11
 
   
photos: christo petrov
the house
alte häuser sind stur. sie behalten in der regel lieber für sich, was täglich hinter den verschlossenen türen und schweren ziegelwänden passiert, bleiben stumm, sind gute zuhörer, und damit unsere engsten vertrauten. wenn ein haus seine geschichte erzählt, wände zu erzählern und bewohner zu statisten werden, lohnt es sich, still zu sein, zuzuhören. denn geschichten dieser art sind selten.
es ist bestimmt nicht besonders auffällig, von der straße aus wenig spektakulär, ein ganz normales wohnhaus. auf den ersten blick nur eines von vielen in der tzar-ivan-assen-straße mitten im künstlerviertel sofias. drei stockwerke, eine kleine vertriebsfirma, eigentumswohnungen, ein gemüsehändler im erdgeschoss. auf jeden fall würde ihm eine restaurierung gut stehen, denn die fassade beginnt sichtbar zu bröckeln. sie verliert ihre farbe und lässt das haus noch unscheinbarer in der kulisse der straße untergehen. die blicke der passanten bleiben nicht lange an seiner fassade hängen, wenden sich bald wieder ab. auf den ersten blick gibt das haus nichts preis. irgendwann in den 30er jahren erbaut, hat es schon viel erlebt und mitgemacht, das sieht man ihm an, mehr nicht. alles andere bleibt spekulation, prallt ab an seinem pokerface, bleibt draußen.
neli mitewa und ihre kollegen vom brain store project suchten über 2 jahre, besichtigten über 200 häuser in und um sofia, bis sie es endlich gefunden hatten: ihr neues zuhause. sie entschieden sich für das 2. stockwerk in dem haus in der tzar-ivan-assen-straße 22. nicht, weil es ein besonders schönes, altes, originelles oder praktisches haus ist. „ich habe einfach gespürt, dass es das richtige ist, weil ich mich sofort zuhause gefühlt habe“, meint neli mitewa. die junge künstlergruppe aus sofia suchte einen gemeinsamen arbeitsplatz, einen raum für ihre interdisziplinäre künstlervereinigung und fand ihn genau hier. das brain store project möchte ein kulturzentrum errichten, das verschiedenen künstlern einen raum für gemeinsame arbeiten, treffen und veranstaltungen bietet. außerdem soll platz für aufführungen und ausstellungen geschaffen werden. sozusagen ein knotenpunkt für das netzwerk, das sie in ihrem land gerade mühsam aufspannen. ein zentraler treffpunkt für menschen, die etwas erleben und bewegen wollen. der wohnraum wird zum erlebnisraum und gleichzeitig zu einem anziehungspunkt für ein interessiertes publikum. wie man sich vorstellen kann, war es nicht leicht, ein haus zu finden, das allen ansprüchen gerecht wird, doch die lange suche hat sich gelohnt.
für die neuen mieter im zweiten stock in der tzar-ivan-assen-strasse 22 ist ihr zuhause weitaus mehr als eine systematische anhäufung von ziegeln, mörtel und beton. es ist die hülle, die sie beherbergt, sie schützt und gleichzeitig platz bietet. das haus selbst spielte bei ihrem gesamten vorhaben von anfang an eine große rolle. all die mühe, die sie in seine suche und jetzt in seine renovierung stecken, hat sie tief miteinander verbunden. das haus begann ihnen seine geschichte zu erzählen, nahm sie auf in den kreis des vertrauens - und der regisseur willy prager, die modedesignerin neli mitewa, die performer mila odajieva und stefan shtereff, und die dramaturgin greta gantscheva von brain store project hörten zu. denn hinter der fassade des alten hauses gibt es weitaus mehr zu entdecken als renovierungsbedürftige wohnräume. es nahm sie mit zurück in das sofia der 30er jahre, mit hinunter in den keller zu einer frau, die aus verzweiflung ihren parkettboden mit den fingernägeln zerkratzte und mit zu einer familie, die wegen ihres geistig behinderten kindes das haus verlassen musste. es öffnete seine türen, zeigte ihnen seine geheimnisse. so entstand schließlich die idee, die geschichte des hauses als inspiration zu einer künstlerischen performance zu nützen. „tzar-ivan-assen-strasse 22’ ist damit auch das erste gemeinsame projekt des brain store projects in seinem neuen zuhause. jeder der fünf künstler leistet dazu einen eigenen beitrag aus seiner speziellen kunstrichtung und stellt darin einen aspekt des hauses vor. das endprodukt, die performance, soll ihre fragmentarische struktur behalten, jeder ist sein eigener regisseur, doch gleichzeitig gibt es ein großes ganzes, das alles miteinander vereint: das haus. man könnte es auch eine art hommage nennen, denn es geht nicht darum, die biografischen eckdaten dokumentarisch wiederzugeben. natürlich spielt das haus selbst die hauptrolle in der performance - die uraufführung im herbst wird auch in seinen räumen stattfinden - doch nebenbei soll es dem publikum als das vorgestellt werden, was es nun ist: ein kultureller anziehungspunkt, ein treffpunkt, ein zuhause für künstler jeder richtung.
isabel baier
pool journal