04
 
   
willkommen in der urbanen familie
wir leben im zeitalter des individualismus. tausende szenen, subszenen und gruppierungen bilden ein buntes mosaik unterschiedlichster lebens- und ausdrucksformen. neue, globale „communities“, bewegungen sind am entstehen. man kommuniziert grenzüberschreitend und definiert sich über einen hedonistischen lebensstil rund um mode, musik und urbane kultur. als gemeinsamer spirit gilt ein individueller mix aus kreativer energie, einem ästhetischen style, viel freude am leben. kristyan geyr, kreativdirektor der „bread & butter berlin“, kann davon einiges erzählen ...
mode und musik sind unbestritten die wichtigsten ausdrucksformen unserer urbanen gesellschaft. wer sich zu einem bestimmten modestil bekennt, umgibt sich auch mit dem entsprechenden musik-sound, besucht ausgesuchte shops, cafés, clubs usw. und natürlich wird mit dem jeweiligen style auch das bekennen zu einer gruppe von gleichgesinnten dokumentiert. visuelle kommunikation läuft heute ausschließlich über codes, zumeist über dresscodes ab. jedoch, das mit dem „bekennen“ zu einer gewissen gruppe, zu einem gewissen genre ist nicht mehr ganz so einfach. die zunehmende beschleunigung der modeströmungen, musikstile, trends und wirtschaftlichen entwicklungen haben ein kompliziertes geflecht an kulturen, subkulturen und lebensstilen entstehen lassen, bei der wahrscheinlich keiner mehr so richtig durchblickt. wobei durchblick und übersicht nicht immer so wichtig genommen werden. diese entwicklung hat jedenfalls auch immer häufiger eine art von „stil-propheten“ auf den plan gerufen, die die flut an ständig neuen marken, produkten und trends filtern, übersichtlich sortieren und in form inszenierter plattformen darstellen. und das gänzlich abseits jeglicher konventioneller institutionen.
ein überaus gelungenes beispiel erfolgreichen bündelns und zusammenführens von individualismus, style und kreativer energie stellt unter anderem die berliner mode- und lifestyle-veranstaltung „bread & butter“ dar. seit rund zwei jahren definiert sich dieses event zwar vordergründig als branchenspezifische „tradeshow for urbanwear“, also einer arbeitsmesse zwischen modeindustrie und –handel. jedoch konnte durch die gezielte miteinbindung progressiver aspekte der individualistischen lebenskultur, eine plattform geschaffen werden, die weit über die eigentliche bedeutung einer reinen arbeitsmesse hinausgeht. hier wurde ein perfekt inszeniertes forum für stil-ästheten geschaffen, das sich für alle beteiligten als inspirativ, individuell und optimistisch darstellt. hier treffen sich freunde und gleichgesinnte, die diese mischung aus spaß und business gemeinsam genießen wollen. wohlfühlen steht absolut im vordergrund. kommunikation und kreativität stellen sich als verbindende elemente dar. kein vorgeformter massengeschmack sondern ein ausgesuchter mix aus „selected urbanwear“, progressiver musik, kunst und design. gleich 18.000 besucher aus ganz europa hat dieses stil-forum zuletzt in eine historische kabelwerkshalle aus den 20er jahren nach berlin-spandau gelockt, um das faszinierende urbane flair zu genießen! herz und seele dieser kommunikations-plattform sind drei sympathische typen, die es sich zum ziel gemacht haben, individuelle kulturen zu verknüpfen und daraus einen dynamisierenden prozess in bewegung zu setzen. einer davon ist kreativdirektor krystian geyr. im nachfolgenden gespräch erläutert er die mechanismen der „urbanen familie“ und warum es heute oft viel wichtiger ist intuitiv statt spekulativ zu handeln.

lieber kristyan, wie schafft man es in wirtschaftlich angespannten zeiten, 18.000 menschen zur bread & butter fashionshow zu bewegen und dort gemeinsam positiven optimismus zu zelebrieren?
tja, was soll ich sagen ... das hat sich so ergeben – eine gewachsene geschichte.

viele leute wagen ja heute oft wenig neues, weil ihnen ständig suggeriert wird, es sei viel zu gefährlich, dinge in bewegung zu setzen. und überhaupt, wenn man aktuelle marktanalysen betrachtet, dann ist alles ganz schlecht und negativ ... nach welchen kriterien habt ihr gehandelt, bevor ihr mit der b & b gestartet seid?
„trust the force“ - will heißen: vertraue deinem gefühl – und handle dementsprechend!

schon immer sind menschen an orten und plätzen zusammengekommen, um sich auszutauschen, sich darzustellen, neuigkeiten zu besprechen, mit waren zu handeln. was hat sich in bezug auf kommunikation und handel in den letzten jahren am meisten verändert?
nun, im prinzip ist es heute wie immer – nur anders. die kommunikations-tools und möglichkeiten der fortbewegung erlauben größere aktionsradien. die messen in ihrer herkömmlichen ausrichtung als marktplatz für den warenhandel verlieren an gewichtung. vielmehr geht es heute darum, zusammen zu kommen, sich zu sehen, gemeinsame „vibrations“ zu spüren, sich auszutauschen.

wie schafft man es als modemesse „for selected urbanwear“ nicht kommerziell, also nicht nach dem mainstream-geschmack zu handeln, und dennoch erfolgreich zu sein?
die bread & butter hatte durch den großen erfolg und der begeisterung, mit der das konzept aufgenommen wurde, eine rege nachfrage in der gesamten textilbranche ausgelöst. würde man der nachfrage größtenteils nachkommen, würde man zu einer „messe“ werden. wir wollen uns aber jedoch auch in zukunft ganz klar als modeevent für spezielle marken aus dem bereich „urbanwear“ und „street couture“ darstellen. wir bleiben sehr selektiv und werden damit ganz klar keine messe. mit rund 300 marken ist das angebot für den versierten fachbesucher groß genug, und es lohnt sich auch eine weite anreise aus ganz europa und übersee. durch diese internationale positionierung erreicht qualität damit genug quantität, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

ihr habt ja mit der b & b auch eine neue form der bewegung geschaffen: da treffen sich tausende gleichgesinnte und feiern gemeinsam eine show zwischen business und spaß. übernimmt man da so eine art propheten-rolle, nach dem motto: wir garantieren euch den richtigen lifestyle-mix, wir sagen euch, was cool ist?
wir sehen uns eher als gastgeber. mit viel liebe und spaß an der freude wird alles schön hergerichtet, damit es wirklich ein tolles fest wird, wenn alle zusammenkommen. in diesem rahmen inszenieren sich ausgesuchte marken – um ihre gäste zu empfangen.

mode, musik und kunst sind die ausdrucksformen unserer individuellen gesellschaft. der „richtige“ style entscheidet sozusagen über die aufnahme in der „urbanen familie“. wie wichtig erscheint dir dieses wir-gefühl? wird heute mangels traditioneller institutionen die geborgenheit in so einer art „urban family“ gesucht?
mode, musik und kunst sind kulturelle erscheinungsformen. menschen, die sich zu ähnlichen dingen hingezogen fühlen, denken ähnlich und stehen sich näher. dadurch kann auch ein gefühl der verbundenheit entstehen. und im zeitalter der selbstbestimmung kann man ja sein leben um eine wahlfamilie bereichern - stichwort: community.

wie wichtig ist deiner meinung nach der persönliche kontakt zwischen den menschen. der blick in die augen statt auf die sms am handy-display oder in den internet-chatroom ist ja doch ein großer unterschied?
der zwischenmenschliche kontakt ist selbstverständlich sehr wichtig... der persönliche umgang miteinander bietet die möglichkeit zu weiterer entwicklung der eigenen persönlichkeit.

wer gut drauf ist, hat lust aufs leben und auf den konsum. was sagst du jemandem, der nur jammert und negativ drauf ist?
...hm, keine ahnung. ich jammere ja selbst oft genug. sport ist oft ein ganz gutes mittel, um eine positive grundstimmung zu erzeugen. darauf lässt sich aufbauen.
helmut wolf
pool journal