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home, sweet home
zu hause. ein gefühl von geborgenheit und gemütlichkeit. ein ort mit einem ganz besonderen lebensgefühl. ankommen. sich fallen lassen. der seele urlaub geben. hier ist man wirklich. doch was bedeutet zu hause? ist es die umgebung, in der man aufgewachsen ist, oder sind es die eigenen vier wände? sucht man sein leben lang nach dem einen, bestimmten zu hause in seiner erinnerung an die vergangenheit? „wir wissen nicht, wo das ist: zu hause. aber wir wollen hin“ (wolfgang borchert).
branchenübergreifend erlebt das thema seit jahren ein revival. die vorgaben, wie das perfekte zu hause aussieht, was man zu hause anzieht und welche musik man hört, kommen zielgerichtet von marken und medien: max&co. entwickelte die modekollektion „me.myself. and i. at home“, magazine für inneneinrichtung wie home und architectural digest werden täglich konsumiert wie schokolade, und auch sängerin norah jones „feels like home“ in ihrem aktuellen album. schöne illusionen für das inszenierungswütige individuum. my home is my castle - und ich die prinzessin? es wird niemand an die haustür klopfen, um mich wach zu küssen. die suche geht von mode, möbeln und musik bis hin zur inneren gemütslage. wohnst du noch oder lebst du schon?
ende der achtziger jahre konstituierte trend-forscherin faith popcorn „cocooning“ als psychischen problemzustand in der zukunft des zwanzigsten jahrhunderts. ihre these: der mensch hüllt sich in einen kokon, er kapselt sich ein und nutzt die eigene wohnung vermehrt als lebens-, einkaufs- und arbeitswelt. obwohl dieser zustand den konsum über elektronische medien fördert, wird der mensch immer mehr konfrontiert mit alleinsein und angst - angst, in der u-bahn überfallen zu werden oder nicht mehr in ruhe joggen zu können. diese ängste sorgen dafür, dass der mensch sich mehr und mehr zurückzieht, abgeschirmt von der „welt da draußen“.
während die einen sich vermehrt in die eigenen vier wände zurückziehen und es sich nach eigenem gusto so gemütlich wie möglich machen, steht dieser entwicklung eine erhöhte mobilität entgegen. geschäftsreisen, distanzbeziehungen, mehrere haushalte - beste beispiele dafür, dass „zu hause“ nicht mehr ausschließlich für die eigene wohnung oder das elternhaus steht. „home is where the heart is, and you are doublehearted“, singt die norwegische band d’sound. nina hagen und lena lovich setzen noch ein i-pünktchen drauf: „home is so remote“ und somit weit weg - jedenfalls dort, wo man gerade nicht ist.
die reisenden und globetrotter unter euch haben längst die erfahrung gemacht: überall auf der welt kann man zu hause sein. nicht umsonst üben jede art von reisen, auslandsaufenthalte oder sabbaticals mehr denn je einen ungeheuren reiz aus. sie bedeuten suche. die suche nach glück, nach liebe, nach neuen erfahrungen, nach selbstfindung – und nach heimweh. dieses schmerzliche gefühl heimweh ist ein logischer teil in diesem prozess - ohne heimweh kein zu hause, keine heimat, keine wurzeln. der deutsche altbundeskanzler schmidt meint, globalisierung funktioniere nicht, wenn es zu hause nicht stimmt. übertragen heißt das: man kann sein leben lang auf der suche sein, wenn man nicht dorthin zurückkehren kann, wo man sich gut aufgehoben fühlt. dann hat das suchen letztendlich keinen sinn.
wie erlebt man das gefühl „zu hause“ - nehmen wir das beispiel berlin. „eine berlinerin zu sein bedeutet, auf der ganzen welt zu hause zu sein. es bedeutet nicht, hinter irgendeiner mauer sein dasein zu fristen. berliner zu sein, bedeutet kosmopolitiker zu sein“, sagt nina hagen. ich selbst bin gebürtige berlinerin, mit leib und seele. ich kenne meine wurzeln, und in dem bewusstsein „ich bin ein berliner“ nehme ich dieses mein zuhause überall mit hin. so lebe ich, egal wo auf der welt. und dennoch: ich saß am nächtlichen traumstrand auf den philippinen, schaute in die sterne und fühlte sehnsucht und heimweh: sehnsucht nach der großen liebe, nach dem eigenen, efeuumrankten haus mit viel kinderlachen, nach noch schöneren stränden und interessanten leuten, aber auch heimweh nach meiner familie und meinen freunden, meinem regionalen sein. eine sehnsucht nach der vertrauten vergangenheit und zukunft.
manchmal fahre ich die straße unter den linden mit dem auto entlang, schaue begeistert nach rechts und links, als sehe ich dies alles zum ersten mal und jauchze vor glück. „hier bin ich mensch - hier darf ich sein“ (johann wolfgang von goethe). an ostern, zu weihnachten und auch dazwischen: home is where your heart is.
catharina berndt
pool journal