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feeling space
der hafen, der see, außergewöhnliche architektur. das hafengebäude rohner am fuße des bodensees verkörpert wie selten die kompromisslose ausrichtung aus klarheit und funktion. hauptakteur ist jedoch die natur, welche teil des grundgedankens von architekt dietmar eberle war. maria rohner erzählt über leben, fühlen und arbeiten zwischen hartem beton und weichem holzkern.
liebe maria, wie fühlt es sich eigentlich an, in einem architektonisch ungewöhnlichen gebäude zu arbeiten?
in all der hektik finde ich hier ruhe, geborgenheit und kraft und fühle mich nicht eingezwängt. es ist sowohl mein zufluchtsort, als auch meine startlinie und mein zieleinlauf. hier ist alles möglich: ich kann nähe zulassen, distanz einnehmen, innen leben und nach draußen gehen. ich kann eigenes kreieren und auf altbewährtes zurückgreifen, es ist ein spannender, kontinuierlich anhaltender prozess: gegenstände nehmen genau den platz ein, den ich ihnen gebe. jedes stück ist hier, um berührt und bewohnt zu werden. ich spüre die nähe des sees, ohne ihm ganz nahe zu sein ... ich brauche die weite und das gefühl von freiheit...

glaubst du, dass die umgebung, das design eines gebäudes und seiner räume unser ästhetisches empfinden beeinflussen?
der umriss ist immer das erste, das wir wahrnehmen. er entscheidet, ob wir genauer hinsehen. gebäude und räume verändern unseren alltag und geben unseren empfindungen gestalt, bringen intensität und persönliches profil in unser leben. räume geben uns sicherheit, lassen uns frei atmen oder engen uns ein. dabei verändern sich unsere bewegungen, unsere stimmen werden laut oder leise. gebäude sind wie die schützende außenhaut des menschen. wenn wir es zulassen, verändern sie sich durch sonne, wind und niederschläge fortlaufend. wir können diese außenhaut überziehen oder abstreifen, sie öffnen oder verschließen. je nachdem, was uns gut tut.

das hafengebäude besticht durch ihre reduzierte klarheit. worin besteht für dich grundsätzlich die faszination an der reduktion, am „wesentlichen“ - bei dingen, produkten, gebäuden?
in der reduktion erkenne ich das wahre wesen der dinge. nichts verstellt den blick, nichts lenkt ab. weniger ist meist mehr. klarheit macht es einfach, dinge zu lieben – oder auch nicht. klare formen geben der umgebung halt, reduktion ermöglicht uns einen realistischen blick auf das leben. das trifft auch auf die mode zu: wenn ich mich „verkleide“, gebe ich anderen nicht die chance mich kennen zu lernen.

es ist wahrscheinlich sehr selten, ein hafengebäude solch einem hohen architektonischen anspruch zu unterstellen. wie kam es zur idee, diese art von gebäude an einem (boden-)see zu gestalten?
die „abgehobene“ form und das verwendete material beton waren durch die lage am rande des naturschutzgebietes und die gefahr eines neuerlichen hochwassers (wie 1999) vorbestimmt. das gebäude ist teil eines prozesses, ein kieswerk zu einem hafen für segel- und motorboote zu machen. ein kapitel einer geschichte – meiner geschichte und der geschichte meiner familie. der architekt dieses gebäudes, dietmar eberle, kennt sie, weiß woher ich komme, wo ich jetzt stehe und wohin ich will. darauf vertraue ich, und ich habe gut daran getan, wie man nun sehen kann.

der mensch und die natur, eine oft sehr schwierige beziehung ... wann ist für dich eine gelungene, respektvolle begegnung zwischen einem von menschen gebauten gebäude mit der natur hergestellt?
ich meine: wenn die natur die hauptrolle spielt, spielt das gebäude eine nebenrolle. es geht um ein harmonisches nebeneinander, fließende übergänge zwischen mensch und natur. eine architektur, die sich ihre reinheit bewahrt, die wärme, nähe, individualität und charakter zulässt und vermittelt und sich nicht in den vordergrund drängt. man sollte sich immer bewusst sein: die natur lässt sich zeit, aber sie vergisst nicht ...
helmut wolf
pool journal