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where words fail
er war 18. ein stadtkind. seine freundin lebte auf dem land. sie war krank. er wollte sie besuchen. auf dem weg zu ihr kam er an einem feld vorbei. weiße kleinblütige blumen wehten im sommerwind. ein kleiner strauß wäre das richtige, dachte er sich und pflückte einen voller freude. ihre mutter öffnete die tür. sie schaute erst auf ihn, dann auf seinen strauß und fing an zu lachen. „was willst du denn mit den kartoffeln?“ er wurde rot und begriff, dass er an einem kartoffelfeld vorbeigelaufen war und noch nie vorher blühende kartoffeln gesehen hatte.
der moderne mensch weiß alles über e-mails, sms und ebay. er kann sich durch die welt „googeln“ und vergisst dabei das leben. vielleicht das wahre leben. blumen stehen für das wahre leben. und vielleicht berühren sie deshalb die seele des menschen. blumen sprechen alle sinne an. sie duften. sie betören. sie begeistern. sie begleiten uns von anfang an. ein strauß zur geburt. der erste löwenzahn wird weggepustet. die liebe wird am gänseblümchen erforscht: „er liebt mich, er liebt mich nicht ...“ dann gibt es „blümchensex“, die ersten roten rosen bis der brautstrauß die braut schmückt. es folgen geburtstagssträuße, jubiläumssträuße - bis aus dem jugendlichen blütenkranz ein trauerkranz für den letzten weg geworden ist. und dazwischen: die liebe. die liebe der liebenden, der freunde, der trauernden. blumen sprechen, wo die worte fehlen. sie entschuldigen fehler, sie trösten, bereiten freude und sind doch vergänglich. der moment zählt. nichts bleibt von der pracht der blüte, nichts von der schönheit, nur die erinnerung. in einer zeit, in der fast nur die zukunft zählt und die gegenwart nicht gegenwärtig ist, sorgt die blume für einen moment des innehaltens.
blumen und blüten sind ein sinnbild des krönenden abschlusses, des wesentlichen und ein symbol vor allem der weiblichen schönheit. das empfangende verhältnis zur sonne und zum regen macht die blume auch zu einem sinnbild der passiven hingabe und der demut. wegen der meist radialen anordnung ihrer blütenblätter kann sie aber auch als zeichen für die sonne gesehen werden. da sie rasch verblüht, ist sie vielfach ein symbol der unbeständigkeit und vergänglichkeit. gelegentlich werden blumen, ebenso wie die sie besuchenden schmetterlinge, symbolisch in zusammenhang mit den seelen verstorbener gebracht. nach farben unterschieden, stehen gelbe blumen in symbolischem zusammenhang mit der sonne, weiße mit tod oder unschuld, rote mit dem blut und blaue mit traum und geheimnis. goldene blumen haben unterschiedliche bedeutungen, beispielsweise im taoismus als symbole höchsten geistigen lebens, in anderen kulturkreisen stehen sie wiederum für die niederungen des lebens.

the language of flowers
belladonna (atropa belladonna): du bist schön, aber nicht ungefährlich
dahlie (damals georgine, dahlia): ich bin schon vergeben
goldlack (erysium): meine sehnsucht ist unbeschreiblich
rosa muscosa (knospe): liebesgeständnis
schwertlilie (iris): ich werde um dich kämpfen
veilchen (viola): sie sind so unschuldig süß
sascha suden
pool journal