der wüste unterstützen eine form von „meditativem prozess“. mit jedem sinnesorgan nehme ich neugierig und dankend die verschiedenen geschenke der natur auf. spüre ich anfangs noch ein verlangen nach begeisterung für die neue umgebung, so wandelt sich diese begeisterung durch stille und einfachheit in eine sehr ruhige wahrnehmung. mein geist und meine sinne nehmen die umgebung plötzlich viel intensiver wahr. ich befinde mich in einer tiefen ruhe, welche mir die innere kraft gibt, mich der leere der wüste zu stellen. diese leere ist eine art „weite ebene“, sie breitet sich über tage vor uns aus und lässt mich nach dünen sehnsüchtig suchen. die leere ist für uns menschen aus den industrieländern zu etwas ungewohntem, fast bedrohlichem geworden. wir kennen keine dunkelheit mehr, keine stille und weite. wir nehmen lichter, musik, werbung und gebäude wahr, sind mit reizen zumeist überladen. obwohl ich oft mit meinen seminaren in der wüste bin, dieses „meer ohne wasser“ über alles liebe, stellt mich diese tagelange, flache ebene vor neue grenzen. die wüste in niger ist in ihrer dimension und wildheit ein juwel unter den wüsten. kaum an einem anderen ort wurde ich bis jetzt so sehr mit leere konfrontiert. genau dieser prozess lässt mich nachhaltig in mein innerstes blicken: was entspricht hier nicht meinen vorstellungen oder erwartungen? ich wollte doch keine erwartungen mitbringen ... erst als ich von diesen „vorgefertigten bildern“ loslasse, sehe ich die vollkommene schönheit hinter der kargen ebene.
belohnt wird dieser „reinigende prozess“ von der natur mit den schönsten himmelsfarben. ich höre plötzlich gesänge, die ich zuvor noch nie vernommen habe. ich sehe jahrtausende alte fundstücke wie pfeilspitzen, tonscherben, wandzeichnungen von mystischen wesen, versteinertes holz und vieles mehr. die wüste erzählt mir in jedem schritt, den ich vollziehe, eine neue geschichte. so auch von toten, die ihre letzte ruhe in der wüste in herrlichen steinhügelgräbern gefunden haben. ganze dörfer in form von ruhestätten mitten in der wüste lassen mich ehrfürchtig vor dem leben und dem tod werden. ein platz voller mystik inmitten der weite. zeit für die innere stille nehmen. das ist so, als würde man sich zeit nehmen für einen kostbaren freund. oft gehen wir diesem „freund“ aus dem weg, um nicht mit den unangenehmen seiten von uns selbst konfrontiert zu werden.
auf meiner reise sehe ich viele tuareg-frauen, die eine besonders klare, in sich ruhende ausstrahlung haben. in ihnen ist die urqualität von kraftvoller weiblichkeit noch erhalten geblieben. mann und frau ergänzen sich in der traditionellen tuareg-kultur in gleichberechtigter art und weise. ich habe das glück, einigen dieser frauen zu begegnen, mit ihnen am lagerfeuer zu sitzen und manchmal auch zu singen. nur vereinzelt treffen wir auf heilkräuterkundige frauen, die immer rarer werden. eine französin, die seit jahren im air gebirge lebt und heilpflanzen anbaut, möchte das wissen an die einheimischen wieder „zurückgeben“. leider gibt es auch hier die gefahr, altes wissen rund um die heilkraft der natur zu vergessen. was jedoch nach wie vor vorhanden ist in einer so rauen und kargen landschaft, ist ein leben in einklang mit der natur. keine ressource wird sinnlos vergeudet oder achtlos behandelt, alles wird sorgfältig verarbeitet und geteilt. die menschen leben von dem wenigen, was sie von der ziegenzucht gewinnen oder tauschen können. jede familie außerhalb der städte ist im großen maße selbstversorger. durch die tagelangen entfernungen zu den nächstgelegenen städten, ist kein „rascher einkauf“ möglich. alles ist eingebettet im rhythmus der natur.
ein weiteres beispiel für den einklang von mensch und natur ist auch die koexistenz mit den eseln. die esel in der wüste leben frei, bekommen jedoch nur in etwa alle vier tage wasser – und zwar von einer person, die sich gerade bei einem der brunnen aufhält. was zur folge hat, dass die esel bei dem brunnen auf ihr wasser warten, bis sie jemand tränkt. diese person benützt dann die lasttiere für den wassertransport und lässt sie dann wieder frei, bis er oder sie nach drei, vier tagen wieder an die tränke kommt – und so geht es immer weiter. natürlich kann dies nur dann funktionieren, wenn niemand dazwischen die esel tränkt! ganz ehrlich, was würden sie tun, wenn sie zu einem brunnen kämen und 10 esel sehnsüchtig nach dem wasser stieren und niemand ist dort? in einklang mit sich und der natur leben ist die wahre auszeichnung für eine hoch stehende kultur!
seit vier wochen sind wir nun unterwegs. wasser wird zur kostbarsten ressource. jeder schluck wird bewusst getrunken und verwendet. alle drei tage kann ich vier liter wasser für eine minidusche aufwenden - ein unbeschreibliches gefühl von luxus! auch unsere lebensmittelvorräte werden zunehmend karger, was unsere fantasie beim kochen anregt. so wird aus dem bereits hart getrockneten air-käse eine wunderbare käsesuppe. die größte gaumenfreude ist aber noch immer das sandbrot: ein einfaches fladenbrot, welches in der glut und mit sand gebacken wird. das einfache essen, die weite der wüste mit ihren bizarren hohen dünen und die absolute stille ummanteln mich mit zufriedenheit und glück. rhythmisches gleiten im grenzlos leeren raum, so fügt sich tag an tag. das „fließende“ dahinschreiten der dromedare erleichtert die täglichen stunden des wanderns. eines morgens wache ich auf, fühle mich fröstelig. obwohl die temperatur tagsüber auf rund 40 grad steigt, hört mein frösteln nicht auf – im gegenteil. da es aber nicht ratsam ist, länger als zwei nächte an einem platz zu bleiben, um etwaige überfälle zu vermeiden und da wir wasser und futter für die dromedare brauchen, müssen wir leider weiter gehen. dadurch wird mein zustand unkontrollierbar schlechter, ich bekomme alle anzeichen von dehydration.
ich versuche, meinen körper wieder „aufzufüllen“, jedoch mein zustand wird immer schlechter. trotz meines sieben meter langen schesch-turbans, durchbohrt jeder sonnenstrahl meinen kopf. ein flüchten aus der sonne ist nicht möglich, wir müssen weiter, immer weiter. ein tranceartiger zustand überkommt mich, ich klammere mich mit letzter kraft an ewar, meinem dromedar, fest. der wunsch nach geborgenheit und sicherheit wächst mit jeder minute. als wir über einen riesigen vulkankrater gehen, wird mir klar, was auf mich in der wüste gewartet hatte.
ich weiß, jetzt liegt es einzig und allein nur an mir, mich aus dieser lebensbedrohlichen situation herauszuholen. ich liege da, habe nicht einmal mehr die kraft, die fliegen von meinem gesicht zu scheuchen. das landen einer fliege auf meiner wange empfinde ich als einen kuss. jedes tier, jeder baum, jeder berg, werden zu verbündeten, die mir kraft geben. zusätzlich zu meinen fünf sinnesorganen, wird meine körperwahrnehmung auf einer mir neuen ebene wach. eine form der kommunikation und tiefen liebe mit jeder meiner zellen entsteht und ich spüre in mir, wie ich durch eine quelle der energie gespeist werde. aus meiner verzweifelten situation wird ein neuer zugang zu meinen inneren kräften frei.
am nächsten tag geht die „lebensschule“ auf nummer sicher. ob ich die lektion wirklich verstanden habe? da ich noch immer geschwächt bin, aber am weg der besserung, reite ich trotz steiniger, unwegsamer pfade auf ewar. plötzlich überkommt mich das gefühl, dass es besser wäre, abzusteigen, im nächsten augenblick reißt mein sattelgurt. innerhalb von einer sekunde liege ich mitsamt sattel und gepäck auf dem felsen. wie durch ein wunder habe ich mir nicht das genick gebrochen. ich bemerke, dass ich ganz ruhig bin und meinem körper dankbar bin, nur mit einer quetschung am oberschenkel und einer leichten gehirnerschütterung davon gekommen zu sein. das plötzliche verstehen um den sinn dieses ereignisses löst in mir ein tiefes gefühl von dankbarkeit und verbundenheit mit dem leben aus. tränen der freude und liebe zu allem, was mehr ist als ich sehen kann, erfüllt mich in einem hohen maße. seit dem sturz gehe ich trotz meiner bein- und kopfschmerzen nur mehr zu fuß, genieße jeden schritt und meine innere kraft wird von tag zu tag stärker. die wochen in der wüste entfachen in mir eine neue vertrautheit und gelassenheit zum leben, es lässt mich an meine herausforderungen zielsicher und kräftiger herangehen.
als wir eines tages wieder unsere sachen auf die dromedare montierten und losgehen, beschließt achmet, auf seinem dromedar zu reiten und ich solle zu fuß gehen, was eigentlich noch nicht außergewöhnlich ist. aber an diesem morgen sollte es anders sein. achmet reitet so schnell, dass ich nicht nachkomme. trotz rufe, stehen zu bleiben, reitet er weiter, schließlich verliere ich ihn aus den augen. nur mit einer wasserflasche bewaffnet, gehe ich in dieser neu gewonnen inneren verbundenheit und zuversicht den spuren nach. jedoch als sich dann die spuren in den steinfeldern verlieren, frage ich meine innere stimme, was zu tun ist. das wichtigste ist, nicht in panik zu geraten, denn dann verbrauche ich zu viel energie. also folge ich voll vertrauen und ruhe meinem inneren kompass. nach zwei stunden sehe ich achmet hinter einem baum hervorkommen, mein unmut über seine handlung ist groß. dennoch habe ich eine weitere erfahrung gemacht: nämlich mein zutrauen in meinen inneren kompass. ein immenser schub für das selbstbewusstsein, ein gefühl von grenzenloser freiheit und mobilität ist entstanden. das bild einer fliegenden löwin taucht in mir auf.
die letzten tage unserer 40 tägigen route sind angebrochen. vieles durfte ich bis jetzt an unvergesslichen erfahrungen, erlebnissen, eindrücken mitnehmen. am ende unserer reise dürfen wir noch unsere gesammelten dosen einem sattelbauer überlassen. ebenso werden wir mit geschenken wie tee und zucker großzügiger. ich schenke einem kleinen mädchen meinen kamelhaar-umhang. bald erreichen wir wieder timia. die ersten schritte in diese stadt werden zu einem farbenfest für meine augen. es hat sich bereits die kunde herumgesprochen, dass wir wieder zurück sind. viele menschen kommen, um uns zu begrüßen. 1150 km liegen hinter uns. ein weites stück durfte ich von mir und der welt kennen lernen, dem sinn des lebens ein stück näher kommen. es kommt nicht darauf an, wie schnell etwas erreicht wird, sondern „wie“ es erreicht wird!
silvana kederst
pool journal