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confessions of a hairless
ich hatte eine glatze, als ich vor 26 jahren auf die welt kam. als wunschkind war ich mit gesunden 1300 gramm, 10 fingern und 10 zehen ein fast perfektes mädchen. es fehlte nur eins: haare. meine mitbabys wurden begeistert betrachtet, und ausrufe wie „hat das kind aber schon viele haare!“ hinterließen in meinem unterbewusstsein spuren. ich wuchs heran. was nicht mitwuchs waren meine haare.
auch ein jahr später zeichnete sich auf meinem kopf rein gar nichts ab, nicht der kleinste flaum. meine mutter verzweifelte. von wem hatte das kind nur diese haarlosigkeit geerbt? das hatte es noch nicht gegeben in unserer familie. mein vater nennt dicke wollige locken sein eigen, und komplett glatzköpfig ist im späteren alter in meiner familie – soweit ich weiß – noch niemand geworden. „ach, das ist aber ein süßer junge“, sagten die leute, wenn sie einen blick in meinen kinderwagen und auf meinen kahlen kopf warfen. „das ist ein mädchen!“ gab meine mutter scharf und auch ein bisschen beleidigt zurück. natürlich sprachen die nicht vorhandenen tatsachen, die haare, dagegen. und so wurden mir mädchenhafte mützen mit klarer aussage aufgesetzt: in rosa, rot, mit blümchen und herzen. und siehe da: motiviert von diesem umfeld wuchsen irgendwann die haare ganz von allein. meine mutter war trotz der – im wortsinn – für sich sprechenden hauptsache nicht beruhigt, und sie schnitt meine haare immer kurz. nicht weil kurzes haar in meinem fall so praktisch war – ich war ein aktiver, kleiner wildfang und nie die süße prinzessin mit schleifchen im haar, sondern sie war der ansicht, dass so jedes einzelne lang ersehnte haar auf meinen kopf dicker nachwüchse. vielleicht hatten ja ur-omas überlieferungen recht, denn es funktionierte – wissenschaftlich bewiesen ist diese these nicht. später in der schule maßen meine beste freundin und ich regelmäßig den umfang unserer gebundenen zöpfe – und ich gewann immer! endlich hatte ich dickes, volles, langes, wunderschönes, naturgewelltes haar. und meine familie war richtig stolz auf das ergebnis ihrer konsequenz.
haare sind ein erstaunliches naturprodukt. sie dienen zum schutz und zur wärme des kopfes, besitzen aber auch einen hohen symbolischen wert. haare gelten als träger magischer kräfte und als spiegel der seele. an ihnen kann man ablesen, ob körper und geist im einklang sind, und wie es um die gesundheit und allgemeine stimmung des besitzers steht. haare dienen der selbstinszenierung, denn kein anderer teil des körpers sendet so viele informationen nach außen. aus diesem grund betreiben menschen einen erheblichen aufwand um ihr haar. sie färben, föhnen, stylen, kaschieren geheimratsecken, zupfen sich die grauen haare aus – unermüdlich! gerade frauen messen schönem, gesundem haar eine hohe bedeutung zu; eine üppige mähne gilt immer noch als sinnbild für weiblichkeit, erotik, attraktivität. gefärbt, blondiert, gestuft, gescheitelt – möglichkeiten, haare zu tragen, gibt es tausende. mit ungefähr 100.000 haaren auf einem kopf lässt sich auch eine menge anstellen, und dank seiner chemischen struktur kann ein einzelnes haar bis zu 90 gramm gewicht halten, bevor es reißt. faktisch betrachtet sind haare nichts anderes als hornfäden, ein gemisch aus keratin, schwefel, wasser und fett. ein haar wächst 0,2 bis 0,5 millimeter am tag und kann insgesamt bis zu 90 zentimeter lang werden. 50 bis 100 haare fallen täglich aus.
viele jahre war das thema lange haare für mich erledigt. ich hatte sie endlich und behielt sie auch. die farbe änderte sich hin und wieder, mal mit blonden strähnchen, mal rot, leider auch mal gelb – aber fehlgriffe beim friseur macht jeder einmal. vor allem derjenige, der wie ich keinen festen friseur hat, sondern hier und da mal empfehlungen ausprobiert. zum friseur gehen bedeutet für mich nicht, zwei stunden den neuesten klatsch auszutauschen und den gang zum psychologen zu sparen, sondern abenteuer, erlebnis, neuinszenierung. im letzten sommer, mein selbstbewusstsein befand sich auf einem tiefpunkt, stellte ich mir völlig aus dem nichts heraus die einschneidende frage: kurz oder lang? die antwort war die umgehende trennung von meiner 40 zentimeter langen haarpracht. der friseurladen sah nach dem radikalschnitt aus wie nach einem haarsturz. anwesende kunden fragten meine mutige friseuse entgeistert: „haben sie das mit der dame abgesprochen?“ ich konnte nicht aufhören zu lachen, es war ein riesiger spaß und eine 180°-drehung für meine äußere persönlichkeit. in dem moment, als die schere den schnitt getan hatte, gehörte die strähne nicht mehr zu mir. totes material, das ich bis heute nicht vermisse. eine halbe woche später auf der bread & butter barcelona liefen geschäftspartner, gar kollegen an mir vorbei und erkannten mich nicht. ich befand mich klar im vorteil: bei sommerlichsten temperaturen ließ mich mein haar kalt, die morgendliche hairstylingaktion dauerte ganze 5 minuten – waschen und kurz durchwuscheln. trotzdem: ich erwische mich heute noch kurz vor dem schlafengehen beim reflexartigen griff an den hinterkopf, um das haargummi herauszunehmen. und da ist nichts! ein bisschen irritiert erinnere ich mich dann an die aussage „wachstum ist ein prozess schöpferischer zerstörung“ des ökonomen joseph alois schumpeter. beruhigt schlafe ich dann mit dem wissen ein: weniger ist manchmal mehr!
catharina berndt
pool journal