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style, mosaic
irgendwo zwischen Illusion, theatralik, architektur, modernem barock und brasilianischer kolonialgeschichte liegt das mosaikartige stilensemble von adriana varejão. es scheint so, als wolle sich die brasilianische künstlerin nicht festlegen, ihr ganz persönliches, ästhetisches weltbild erschaffen. ein gelungener versuch ...
eine große kraft strömt aus den werken von adriana varejão. eine schöpferische kraft, deren herkunft und fundament in der sprühenden sprache und emotionalität der brasilianischen (kunst-) geschichte verankert ist. die in rio de janeiro lebende künstlerin versteht es auf außergewöhnliche art und weise, unterschiedlichste genres und atmosphärische momente zu verdichten und zu visualisieren. dabei spielt es gar keine rolle, dass stile und kunstrichtungen aus verschiedensten bereichen und zeiträumen ineinander fließen. im gegenteil. es entsteht dabei ein ungewöhnlicher hybridcharakter, gleich einem mosaik, was wiederum ganz typisch ist für die brasilianische kunst- und stilsprache der letzten jahrhunderte.
so wenig sich die 1964 geborene künstlerin auf eine bestimmte kunstepoche und -ausrichtung festlegen möchte, so wenig legt sie sich ebenso auf ein bestimmtes genre fest. zu ihren „kommunikationsträgern“ gehören deshalb die malerei ebenso wie die bildhauerei oder die architektur. hier das expressionistische gemälde auf canvas, dort die saunalandschaft auf keramik oder die figürliche skulptur-darstellung aus stein. eine große leidenschaft hegt adriana varejão zudem für außergewöhnliche literatursprache, etwa von bataille oder sade, welches in etlichen subtilen zitaten und darstellungen ihren niederschlag findet. auch „spielt“ die visualisierung der musik - „das“ kollektive, identitätsstiftende element in der brasilianischen kultur schlechthin - eine große rolle in den werken der 41jährigen. dabei vor allem die gattung der „choro-musik“, welche um 1870 in brasilien entstanden ist und eine form melancholischer instrumentalmusik verkörpert, angesiedelt zwischen polka, walzer und schottischen klängen. alles in allem: ein wunderbares, einnehmendes stil-potpourri, welches adriana varejão zu einer der außergewöhnlichsten künstlerlinnen brasiliens macht.
wer sich von den werken der künstlerin inspirieren lassen möchte, kann dies erstmals in europa bis 5. juni in der „fondation cartier pour l’art contemporain“ in paris, (261, boulevard raspail) tun.
helmut wolf
pool journal