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all you need is love
„ihr wollt ein liebeslied, ihr kriegt ein liebes lied … ein lied, das ihr liebt …“, rappten seinerzeit die absoluten beginner. jeder hat eins – sein spezielles liebeslied - und jeder verbindet große gefühle mit diesem, seinem bestimmten song. liebeslieder gibt es seit menschengedenken, liebeslieder erzählen die geschichten der liebe, vom glück des verliebtseins oder dem schmerz über eine verlorene liebe … in jedem fall von dem gefühl zu lieben und sich im bewusstsein der liebe lebendig zu fühlen.
„soll ich dir meine plattensammlung zeigen?“ war häufig die frage vor dem ersten date. wer diese einladung annahm, bekam nicht nur einen einblick in den musikgeschmack und dem daraus leicht erschließbaren charakter des angebeteten „plattensammlers“ – in vielen fällen entwickelte sich daraus die erste große liebe. oft wurde diese liebe gleich gedoppelt, nämlich zu dem musiker, der den lieblingssong des abends sang. liebe geht nicht nur durch den magen, sondern auch durch die ohren. „music was my first love, and it will be my last“, sang john miles in den achzigerjahren. und wie gehen liebe und musik mit der „zwischenzeit“, dem leben, einher? verliebte haben häufig den gleichen musikgeschmack, hören zusammen musik. sie haben in fast jedem fall eine gemeinsame erkennungsmelodie, die sie während der gesamten beziehung begleitet und stets an das allererste, wunderschöne verliebtheitsgefühl erinnert - „baby, sie spielen unser lied“, wird verzückt geflüstert, die aber auch frisch-verlassene in der erinnerung an eine verlorene liebe zu tränen rührt. musik und liebe sind seit jeher zwei untrennbare elemente, ihre summe ergibt das liebeslied. liebeslyrik ist schon aus den jahrtausenden vor der zeitenwende überliefert und hat in der antike eine erste blütezeit erfahren. in der weiteren entwicklung der europäischen literatur sind als besondere stadien des liebesliedes der minnesang, die zeit des barock, die romantik und das volkslied zu erwähnen. heute gibt es unzählige liedtexte, die alle facetten der liebe aufgreifen. sie erzählen von der komplexen, einfachen, tragischen, unerwiderten, die welt rosa färbenden, erfüllenden, zerstörenden, (…), von der großen, totalen liebe. die themen, mit entsprechender musikalischer untermalung, reichen von den lieblichen beatles-songs -„something in the way she moves, attracts me like no other lover“ - über die provokationen der toten hosen - „es war so schnell, wie alles begann, ein fliegender stein als kampfsignal“ - bis hin zur erklärung „this is not a love song!“ von public image limited. einerlei, wie wir das liebeslied betrachten, aus sicht des komponisten, sängers oder des zuhörers. es bleibt immer deutlich: ein liebeslied ist absolut persönlich, es ist pure emotion. man kann einer melodie mit haut und haar, mit ohr und herz, verfallen. bei so vielen gefühlen nähern wir uns dem thema sachlich: was genau ist ein liebeslied? die enzyklopädie von wikipedia definiert: „als liebeslied wird die spezielle form der lyrik und der musik bezeichnet, in der die liebe zwischen mann und frau besungen wird. es gibt unterschiedliche ausprägungen: das lied, die hymne, über glück und küssen, erfüllung oder vertrauen, über schmerz oder das sinnieren über die liebe in einer bandbreite von freude bis angst.“ ah ja. eine rationale, gar kommerzielle herangehensweise legen diejenigen an den tag, die aus dem schönsten aller gefühle einen gewinn schlagen wollen - gemäß dem ansatz „my gift is my song and this one’s for you” von elton john. liebeslieder werden kommerzialisiert und lassen sich heutzutage wie am fließband produzieren - vertont und zugeschnitten auf jede persönliche liebes-beziehung. „schenken sie den wohl schönsten liebesbeweis“, preist die firma my-lovesong.de ihren service an. „sie liefern stichworte, wir machen den rest“. personalisierte liebeslieder scheinen der zielgruppe durchaus ca. 100 euro pro lied, das man nicht einmal selbst einsingen kann, wert zu sein. als i-tüpfelchen im vertonten kommerz gibt es sogar einen mehrsprachigen liebesliedgenerator, entwickelt vom klavierkabarettisten bodo wartke. per computer kann man sich sein eigenes liebeslied auch auf plattdeutsch, kroatisch oder suaheli zusammenstellen. an sich eine nette idee, aber wer wird schon mit fremdgesteuertem kitsch sich selbst oder seiner einzigartigen liebe gerecht? zum glück besinnt sich der großteil der verliebten auf die klassischen lovesongs von elvis, den beatles und cole porter. eine wunderbare ausdrucksform von liebesliedern ist das duett. zwei (sich) liebende menschen singen gemeinsam für verliebte. ein duett intensiviert die zusammengehörigkeit eines paares, indem es verbindende liebe einmal mehr hörbarer und emotional erlebbarer macht. zu den schönsten liebesduetts zählen „something stupid“ von frank und nancy sinatra, „ain’t no mountain high enough“ von marvin gaye und diana ross und „what kind of fool“ von barbra streisand und barry gibb. hat sich schon einmal jemand gefragt, warum die schönsten liebeslieder, die es gibt, nicht mehr in der heutigen zeit geschrieben werden? übergreifend vermitteln klassiker auch in neuauflagen für die nachfolgenden generationen die gleiche kraft, die gleiche emotionale bedeutung wie zu dem zeitpunkt ihrer entstehung. beste beispiele hierfür sind „killing me softly” von roberta flack in der adaption von den fugees, „your song“ in einer beeindruckenden adaption von ewan mcgregor in dem film moulin rouge, aber auch „something stupid“, dargeboten von robbie williams und nicole kidman. neben neuen copy&paste-möglichkeiten beweisen auch lauryn hill und bob marley mit „turn your lights down low“ unvergänglichkeit und zeitlosigkeit. betrachtet man diese „back to the roots“-entwicklung, führt ein liebeslied uns menschen an unsere ursprünge. wir geraten in verzückung, sobald wir etwas in den händen halten – oder hören, was rar und besonders ist. die wahre, große liebe gehört zum kostbarsten, existenziellsten aber auch am seltensten auftretenden phänomen unseres lebens. was mit worten allein unaussprechlich scheint, bekommt durch die dazugehörende melodie eine überwältigende intensität. kann man ein liebeslied sein eigen nennen, ist es wie mit einem geschliffenen diamanten: es bleibt unvergänglich für die ewigkeit. „p.s. i love you”
catharina berndt
pool journal