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trouble with growing up
heranwachsen ist toll, heranwachsen ist schön. aber wer bestimmt eigentlich, wann es genug ist? kann man irgendwann genug gewachsen sein? ich erinnere mich noch genau an die zeit, als das messen meiner körpergröße auf einmal nicht mehr die spannendste sache der welt war, weil ich einfach ausgewachsen war. ein halbes jahr lang konnte ich es nicht wahrhaben. eine untersuchung beim sportmediziner ließ mich dann aber wissen: aus is` es.
das potential in den wachstumskapseln meiner knochen war aufgebraucht, der endzustand erreicht. die tatsache, dass einige dinge wie meine nase oder die ohren zeit meines lebens weiter wachsen würden, war ein schwacher trost. gleichzeitig kam die erkenntnis, nun irgendwie fertig zu sein. eine spannende sache! war ich jetzt endlich eine von denen, die als „erwachsen“ galten? gehörte ich jetzt zu den „großen“? war das heranwachsen beendet? trotz allem grübeln bin ich nie zu einer erkenntnis gelangt. so ganz fertig zu sein war eine sache, die mir gar nicht gefiel. zumal ich ja auch persönlich noch weiter wachsen wollte, meine kenntnisse vertiefen wollte, meinem charakter den letzten schliff verpassen wollte. jetzt, einige jahre später, noch immer 1,73 meter groß, stelle ich mir die frage des persönlichen wachstums erneut. so ganz enthusiastisch wie damals fällt die bilanz des wachstums nicht mehr aus. denn so sehr ich es genieße, dass das potential meiner persönlichkeit und meiner beruflichen erfahrung noch lange nicht ausgereizt ist, so sehr stört mich das dogma wachstum. muss sich denn immer alles weiter entwickeln? kann ich nicht irgendwann einmal sagen: das ist jetzt fertig, ich bin zufrieden so. denn ich finde, schon das halten eines einmal erreichten niveaus ist zuweilen eine verdammt anstrengende aufgabe, keine rückschritte zu machen ebenso. einmal erlerntes wieder – und klug – anzuwenden ist auch keine sache, die man mal eben so aus dem handgelenk schüttelt. und jetzt muss es echt immer weiter gehen? jetzt muss tatsächlich noch immer alles in frage gestellt werden, genau wie damals, als noch dieses ziehen in den knochen bedeutet hat, dass man auch in zentimetern messbar wächst?
darf ich nicht irgendwann sagen: deckel drauf und zu? sicher, für weise, überlegen oder unangreifbar halte ich mich noch lange nicht - werde ich wohl auch nie. aber davon spricht auch niemand. wovon ich spreche ist schlicht, dass ich irgendwann diesen unvollkommenen zustand akzeptieren möchte, nicht immer getrieben sein möchte, hie und da noch dies und das zu verändern, verbessern, optimieren. ähnlich geht es mir, wenn ich blinde wachstumsprognosen von unternehmen lese - immer weiter, immer höher, immer schneller, immer zuwachs. wohin um gottes willen soll alles immer wachsen? ist die wirtschaft tatsächlich ein system, das so unbeschränkt ist wie die nach oben offene richterskala? ist sie tatsächlich ein konstrukt, das immer weiter expandieren muss? darf auch die wirtschaft nie erwachsen werden und sich dem wachstumsdiktat verweigern? könnte nicht auch jemand mal aufstehen und sagen: jetzt ist es gut, danke, wir verbleiben jetzt auf diesem niveau. sicher, da muss es immer fortschritt geben. so wie ich mir träume, dass meine gedanken immer rege bleiben und mein geist offen für neues ist, muss auch in der wirtschaft gutes durch besseres ersetzt werden. das prinzip wachstum allerdings fordert ja etwas völlig anderes. es fordert, weniger durch mehr zu ersetzen, aus kleinen dingen große dinge zu machen. ein prinzip, gegen das ich mich gerne verwehre. ich will nämlich kein sklave von missverstandenen prinzipien werden. „bigger, better, faster, more“ - will ich aus meinem leben auch ausschließen können, weil ich es als das größte privileg des erwachsen-seins betrachte, dass man auch mal sagen kann: danke, gut ist´s.
martina müllner
pool journal