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home by the sea
sie sind mythologische figuren, die sogenannten „dudes“: big lebowski, jeff spiccoli und kelly slater. man weiß wenig über sie, von ihrer gleichgültigkeit den profanen dingen des lebens gegenüber - von der weite des ozeans in ihren augen. als wir uns zu unserer forschungsreise aufmachten, hatten wir keine ahnung, was wir herausfinden würden. wir hatten nicht einmal eine genaue vorstellung davon, was wir suchten. gefunden haben wir schließlich den surfliteraten allan weisbecker ... und ein paar sekundenbruchteile der ewigkeit in den wellen vor costa rica.
„früher einmal“, schreibt allan weisbecker, „war ich leicht zu finden. ich lebte in einer der letzten straßen auf long island, new york. im ersten haus auf der linken seite.“ die wegbeschreibung zu seinem gegenwärtigen zuhause klingt noch einfacher: „costa rica, end of the road“. aber bis dorthin war es ein steiniger weg. weisbecker lebt und arbeitet in povones, im süden costa ricas, an der grenze zu panama in zentralamerika. es sind knapp dreieinhalb fahrstunden jenseits der letzten asphaltierten straße, an einem ort mit einer „cantina“ und einem „mercado“ (supermarkt), und der längsten welle der nördlichen hemisphäre. falls weisbecker jemals etwas mit dem begriff heimat, oder heim identifiziert hat, dann meint er einen psychologischen zustand, keinen geographischen. den punkt, der im extremsportjargon gemeinhin der absolute nullpunkt genannt wird. einen moment zwischen himmel und erde, zwischen hier und jetzt - diesem moment ist er zeit seines lebens nachgelaufen.
als die wellen vor montauk östlich von new york nicht mehr gut genug waren, verzog er sich in den 60er-jahren an hawaii’s north shore, in das mekka des surfsports. das wellenreiten befand sich in einer kritischen phase: in hawaii kreuzte sich die südkalifornische popkultur mit jahrtausend alten „waterman-traditionen“. die mischung war ziemlich explosiv, die periode wird die psychedelische revolution genannt. „es gab niemanden auf dem planeten wie uns, wir waren eine art hippie-eliteeinheit.“ ihre kicks holten sich die surfpioniere aus den mächtigen wellen. eine dieser gigantischen wellenbrecher schwemmte weisbecker dann auch quasi von der insel. und das ging so vor sich: der wetterbericht kündigte im legendären winter 1969 einen seegang von gigantischem ausmaßen an. in kombination mit einem hohen flutstand drohte der gesamte kam-highway weggespült zu werden. alle bewohner des küstenstriches mussten evakuiert werden, so auch weisbecker. der allerdings rauchte sich lieber einen joint an und beschloss, „sich die show vom dach des hauses anzuschauen“. allerdings nicht lange: eine monsterwelle schwemmte sein haus unter seinen füßen weg. weisbecker überstand die welle zwar heil, wollte aber nunmehr weg. das ziel seiner reise: marokko. der zweck: business. weisbecker hatte die zeichen der zeit richtig gelesen: „wir haben in der nacht vor der abreise marokkanisches haschisch geraucht. wir sahen eine gewisse symmetrie darin. wir kauften bei den berbern haschisch für 80 dollar ein, und brachten es in den usa um 2.000 dollar an den mann. wir kamen nicht einmal auf die idee, uns einen job zu suchen. das war ein haufen geld für ein paar 20-jährige, damit konnten wir weitere fünf jahre im wasser bleiben.“ für viele surfer ende der 60er war grasdealen so etwas wie eine „standard procedure“. „es gab damals kein geld im surfen, keine sponsoren. den einzigen vorteil, den die wirklich guten surfer hatten war, dass jeder sein gras von ihnen kaufen wollte. reich wurde aber damit keiner.
ein nullsummenspiel: „if you take care of your surfing, surfing will take care of you.“ eine große, universelle gleichung: kosmos, cash und karma. und es wurde immer besser: ende der 70er-jahre hatte sich weisbecker zu einem veritablen „großhändler“ entwickelt. sein „operationsgebiet“ war der nordatlantik zwischen kolumbien und new york. „allerdings nur gras!“, wie er betont. dieser „grüne daumen“ reichte locker für lear-jets und luxusyachten. solange ... bis das brimborium den eigentlichen sinn der sache völlig in den schatten stellte - jet-set statt „dude-tum“ sozusagen: „wir haben unseren glauben betrogen“, sagt weisbecker, „haben die perspektive verloren. wir sind irgendwo hingeflogen und haben unsere boards einfach zu hause gelassen.“ man könnte sagen: ein klarer fall von verrat – und der ozean ist ein unbestechlicher richter. er diagnostiziert schuld, angst oder einfach nur schlechte gefühle in sekundenbruchteilen. die abrechnung folgte auf dem fuß: ein gewaltiger sturm versenkte weisbeckers schmuggelyacht ensenada 1978 im nordatlantik. an board hatten er und seine geschäftspartner 50 tonnen gras mit einem straßenverkaufswert von 200 millionen dollar gebunkert. weisbecker kam noch einmal mit dem leben davon: ein fischerboot rettete ihn. als er sich bei der besatzung bedankte, sagte der kapitän, nachdem er weisbeckers profession spitzgekriegt hatte: „ein mann, der für den galgen geboren ist, braucht das wasser nicht zu fürchten.“ weisbecker erkannte die ironie und hörte doch die botschaft: er zog sich aus diesem „geschäft“ zurück. gerade noch rechtzeitig: „alle anderen starben oder kamen ins gefängnis innerhalb der nächsten zwei jahre.“
weisbecker landete auf der sonnenseite: ein gewisser michael mann erkannte seine talente und würdigte sein knowhow: weissbecker wurde als drehbuchautor für die krimiserie „miami vice“ angeheuert - er war schließlich vom fach. weisbecker’s darauffolgenden hollywood-jahre waren jedoch von einer endlosen serie von streitereien gekennzeichnet. in seinen memoiren „why can’t i get along with anybody?“ rechnet er mit der traumfabrik ab. seine abneigung scheint tiefere gründe gehabt zu haben: irgendwie, irgendwo hatte er noch eine rechnung offen, mit sich selbst, mit dem ozean, mit den idealen seiner jugend. weisbecker war immer noch – und vielleicht mehr als je zuvor – ein „angry young man“.
also packte er eines tages seinen ford-pickup und machte sich auf den weg von montauk, 9.000 meilen bis nach costa rica. anlass seiner reise war die suche nach seinem ex-geschäftspartner und „surf-buddy“ patrick, der irgendwo in den schweigsamen wäldern mittelamerikas verschollen war. aus dieser suche entstand auch weisbeckers buchtitel „in search of captain zero“, welcher in kürze mit sean penn in der hauptrolle verfilmt werden soll. als er patrick schließlich an costa ricas karibikküste ausmachte, fand er aber ein drogenwrack vor. patrick war den dunklen weg gegangen, er besaß nicht einmal mehr ein surfboard. desillusioniert zog es ihn wieder zurück an den pazifik, an die heimstätte des wellenreitens, nach povones, einem entlegenen dorf im süden costa ricas an der grenze zu panama. in povones brechen die wellen an guten tagen über eine meile und ermöglichen minutenlange „rides“: sanfte, wie mit dem lineal gezogene wellen ...
wir dachten, weisbecker würde den krönenden abschluss unseres surf-reise-filmdrehs abgeben: allan weisbecker, die personifizierung des mythos des surfer-dudes, noch dazu ein schriftsteller, der druckreif formuliert. er würde uns einiges über die sublimen psychologischen sensationen des surfsports erklären können. nach drei monaten mittelamerika und ein paar epischen surf-sessions machten wir ihn schließlich ausfindig - „at the end of the road“: ein eleganter herr in den besten jahren, ein „grandseigneur des dudetums“, einen stilisten auf dem board und im leben.
„es gibt einen punkt auf der welle“, sagt er, „an dem alles so ist, wie es sein soll. ein meditativer moment. man verliert den sinn für zeit, das gehirn wird völlig leer.“ der fachausdruck ist vergegenwärtigung. „der, der im moment lebt, lebt ewig“, hat wittgenstein es formuliert. weisbeckers zuhause ist kein ort, es ist ein zustand, ein zeit-raum: ein moment völliger harmonie, synchron mit den zyklen der natur. „es gibt nichts, das mit dem surfen in dieser hinsicht vergleichbar ist. ein bündel energie reist für zehn tage nur zu deinem vergnügen. es kommt, du genießt es, und es ist für immer vergangen.“ einige dieser momente teilten wir mit dem alten meister, und in diesen momenten wurde uns auch klar, worum es sich bei unserer forschungsreise in die geheimnisse des surfsport gedreht hatte. „worüber man nicht reden kann – darüber muss man schweigen“, wieder wittgenstein.
„ich will nicht wie ein idiot klingen“ sagt weisbecker, „es gibt dinge, die besser ungesagt bleiben. was soll man über einen moment sagen, in dem nichts in deinem gehirn vorgeht? der zauber, wie in so vielen dingen, liegt im tun: it’s a mindless kind of bliss ...“
christian pöhl & johannes lingenhel
pool journal