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buchempfehlung: „love letters, lost“ (princeton architectural press, 2005) nennt sich das wundervoll-gestaltete buch von babbette hines. die us-schriftstellerin babbette hines hat darin alte liebesbriefe veröffentlicht, die sie auf flohmärkten, in antiquariaten und auf internet-auktionen fand und versucht, die vormaligen liebespaare und deren schicksale ausfindig zu machen.
send me a letter
es mutet heutzutage schon fast anachronistisch an, einen handgeschriebenen brief zu versenden. und dann vielleicht gar noch einen liebesbrief. im zeitalter elektronischer nachrichtenübermittlung hat sich das briefschreiben zum exotischen kommunikationsmittel gewandelt. die elektrisierende kraft des liebesbriefes, welche sich nach dem öffnen des so sehnlichst erwarteten kuverts der/des angebeten entfaltet, ist jedoch ungebrochen. eine liebeserklärung an den liebesbrief.
sehnsüchtig wird der brief erwartet. nicht irgendein brief, sondern genau dieser eine, dieser so wichtige, entscheidende, in worte gefasste brief der/des angebeteten ... wird sie/er es schreibend verkünden? wie wird sie/er es verkünden? zerbricht mit einemmal all die vorstellung, das herbeigesehnte glück? nein, ja, wie auch immer ... endlich, im postkasten wird ein kuvert sichtbar. sofort spürst du es, es kann nur die eine, so wichtige, in zeilen gefasste botschaft sein. oder doch nicht? noch bleiben die zeilen verborgen, ein hauch von buchstaben dringt an die oberfläche des kuverts. sekunden werden zu endlos langen momenten. den brief hastig geöffnet. ja, das ist die so typische art schrift, so unverwechselbar, so einzigartig! worte, buchstaben, sätze fließen, das blatt papier - ein meer strömender gefühle. ein unendlich tiefes, erwärmendes gefühl steigt auf. nichts ist mehr so, wie es einmal war. alles hat sich verändert, alles sieht plötzlich ganz anders aus. die welt ist schön ... wahrscheinlich wurde die poesie, die dichtung, der pathos erst im liebesbrief erfunden. sicher ist jedenfalls, dass der liebesbrief zur unendlichsten, grenzenlosesten freifläche für sehnsüchte und liebesbekundungen gilt. nirgendwo anders kann man mit derartiger hingabe seinen gefühlen nachgeben. nirgendwo anders lassen sich hingebungsvolle bekundungen auch so „aussprechen“, werden diese akzeptiert. nie, oder nur äußerst selten, würden liebesschwüre im normalen gespräch über die so notwendige stille zurückhaltung verfügen. selbst das so einfache - und gleichzeitig schwierigste - geständnis der welt „ich liebe dich“, verwandelt sich mit leisen worten gesprochen häufig zur lauten aufforderung. im liebesbrief dagegen entfalten sich liebesgeständnisse zur unwiderstehlichen, sanft anmutenden darstellung. überdies „sagt“ die handschrift des briefschreibers schon einiges über dessen charakter aus: sei es die feminin anmutende, runde schriftweise, der maskuline, elegante stil, die unleserliche, sympathische schlampigkeit, die allzu klein oder zu groß geratene schriftweise. die individuellen linien und schreibmerkmale sind im zeitalter genormter computer-typografie zwischen „arial“ und „times new roman“ nahezu verloren gegangen. wiewohl dem liebesbrief vordergründig die aura des zweisamen glücks, der schönheit umgibt, so verbergen sich hinter all den poetischen formulierungen und geständnissen zumeist auch großer schmerz und schmachtende sehnsucht. die angst des briefschreibers, abgewiesen zu werden, die furcht, das liebesgeständnis werde keine erwiderung erfahren, kann ungeahnte ausmaße annehmen. in gewisser weise setzt der liebesbrief deshalb immer eine form des getrenntseins oder eine wunschvorstellung voraus. oft ist es die räumliche distanz zwischen zwei liebenden, die das liebesschreiben notwendig macht, sehr häufig der wunsch jemanden seine liebe zu bekunden, ohne dass es der andere vorher wusste. so individuell sich schicksale rund um einen liebesbrief entfachen mögen, verbindendes element aller liebesbriefe bleibt stets die hohe diskretion, das „geheimnis“ zwischen zwei menschen, wo stillschweigen als höchstes gut gilt. dass der liebesbrief in letzter zeit eine art „revival“ erfährt, dokumentieren eine reihe sogenannter „liebesbriefagenturen“ und „digitaler liebensbriefgeneratoren“, die im internet ihre dienste anpreisen und mit vorgefertigten formularen dem liebessuchenden das poetische briefschreiben erleichtern sollen. den einzigen und wahren liebesbrief, nämlich den persönlichen, in worte gefassten, wird diese form des generierten liebesbriefs jedoch nie das wasser reichen können.
helmut wolf
pool journal