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coming home
so sehr wir unser zuhause auch lieben, uns alle zieht es von zeit zu zeit in die große weite welt. und manchmal kann es gar nicht weit genug sein. so packen wir nach dem einmaleins des „globe trotters“ unseren koffer, vergessen das wichtige zuhause und sind raus. denn woanders ist immer erst einmal alles besser, oder etwa nicht?
der letzte blick über die schulter ist rein obligatorisch. natürlich fehlt etwas. die monatskarte für die straßenbahn zum beispiel. liegt wahrscheinlich auf dem küchentisch, wo sonst. die ceycard fürs büro hängt dafür im schlafzimmer. auch die tageszeitung klemmt nicht unterm arm. normalerweise gilt diese erkenntniskette als startschuss für den allmorgendlichen rundlauf, dem stolpern über die hoch stehende teppichkante, anschließend über die zeitung, die immer noch vor der tür liegt, um schließlich die straßenbahn zu verpassen. aber heute nicht. heute ist alles anders, denn in diesem moment auf der türschwelle beginnt er, der lang ersehnte urlaub - was für ein gefühl. alles bleibt drinnen, nur ich bin raus.
davonlaufen ist keine lösung. das haben wir von klein auf gelernt und regelmäßig wieder vergessen. doch ab und zu muss es einfach sein. ist der urlaub vielleicht die erwachsene form der nestflucht? vielleicht. und dabei haben wir uns doch gerade dieses nest in den letzten jahren so mühsam zurecht gezupft, innen schön gestaltet und vielleicht sogar verlegt, an einen sonnigeren platz. nestflucht hin oder her, fest steht, dass wir inzwischen lediglich ein auto, ein flugticket, ein paar gut gelaunte freunde im abteil oder stur abzählbare kilometer und nicht wie damals nach dem auszug bei mutti erst die eigene waschmaschine im bad benötigen, um uns wirklich losgelöst zu fühlen. wir fliegen einfach aus, wann und wie oft es uns passt. der für uns wirklich messbare vorteil eines eigenen zuhauses.
die fremde hält dann in der regel auch, was wir uns versprechen. alles ist besser. das wetter, das essen und sogar die menschen. unsere gedanken an die heimat unterliegen spätestens beim ersten autogrill einem unverschämt verlockenden panini mit parmaschinken oder am check-in der übergewichtsklausel, fliegen aus dem randvollen koffer – und bleiben da wo sie hingehören – zuhause. jetzt ist wieder platz. von heimweh keine spur. urlaub ist einfach toll. zumindest meistens, oft, oder auch eben nicht, wenn dann das auto überhitzt nach 112 kilometern am straßenrand aufgibt, sich die freunde anfangen über das „wohin eigentlich“ zu streiten, du sonnenverbrannt bei 38° im hotelzimmer glühst oder einfach kein hotelzimmer mehr frei war. eine wirklich nachvollziehbare gelegenheit – um nicht zu sagen, ein volltreffer aus einer standardsituation heraus - für den plötzlich auftretenden, gemeinen geistesblitz: zuhause wäre jetzt alles gut.
so eine gelungene panne im urlaub ist aber nicht das einzig mögliche stichwort für den einsatz des dumpfen gefühls in der magengegend, nennen wir es mal heimweh, das uns schlagartig den spaß an der freude nehmen kann. wir kommen auch ganz von selbst gelegentlich zu der erkenntnis, dass wir doch so losgelöst von unserem vertrauten nest gar nicht sind – oder insgeheim nicht sein wollen? heimweh kann uns jederzeit erwischen, sogar im traumurlaub. mit seiner unübersehbaren inkubationszeit ist es so gut wie immun gegen jegliche vorbeugung, höchst ansteckend und so gut wie nicht zu behandeln. die reisekrankheit nummer 1. keine noch so gut gepflegte taschenapotheke schafft abhilfe. und aus erfahrung: auch alkohol nicht.
von klein auf haben wir schlechte erfahrungen damit gemacht. früher bedeutete es, dass man sich unter den verächtlichen blicken der kameraden ins auto der mutter flüchtete, weil man es im skilager alleine nicht mehr ausgehalten hat. heulsuse. und auch heute drückt man sich lieber mit „heimatverbundener typ“, „mir fehlt mein freund“ oder „ich freu mich auf zuhause“, vor dem üblen nachgeschmack des worts heimweh. doch was sagt es schon? kann es denn wirklich wehtun, nicht zuhause zu sein? hand aufs herz – es kann. wer dieses spezielle weh nicht kennt, ist mir suspekt.
unsere heimat lässt uns einfach nicht los – oder, warum eigentlich immer auf die anderen schieben – wir lassen sie nicht los. genau genommen tauschen wir im urlaub doch nur ein zuhause gegen ein anderes, das wir in rekordzeit adaptieren - revierkämpfe eingeschlossen. wir brauchen immer eine gewisse portion heimat um uns herum, und können wir sie woanders nicht finden, verlangt es uns nach der alten. wir wollen zurück, dorthin, wo wir uns wohl fühlen, unsere „roots“ geduldig darauf warten wieder angenommen zu werden, zurück ins warme nest. wir suchen unseren boden, den uns keiner so einfach unter den füßen wegzieht. endlich begreifen wir diesen abstrakten begriff „heimat“ - und gleich dazu auch noch das beliebteste modewort der welt: „lifestyle“. denn genau darum geht es. unsere heimat lieben wir nicht aufgrund von gegenständlichem, sondern wegen dem schönen gefühl zu wissen, dass es sie gibt, und wir unseren festen platz darin haben. erreicht uns bei dem gedanken an all das ein bekanntes „not available at the moment“ – und machen wir nicht die freundliche stimme auf dem automatischen tonband dafür verantwortlich, hey, sie gibt ihr bestes - kann das doch ziemlich schmerzen.
kuriert von dem gedanken, dass in der ferne alles besser ist, oder einfach erholt, sonnenbraun und rundum glücklich kehrt man schließlich aus dem urlaub zurück. die tür geht auf, und man wird herzlich empfangen. nicht unbedingt von der teppichkante, die einen samt koffer schlechtgelaunt stolpern lässt, sondern von dem, was wir sind - und hier immer sein können: temporäre weggeher mit einer heimat, die man ab und zu verlässt und jederzeit vermisst.
isabel baier
pool journal