10
 
   
häufig gestellte fragen
was inspiriert dich besonders?
musik, und die zeichnungen meiner 6-jährigen tochter lou. ich zeichne oft gemeinsam mit ihr. die regeln dabei sind ganz einfach: wir zeichnen beide abwechselnd, jeder hat dazu etwa fünf minuten zeit. wir zeichnen einfach alles, was uns gerade in den kopf kommt - das ist eine äußerst positive und reichhaltige übung.

was ist dir am wichtigsten?
meine frau und meine tochter.

welche musik hörst du momentan am liebsten?
da fallen mir spontan john tejada, headset, autechre oder thomas brinkmann ein ... aber ich höre nicht nur elektronische musik, ich mag auch hip hop, jazz, französische musik usw ...

dein lieblingsbuch?
früher habe ich viel gelesen, aber das ist schon ziemlich lange her. ich würde sagen, mein lieblingsbuch ist „vitamin p“ (verlag phaidon), ein exzellentes werk über neue zeichnungen aus der ganzen welt.

deine lieblingszeichnung?
wahrscheinlich das plattencover des sonic youth-albums „goo“ von raymond pettibon. diese zeichnung bedeutet mir viel, ich liebe ihre form und ihren inhalt.
all pictures are taken from the book “seb jarnot 3x7=15”, die gestalten verlag
wavelength
die zeichnung ist die grundlage der kunst. papier, stift, die hände und der gedanke. einfach, leise und doch so ausdrucksstark. der französische zeichner und illustrator seb jarnot zieht seit vielen jahren zarte, verführerische striche über das papier. seine zeichnungen zieren nicht nur ausgesuchte plattencovers und internationale werbekampagnen, sie repräsentieren auch ein angenehmes gegengewicht zu überladener buntheit und bilderflut. weniger ist mehr - „quiet is the new loud ...“
lieber seb, welche comics hast du als kind am liebsten gelesen?
wie jedes französische kind habe ich natürlich „asterix“ gelesen. mir gefielen allerdings auch comics mit einer völlig anderen, eher düsteren und bizarren atmosphäre, beispielsweise „fluide glacial“, ein comic-magazin, das von marcel gotlib gegründet wurde. gotlib`s eigene comics habe ich ebenso geliebt, vor allem wegen seines ungewöhnlichen umgangs mit dem thema sex. irgendwie erinnert mich dieser mann an robert crumb, weil beide ihr unverkennbares, persönliches universum abbilden und nicht zögern, all ihre fantasien zu zeichnen. in meiner jugend hat mich auch der comiczeichner jacques tardi mit seinen kalten atmosphären sehr beeindruckt. und natürlich die amerikanischen comics wie strange, mad (allerdings in der französischen ausgabe) usw. ich selber habe kaum comics gezeichnet und schon als ich jung war, habe ich es eher vorgezogen, geschichten durch ein einziges bild zu erzählen. das liegt wohl daran, dass ich es immer schon geliebt habe, jemand anderen dabei zu beobachten, wie er eine meiner zeichnungen studiert. wenn man ganze comicstorys gestaltet, ist es schwieriger jemanden dabei zu beobachten, wie er auf die geschichte reagiert.

haben dich die ästhetischen eindrücke, das umfeld deiner kindheit in deiner arbeit als zeichner geprägt?
also meine familie war eigentlich überhaupt nicht an kunst interessiert. ich war ein sehr neugieriges kind, habe viele dinge selbst entdeckt, auch eine enzyklopädie, die wir zu hause hatten und in der ich einige bilder von picasso und modigliani fand. meine eltern hatten einen laden, wo mir eines tages ein kunde seine sammlung des französischen magazins „photo“ gezeigt hat. ich habe diese seltsamen bilder geradezu in mich aufgesaugt. ansonsten weiß ich eigentlich nicht so genau, welche aspekte meiner arbeit direkt mit meiner kindheit zusammenhängen. für fünf oder sechs jahre habe ich jedenfalls geglaubt, dass ich beim zeichnen meine kindliche freiheit finde ...

wie wird man eigentlich zeichner? passiert das zufällig oder hast du immer gewusst, dass zeichnen deine berufung ist...?
vor zehn jahren habe ich in einer kleinen agentur als graphik-designer gearbeitet und hatte keinerlei zukunftsaussichten. als ich gefeuert wurde habe ich mein glück mit illustrationen versucht und habe musikzeitschriften, musiklabels und illustrationsagenturen kontaktiert. es war nicht einfach, aber ich denke, ich habe damals die richtigen leute zum richtigen zeitpunkt getroffen. für mich war es damals am wichtigsten, dass ich eine konkrete vorstellung davon habe, was ich machen wollte. ich habe deswegen auch einige angebote ausgeschlagen, um meiner linie treu zu bleiben, auch wenn mich das in eine prekäre finanzielle lage gebracht hat. heute denke ich auf jeden fall, dass zeichnen meine berufung ist.

wir leben in einer zeit unzähliger, sinnreizender eindrücke: tausend bunte bilder aus fernsehen, computer, handys, magazinen, leuchtreklamen usw. strömen auf uns ein, verstellen uns oft den blick auf das wesentliche. wie begegnest du persönlich dem phänomen der „bilderflut“?
ich bin sozusagen ein bilderjunkie! ich fühle mich in dieser welt wie ein fisch im wasser. das verhältnis von positiven zu negativen bildern ist meiner meinung nach heute dasselbe, wie vor einigen jahrzehnten. wir leben in einer bilddominierten gesellschaft, und da die meisten leute offensichtlich keine bilderziehung haben, werden sie von dieser masse an bildern erdrückt und sehen gar nichts mehr. das problem ist, dass wir nicht nur mit bildern sondern auch mit informationen überflutet werden und das führt zu einem mangel an selektion und objektivem weltverständnis.

deine arbeit besticht durch eine gewisse zartheit in form von strichzeichnungen. möchtest du mit deinen illustrationen so eine art gegenentwurf zu unserer oft überladenen, lauten welt „zeichnen“?
das mache ich nicht absichtlich. ich denke, es ist einfach meine instinktive, persönliche reaktion auf unsere welt. ich will und kann mich einfach nicht lauter ausdrücken als alle anderen.

worauf glaubst du, ist es zurück zu führen, dass gerade in unserem umfeld der bunten konsumgesellschaft die sehnsucht nach schlichtheit, nach einfachheit sowohl bei produkten als auch im leben immer mehr anwächst?
ich denke es ist natürlich, sich nach einfachheit zu sehnen, wenn man in einer welt lebt, die das genaue gegenteil verkörpert. wenn man zwei, drei tage in einer sehr lauten umgebung verbringt, wird man danach instinktiv ruhe suchen. purismus liegt gerade im trend, vor allem in den bereichen kunst und design.

wie könnte man die substanz, die essentielle eigenschaft eines guten produkts oder eines guten kunstwerks beschreiben?
ein gutes und zeitloses produkt oder kunstwerk muss offensichtlich sein. ein gutes produkt muss die menschen auf eine art gemeinsame, universelle wellenlänge bringen.

gibt es für dich überhaupt so etwas wie ein gutes, zeitloses produkt?
da fallen mir spontan zwei platten ein: „melody nelson“ von serge gainsbourg und „the velvet underground and nico“ von velvet underground. „zeitlos gut“ würde aber auch für jeans gelten ...

du hast auch einige plattencovers von musik-cds oder eine werbekampagne für nike gestaltet. wie schafft man es eigentlich, das feeling der musik oder den style einer modemarke zu visualisieren?
am wichtigsten ist es, informationen zu sammeln. ich muss viele informationen und elemente sozusagen zwischen den zeilen herauslesen, um dann komplett in ein projekt einzutauchen. für ein plattencover höre ich dann die platte auf dauerschleife ...
helmut wolf
pool journal