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ohne worte
wer vergleiche mit anderen musikstilen sucht, wird es bei cecile schott sehr schwer haben. die aus paris stammende musikerin, bekannt unter dem namen „colleen“, hat mit ihrem aktuellen album nämlich einen ganz eigenen klangkosmos geschaffen. ihre klänge, eine mischung aus alten und neuen instrumenten, vermitteln ein zwar leises, aber dafür umso deutlicheres statement für mehr harmonie und ausgleich. nicht nur in der musik sondern auch für das leben.
es scheint, als stammen diese klänge nicht von dieser welt. nicht aus dieser zeit. und doch kommen einem die melodien des erstlingsalbums der französin cecile schott alias „colleen“ ganz nahe, werden einem schnell vertraut. vor allem in der nacht, aber nicht nur dann. in den raren, ruhigen momenten, kann sich dieser magische klangteppich besonders gut entfalten. ein glockenspiel, eine melodica, eine gitarre, das wärmende knistern alter schallplatten, gleich einem gemütlich eingeheizten kamin, erzählen dem zuhörer viele kleine geschichten, die über die liebe zum leben, zur schönheit, zur phantasie berichten – und das ganz ohne worte ...

liebe cecile, woher kommst du, und was hast du bis jetzt so gemacht?
ich wuchs in einem sehr langweiligen dorf, etwa 100 kilometer südlich von paris auf. die einzigen wirklich interessanten beschäftigungen, mit denen ich mir die zeit vertreiben konnte, waren musikhören und gitarre spielen. ich studierte englisch, ging dann später nach england, wo ich auch einige jahre lebte. zur zeit unterrichte ich englisch an einem gymnasium in einem vorort von paris.

inwieweit hat dich deine umgebung, dein umfeld, in deiner kindheit in deinem empfinden für musik geprägt? sind deine eltern musikalisch?
meine eltern sind sehr überrascht darüber, dass ich überhaupt musik mache, weil eigentlich niemand in unserer familie musikalisch ist. leider muss ich auch sagen, dass meine eltern nicht so einen besonders ausgeprägten musikgeschmack haben?! die einzig wirklich guten sachen, die ich in meiner jugend gehört habe, waren einige dub- und reggae-aufnahmen von lee „scratch“ perry. meine richtige liebe zur musik offenbarte sich so etwa mit 14 jahren. ein freund gab mir damals das rote und das blaue album der beatles, und ich habe diese songs sicher mindestens 500 mal gehört. einige zeit später war ich einmal mit meinen eltern für einen tag in kopenhagen, und da waren zwei straßenmusiker, die spielten ein paar lieder von den beatles auf einer akustikgitarre. das war der moment, in dem mir klar wurde, dass ich unbedingt gitarre spielen wollte, „musste“. meine eltern kauften mir eine, zahlten mir musikstunden - so begann alles...

hast du als kind lieber gesungen oder musik mit töpfen, gläsern gemacht?
ehrlich gesagt habe ich als kind keines von beiden gemacht. und so komisch und lustig das auch klingen mag, ich habe eigentlich erst mit 19 jahren das erste mal versucht, mit töpfen und gläsern musik zu machen! ich versuchte gleich, diese klänge auf einem vierspur-aufnahmegerät aufzunehmen, das ich mir zuvor gekauft hatte.

unsere umwelt ist heute sehr laut, sehr hektisch, deine musik dagegen sehr harmonisch, leise und zauberhaft. soll deine musik ein statement für mehr ruhe und frieden sein?
das einzige, das du wirklich als dein ganz persönliches eigentum bezeichnen kannst ist, wenn du musik machst oder künstlerisch tätig bist. diese erkenntnis ist großartig. und, ehrlich, du kannst einfach alles, was du liebst, mit musik zum ausdruck bringen! beispielsweise auch die liebe zur ruhe. ich mag es auch gar nicht, musik laut zu hören. jene musik, die ich besonders gerne mag, benötigt oftmals gar keine elektronische wiedergabeverstärkung. barockmusik, indonesische oder südostasiatische musik kommt beispielsweise ganz ohne massive lautstärke aus ... ich denke mir, dass leise töne eigentlich eine viel stärkere aussagekraft haben als laute - sowohl in der musik als auch im alltag. ich mag keine menschen, die laut sprechen. wenn ich live spiele, muss ich sehr sanft spielen, weil ich nur akustische instrumente verwende. selbst wenn die instrumente verstärkt würden, dürfte die lautstärke nicht allzu extrem sein, da es sonst eine furchtbare rückkoppelung geben würde. die menschen hören dabei echt zu und reden nicht, weil sie sonst nichts mehr hören würden. bei lauter musik dagegen tendieren die menschen dazu, diese einfach zu überschreien!

du singst nicht sondern spielst viel mit akustischen instrumenten. spiegelt das auch dein empfinden: instrumente drücken mehr „feeling“ aus als gesungene worte?
ich würde nicht sagen, dass akustische instrumente mehr feeling als gesungene texte vermitteln. aber wenn wir eine stimme verwenden, verwenden wir meist auch worte, und worte verleiten den zuhörer zu unterschiedlichen interpretationen. ich möchte, dass sich die zuhörer komplett frei fühlen, damit sie die musik so erleben können, wie sie das wollen. zudem bin ich der meinung, dass es sehr schwierig ist, wirklich gute texte zu schreiben. es gibt nur wenige leute, die texte mit einer interessanten stimme vermitteln können.

hast du ein bild, eine stimmung, eine person, einen moment im kopf, wenn du deine musiknummern komponierst?
nicht wirklich. ich glaube, musik machen ist so eine art menschliches bedürfnis, sowie atmen oder essen - so ist das zumindest bei mir. ich bin ganz ehrlich und muss sagen, dass komponieren mir sogar geholfen hat, schwierige zeiten zu überstehen. ich konnte dadurch meine probleme vergessen und positive gedanken in mir entstehen lassen. genau solche gedanken nämlich, die mich fröhlich stimmten. bei den reisen und live-auftritten treffe ich auf viele menschen, die mit mir meine musikalischen anregungen und gedanken teilen, reflektieren und ihnen dadurch eine zusätzliche note verleihen.

du verwendest auch instrumente wie das glockenspiel, eine konzertina, das cello, die akustische gitarre und ähnliches. wo liegt für dich der unterschied in der aussagekraft zwischen elektronischer musik und akustischer?
ich liebe instrumente und deren geschichte, aussehen und klang. auch faszinieren mich menschen, die instrumente erfunden haben – vor allem akustische. ich hätte aber auch sehr gerne altes elektronisches equipment, zum beispiel das „ondes marthenot“, auch „martenot welle“ genannt (anm.: monophones, elektronisches instrument aus dem jahr 1928, u. a. verwendet von „radiohead“ oder im film „lawrence von arabien“). ich bin auch ein fan von mechanischer musik und der tatsache, dass es sicherlich etwas großartiges für die menschheit war, zum ersten mal musik von einer schallplatte aus einem grammophon gehört zu haben. der wahre unterschied heutzutage liegt in der melodie und dem sound, egal ob akustisch oder elektronisch. warum die menschen wieder mehr akustische instrumente entdecken? ich glaube, sie sind gelangweilt von so genannten live-konzerten, die nur vorgeben live zu sein, im grunde aber nur daraus bestehen, dass hier jemand auf einen computer starrt. natürlich kann ein musiker mit einer gitarre genauso gelangweilt aussehen. es ist da eher mehr eine frage vom gebrauch standardisierter sounds und strukturen. als ich vor rund einem jahr gebeten wurde eine live-show zu machen, wusste ich noch gar nicht, wie ich es überhaupt schaffen sollte, meine musik live darzustellen. das album besteht ja ausschließlich aus samples. und eine laptop-show wollte ich auf gar keinen fall machen. so begann ich mir neue, alte instrumente zu besorgen, woraus wieder neue lieder entstanden sind: mit einer melodica, einem glockenspiel, einer harmonika, einer flöte und einem chello, das ich am beginn dieses jahres gekauft habe. generell glaube ich, ist es sehr schwierig, persönliche gefühle mit samples darzustellen. ich bin mir nicht sicher, ob ich diese vorgehensweise auch fortsetzen kann.

was für ein gefühl möchtest du beim zuhörer mit deiner musik auslösen?
ich versuche, nicht grundsätzlich eine bestimmte stimmung zu kreieren. wenn sich menschen von meiner musik „davontragen lassen“ können oder durch meine musik in angenehme gedanken abdriften, dann hat sie meine botschaft erreicht. wenn der zuhörer sich hinsetzt und bewusst den klangbotschaften lauscht, dann hat meine musik ihr ziel erreicht. ich reagiere genauso, wenn ich musik höre, die mich sehr bewegt: ich muss einfach aufhören mit jeglicher tätigkeit – und nur zuhören.

„i was deep in a dream and i didn’t know it”, lautet ein titel auf deinem debut-album. träumen ist oft schöner als die beinharte realität. sollten die menschen mehr von schönen dingen träumen?
dieser titel bezieht sich eigentlich nicht auf meine träume während des schlafens oder auf tagträume, wiewohl ich tagträume liebe. sich einen „film“ über die eigene zukunft auszudenken, zu „erträumen“ ist sehr wichtig und hilft dem menschen gesund zu bleiben, vor allem, wenn man gerade eine schwierige zeit durchlebt. der titel dieses lieds bezieht sich auf situationen im leben, in denen etwas unglaublich tolles passiert, und du auch daran glaubst, weil es wahr ist - und eines tages geht plötzlich alles in die brüche, und du fühlst dich so, als ob du gerade aus einem traum aufgewacht bist.

ist für dich musik auch eine art lebenshilfe?
ja, absolut! jeder, der musik liebt, kann diese frage nur mit „ja” beantworten. natürlich ist musik keine lösung, wenn du gerade wirklich tief in der scheiße steckst. jedoch kann sie dir helfen, einen moment lang zu vergessen und dich auf etwas anderes, etwas positives, schönes zu konzentrieren. ebenso ist es auch bei der kunst. das leben kann ziemlich grausam sein, und musik und kunst können eine art zuflucht sein. auch wenn meine musik manchmal sehr leise, traurig oder nostalgisch klingt, bin ich immer sehr glücklich und aufgeregt, wenn ich musik mache.

„everyone alive wants answers“, ist nicht nur titel deines albums sondern eine interessante feststellung. findest du antworten in der musik?
der titel dieses albums entstammt eigentlich dem buch von nik cohn „yes we have no“. cohn ist dabei in england herumgereist und begegnete dort vielen verschiedenen menschen, die mehr oder weniger am rande der gesellschaft lebten. wenn ich mich recht erinnere, trifft er nach einer gewissen zeit auch auf einige leute, von denen einer sagt, dass „jeder mensch nach antworten sucht“. als ich diese textpassage las, dachte ich nur: „das ist total wahr!“ ich konnte diese aussage so richtig nachvollziehen, weil ich selber dazu tendiere, mir ständig viel zu viele fragen zu stellen, und dieser buchtitel ist eine art tribut an diese menschliche eigenschaft. es soll nicht als traurig verstanden werden. ich glaube, dass wir einfach so sind, oder dass zumindest ich so bin! manchmal wünschte ich mir, ich wäre dümmer und würde mir nicht so viele fragen stellen. auf der anderen seite würde ich dann aber auch keine musik machen ...
helmut wolf
pool journal