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the third kind
jedes zeitalter hat seine typischen zeichen, seine formen und stilistischen codes. gerade über das design wird dabei ein gewisses lebensgefühl dokumentiert, wird der puls der zeit sichtbar gemacht. dass die runde formensprache in den fünfzigerjahren sehr beliebt war, wird speziell beim automodell bmw isetta deutlich.
gute dinge entstehen zumeist aus einem gesellschaftlichen bedürfnis heraus. produkte, die den nerv der zeit treffen, nutzen und zeitgemäße stilsymbole vereinen, haben zumeist auch erfolg. diese produkte wachsen und entwickeln sich weiter, werden zum bestandteil des alltags. in den fünfzigerjahren des vorigen jahrhunderts, der zeit des aufbruchs nach dem krieg und der lebensfreude, waren es vor allem die rundungen, die dem geschmack und der ästhetik der menschen entsprachen. rundes design in der mode, bei möbeln, bei alltagsprodukten signalisierte lebensfreude, verkörperte gesundheit und entspannte freizeitatmosphäre. ebenso war das auto in den fifties ein wichtiges prestige-objekt und status-symbol. ein besonders klares bekenntnis zu der runden form wird beim außergewöhnlichen design des legendären bmw isetta erkennbar. das ursprünglich vom italienischen motorrad- und kühlschrank-hersteller iso, später von bmw übernommene fahrzeug, vereinte sowohl den faktor des leistbaren autos als auch die damalige vorliebe zum motorrad. „die isetta war in gewisser weise ein fortbewegungsmittel der dritten art“, erzählt manfred grunert, isetta-experte bei bmw und leidenschaftlicher elektronik-dj. obwohl mit einem motorrad-motor ausgestattet, handelte es sich um kein motorrad, aber auch um kein auto, „es war einfach etwas anderes“.
die runde form hatte aber auch einen funktionellen charakter. so wurde die isetta nicht nur als lifestyle-automobil sondern auch als „rollende einkaufstasche“ mit optimaler raumnutzung bei minimaler grundfläche beworben. es galt die menschen bequem unterzubringen, ihren einkauf zu verstauen und am wochenende „mit der isetta ins grüne“ zu fahren, wie ein damaliger werbespruch verkündete. die deutsche post und die zeitschrift „stern“ entdeckten ebenfalls die praktischen vorteile des wendigen,
12-ps oder 13-ps starken gefährts. durch die runde form des halbkreises eignete sich die isetta einerseits perfekt zum bemalen für werbebotschaften, andererseits als kleines und wendiges stadtmobil für das zuliefern beim kiosk oder für das unkomplizierte parken vor dem wohnhaus. es gab aber auch die polizei-isetta, welche speziell im ländlichen bereich unterwegs war, jedoch ohne blaulicht aber mit zwei zusatzscheinwerfern ausgestattet. und sogar als schneepflug wurde die isetta eingesetzt, mit zusätzlichen fenstern an der vordertür und einem schneeschieber am bug.
was die technischen aspekte des „rollenden eies“ anbelangt, so gab es ebenfalls einige interessante details und sonderausführungen. grundsätzlich waren die beiden standard-modelle 250 ccm und 300 ccm mit einer motorleistung von 12 bzw. 13 ps ausgestattet und erreichten höchstgeschwindigkeiten bis rund 85 km/h. der einstieg erfolgte vorne, also über die fronttür, wo auch das lenkrad und das armaturenbrett angebracht waren. das „motocoupé“ war für zwei erwachsene und ein kind vorgesehen. wahlweise gab es varianten mit links- oder rechtslenkung sowie mit drei und vier rädern (modelle: standard und export). für den amerikanischen markt wurden einige, kleine optische änderungen vorgenommen, so saß die vordere stoßstange an der tür, es gab größere scheinwerfer und eine kombinierte brems-, blink- und schlussleuchte. zusätzliche sonderausführungen waren die cabriolet-ausführung mit einem abnehmbaren verdeck sowie die lasten-isetta mit einem abnehmbaren kasten.
als der kleinwagen-boom ende der fünfzigerjahre nachgelassen hatte, versuchte bmw mit dem viersitzigen, mit seitentür ausgestatteten modell 600 nochmals schwung in den markt zu bringen. jedoch so richtig auf touren kam die isetta nicht mehr, 1962 wurde die produktion schließlich eingestellt. die faszination an der isetta jedoch hält bis heute an, was sich an den vielen fan-clubs und jährlich rund 5.000 anfragen beim konzernarchiv von bmw äußert. auch spielt das kultige auto am gebrauchtwagen-markt noch eine große rolle, „mit preisen, die man nicht für möglich halten würde“.
helmut wolf
pool journal