04
 
   
ruckzuck und zurück
getrieben vom drang, sich selbst zu überholen, ist die mode schon zu schnell, um an der ziellinie zu stoppen. immer in bewegung bleiben, immer am ball bleiben, nur nicht locker lassen, move it, go for it, just do it. los jetzt! bewegung – im wörtlichen wie im metaphorischen sinn – ist nicht mehr nur mittel zum zweck. es ist der zweck, es ist das ziel.
bewegung gilt als motto genauso wie als indiz. ohne bewegung läuft gar nichts. besonders in der mode, wo stillstand das ende bedeutet. dynamik, tempo, das staccatoartige wechseln von trends, werden als allheilmittel angesehen. wer der bedeutungslosigkeit des stillstandes entrinnen möchte, darf weder rasten noch ruhen. in rapide zunehmendem tempo sind immer neue ideen gefragt, die in immer noch schneller werdenden zyklen in die öffentlichkeit, in die medien und in die läden gebracht werden. visionen wie ideen, designs wie qualitäten werden – ruck – wahrgenommen und – zuck - vergessen. heute noch ein geheimtipp, morgen on-air, on-line und on-media, übermorgen schon von gestern. denn dem plötzlichen hype folgt fast unweigerlich ein tiefer fall und ein jähes ende. gestern noch überflieger, heute schon ausgemustert.
wie immer stellt die mode nur ein spiegelbild unserer zeit dar. ein zerrbild dessen, was sich in unserer gesellschaft abspielt. die zunehmende hektik in der mode ist die antwort der kreativen auf eine welt der mobiltelefonie, des mobilen high-speed-datentransfers, der permanenten räumlichen und sozialen mobilität. die ablaufdaten von computern, wohnungen, freundschaften und beziehungen werden immer kürzer. der homo technicus strebt nach beschleunigung, koste es was es wolle. immer weiter, immer höher, immer besser und davon immer mehr und das immer schneller.
das sich immer schneller drehende modekarussell kehrte das einstige system der mode ad absurdum. die früheren doktrinen der mode sind außer kraft gesetzt. noch vor fünf jahren galt als ungeschriebenes gesetz: in der ersten saison sieht man die trends auf den internationalen laufstegen, eine saison danach bei den hochwertigen markenanbietern und noch eine weitere saison später konnten handelsketten und billiganbieter die mode kopieren. wenn karl lagerfeld 1990 einen trend verkündete, trug ihn drei jahre später der gemeine konsument. die spanne dazwischen war den auserwählten, betuchten, avantgardisten und „fashionistas“ vorbehalten. nicht besonders basisdemokratisch, aber dem system der mode unglaublich zuträglich. denn indem keiner aus diesem system ausbrach, galten trends als verpflichtung. volle zwei jahre lang begehrte das letzte glied der kette, was das erste bereits trug. zwei jahre, die sehnsüchte, träume und vor allem kauflust weckten.
doch dann kam bewegung in die starren traditionen der mode. junge wilde, dreiste kopierer und innovative unternehmen heizten die öfen der alten dampflok mode an. statt vorgegeben rhythmen und unerschütterlicher berechenbarkeit war jetzt tempo, schnelligkeit und leben in die mode gekommen. die zeit, die bislang eigentlich nur für die industrie gearbeitet hatte, arbeitete plötzlich gegen sie. und heute stehen wir vor der situation, dass sich kunden in dem original und der kopie zeitgleich gegenübertreten. oder, noch viel drastischer: das designerteil sieht man eben auf fotos in magazinen, da ist die kopie schon bei „hasi & mausi“ zu haben. eine entweihräucherung der hohen schneiderkunst oder die längst überfällige revolution der basis?
eine frage, die seither die geister scheidet. dem einen freud, des anderen leid. für jene „entweihten“ eine katastrophe, für die an der „basis“ ein wahrer segen. doch wohin führt der ständige druck auf den fast-forward-knopf in der mode? wir sind zwar schneller dort, aber wo ist das?
tempo, bewegung, schnelligkeit zu verteufeln ist so ganz und gar unzeitgemäß. in zeiten des fast foods, fast livings und fast ageings mutet es so altmodisch an, nach dem drosseln der geschwindigkeit zu rufen oder es sogar selbst zu tun. doch das schwindelerregend hohe tempo der mode verleitet immer mehr menschen zum ziehen der notbremse. und plötzlich - ohne die besinnungslose raserei - sehen wir wieder klar. was zuerst wie eine verwischte landschaft an einem rasenden auto vorbeizog, ist jetzt wieder statisch, ungetrübt, erkennbar. wer die reizüberflutung hinter sich lassen möchte, flüchtet sich in produkte, die wieder vertrauen schöpfen lassen. gegenstände, die für sich und außerhalb der trends stehen. dinge, die sicherheit, schlichtheit, stabilität suggerieren. schuhe zum beispiel, die schon seit dreißig jahren ihren sieg über den zeitgeist feiern. oder jeans, die schon seit einem jahrhundert in gleichbleibend hochwertiger qualität hergestellt werden. oder taschen, die noch immer dieselben geschichten erzählen wie vor dreißig jahren. vielleicht, weil sie wie in einer endlosschleife immer wieder kommen, aber stets von neuem begeistern? vielleicht, weil ihr design schon seit fünfzig jahren anspricht? vielleicht, weil die produkte nicht mehr tun, als ihren zweck zu erfüllen? vielleicht, weil diese dinge einfach für sich stehen und keinen hype benötigen, um ein wenig bestand zu haben? vielleicht, weil sie nicht modisch sind, folglich auch nie aus der mode kommen?
die anstehende rückbesinnung auf das wertvolle ist nicht verweigerung, sondern eine korrektur des tempos, ein verzicht auf ziellose bewegung. gerade in der mode hält man einen moment inne und konzentriert sich auf das wesentliche. neue schnitte, neue techniken, neue verarbeitungsmethoden, neue designs locken nach wie vor. doch nicht mehr nur innovation ist der motor der neuen mode. es geht um die fähigkeit eines produktes, geschichten zu erzählen, historie zu vermitteln, eben darum, ein auswechselbares produkt unverwechselbar zu machen. im versandhändler „manufaktum“ haben liebhaber des zeit- und modenlosen einen gediegenen ruhepol gefunden. in langen, fast poetischen texten erzählt das altmodisch anmutende handelshaus die geschichte der produkte. der handel mit bleibenden werten als ausweg aus der täglichen idiotie des konsums. beispielhaft vor augen geführt durch die japanischen ladenkette muji. statt teurer designermarken beschränkt man sich auf ehrliche, sinnvolle produkte, die kein branding kennzeichnet. die verarbeitung ist solid, der nutzwert sofort erkennbar. statt reflexartig ein billiges trend-item nach dem anderen zu ergattern, ersteht man ein produkt mit wert. wert gestern, wert heute, wert morgen. fast schon eine neue bewegung.
martina müllner
pool journal