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for a whole life
du solltest es nie so erfahren. niemand sollte das. so schwarz auf weiß. so real. so vorzeigbar. auch morgen noch unverändert hier auf dem papier und jederzeit originalgetreu abzurufen. fast wie ein geständnis. als läge die entscheidung damit in deiner hand: schuldig, oder nicht. jede einzelne zeile wird ab heute eine rolle zwischen uns spielen. welche, weiß ich nicht. obwohl doch morgen schon wieder alles ganz anders sein könnte. mit ausreden wie ‚worte können das nicht beschreiben’ möchte ich mich nicht drücken, dafür haben schon zu viele vor mir glänzend das gegenteil bewiesen. also augen zu und durch. hier kommt der erste liebesbrief meines lebens:
frage nicht, warum. natürlich ist es seltsam, dass ich es dir auf maschinenpapier schreibe. keinen sinn für romantik? ja, aber das weißt du. und wir beide wissen auch, dass blumen noch lächerlicher wären. schließlich kenne ich dich so lange wie mich, verbringe jeden tag mit dir und bin niemandem sonst so nahe. während ich hier mit jedem satz ringe, wegstreiche, umstelle, höre ich dich dicht neben mir behaupten: „das wäre doch nicht nötig gewesen“. von wegen. jeder liebesbrief dient doch irgendwie auch einem selbstzweck. die eigene sehnsucht befriedigen, sich über diese erst einmal klar zu werden, den anderen zu umgarnen und endlich für sich zu gewinnen. man versucht, seinen standpunkt zu finden und macht sich gedanken darüber, was man für den anderen fühlt. auch mein brief verfolgt diesen zweck. ich will es dir endlich einmal sagen. was? warte noch ein bisschen, es ist gar nicht so einfach. mit etwas abstand zu dir wäre es das bestimmt. liebe ist schon etwas seltsames. empfindet man sie wirklich, ist das einem meistens gar nicht bewusst. dann erscheint sie uns selbstverständlich. nur wenn wir zweifeln, machen wir uns ernsthafte gedanken darüber, was für einen sinn sie eigentlich verfolgt, was sie uns oder anderen gibt. ehrlich gesagt, habe ich noch nie darüber nachgedacht, warum ich dich liebe. aber wer tut das schon, wenn er glücklich verliebt ist. du bist für mich kein erwählter lebensabschnittsgefährte. diese duldest du zeitweise an meiner seite, nimmst sie mir aber auch wieder weg. eifersucht spielt für dich keine rolle. du hältst dich raus aus dieser ewigen jagd um den reiz. unsere verbindung steht über den alltäglichen verlockungen. manchmal fühle ich mich wie dein spielball, deine marionette. möchtest du mir damit zeigen, dass wir unzertrennbar sind? ein liebesbrief trieft von blumigen komplimenten. nur, wo fängt man an? deinem aussehen zu schmeicheln, wäre falscher charme, denn du wechselst jeden tag dein gesicht. mit verlaub, manchmal bist du richtig hässlich, und schwierig. aus unseren krisen lerne ich mehr über dich, als in den rosigen zeiten. ich würde sagen, dass ich dich zu gleichen teilen liebe und hasse. nenne mich ungerecht, einen egoistischen partner, aber wenigstens bin ich ehrlich. langsam ist das hier weit davon entfernt, ein liebesbrief zu sein? zugegeben, die schmeicheleien bleiben aus, aber dafür steckt er voll wahrer gefühle. das schönste an dir ist, dass du mich jeden tag aufs neue überraschst. hinter so vielen dingen, die mir zufliegen - die ich glück oder schicksal nenne - erkenne ich deine handschrift. in solchen momenten will ich dir etwas zurückgeben, die ganze welt umarmen und daran glauben, dass du dich nie wieder verändern wirst. doch das ist deine größte stärke. und deine ehrlichkeit. auch wenn mir manchmal nicht gefällt, was du mir sagst, was du entscheidest und mich dann automatisch damit behelligst, kann ich doch nicht behaupten, dass du mich betrügst. du stellst viele forderungen an mich, gibst mir rätsel auf und stellst mich auf die probe, ohne dabei auch nur für eine sekunde an mir zu zweifeln und bist jederzeit bereit, mit meinen entscheidungen umzugehen. oft kommt es mir sogar so vor, als wären meine entscheidungen deine eigenen gewesen. du gibst mir den rahmen vor, in dem ich mich bewegen kann, ohne mich dabei einzuengen. zumindest meistens. und zugegeben, manchmal behandle ich dich nicht gut. danke, für deine geduld. „bis dass der tod uns scheidet“ ist kein überschwängliches versprechen von mir, es ist eine tatsache. lebenslänglich lautet unser urteil. und ich mag es. wir werden gemeinsam alt werden. ich kann dir nicht versprechen, dass ich immer so verliebt sein werde wie heute, dass ich jeden tag die selbe oder eine ganz andere sein werde, oder dich nicht enttäusche. aber eines steht fest: du bist mein ein und alles, das wertvollste, das ich habe, unersetzbar. ich würde sogar zum äußersten gehen und sagen, du bist die liebe meines lebens – um dich auch einmal beim namen zu nennen: mein leben.
isabel baier
pool journal