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it’s better to grow up than to pretend
abgesehen von high-heels, toupierten frisuren und baseballshirts in xxl gibt es nicht viele dinge, die uns im laufe der jahre noch augenscheinlich größer machen könnten. irgendwann reißt die linie der markierungen mit namens- und datumsnennung im holztürstock unweigerlich ab – es hat ja überhaupt nie spaß gemacht, sich stocksteif aufzustellen um dann doch nur geschätzte 3 zentimeter über die vorherige kerbe im holz zu treffen.
plötzlich und unerwartet ist der augenblick der erkenntnis gekommen: ich bin groß … sagt zumindest das spiegelbild. und dann? was jetzt? groß klingt wie „ziel erreicht“. „endstation“. aber „stopp, zurück auf anfang und noch mal von vorne“ gibt es nicht. also steht man da. ausgestattet mit einem körper, der die meiste zeit ver- und nicht bekleidet aussieht, unsicheren gesten, die längst nicht mehr durch eine zigarette zwischen den fingern wettgemacht werden können und einer unheimlichen ahnung: da kommt noch größeres auf mich zu. worte wie verantwortung, konsequenz und lebenstraum tauchen auf und zeigen ihre wirkung. im neu angelegten wortschatz nennen wir es: zukunftsangst. man hat angst, dass sich die eigenen träume nicht erfüllen. im nachhinein könnten wir das allerdings umformulieren und treffender sagen: man hat angst, dass sie genau dies tun und wir dann nicht damit umgehen können. so füllt sich das gebrauchslexikon zunehmend mit komischen wortspielen und „erwachsenenbegriffen“: unsere eltern sind plötzlich nicht mehr „stinksauer“ sondern „sehr enttäuscht“. autsch. geht viel tiefer. tut weh. übrigens noch so ein feld, das sich jetzt uneingeladen öffnet: echte gefühle. und, dass man darüber spricht.
lektion nr. 1 des großseins: am besten nicht anmerken lassen, dass man es gerade erst geworden ist und selbst noch nicht daran glaubt. und möglichst oft zumindest vorgeben, dass man gerade versucht, sich selbst zu finden. in selbstkritik versinken! klingt anstrengend, ist es auch. denn damit beginnt eine gratwanderung: wie erwachsen muss, darf, soll man denn nun eigentlich sein? wann ist groß groß genug und wann geht es noch größer? ist großtun als lückenbüßer bis es „in echt“ klappt erlaubt? wie wir erfahren: leider nicht. angeben ist teenagern vorbehalten. die narrenfreiheit haben wir verspielt. wer größer tut, als er wirklich ist, riskiert, gerade dafür nicht ernst genommen zu werden. tut übrigens auch weh. das reglement in der liga der großen klingt in dieser hinsicht ziemlich unbarmherzig. der tabellenabstiegsplatz ist für blender immer reserviert. das lernen wir schnell. manchmal auch nach dem müttermotto: fehler dürfen wehtun. unser alltag besteht aus testsituationen, gesäumt von peinlichen pannen, glühenden backen und nervösem gestotter. bis wir unsere führerscheinprüfung zum großsein dann endlich bestehen, vor der unheimlichen aura des größeren nicht mehr schaudern, sondern ihm waghalsig trotzen. und schon ist es passiert: wir machen etwas genau richtig, vielleicht sogar noch besser, verdienen uns eine menge respekt. jemand ist verdammt stolz auf uns. der erste schritt ist damit geschafft. die erlaubnis zum selberglauben erteilt: wir können stolz auf uns sein. die brust schwillt.
hat man die formel „großsein und großtun schließen sich zu 99 % gegenseitig aus“ erfolgreich ins handbuch fürs erwachsensein übertragen und dick markiert, geht die rechnung plötzlich auf. ist doch ganz einfach. souverän wirken, wenig reden, viel zuhören, und am besten heimlich mitschreiben. sollte es dennoch mal nicht klappen, erledigt eine gesunde portion selbstironie das übrige. auch dringend notieren: selbstironie ist das ass im ärmel! steht gleich unter „sich fehler eingestehen“. denn irgendwie ist es cooler, einen fehler einzugestehen als ihn nur zu machen. wir kommen zu der erkenntnis: großsein macht spaß. größer werden noch mehr. es ist ganz anders, als erwartet. keine schlimmen wörter mehr, denen man nicht mit einem noch schlimmeren synonym, am besten aber fremdwort, aufwarten könnte. den vielen neuen aufgaben, die das großsein so mit sich bringt, fühlen wir uns jetzt wortwörtlich gewachsen. und so lautet auch unser motto: „weiter wachsen bis, na, bis es eben nicht mehr weiter geht“. da wird dann schon ein stoppschild kommen. oder doch die return-taste und alles geht von neuem los? fragen über fragen. die antwort erfahre ich bestimmt, wenn ich groß bin.
isabel baier
pool journal