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illustration: jennie thomas
frankly speaking
soll ich dir wirklich die wahrheit sagen? verträgst du sie? natürlich, alle behaupten doch, sie wollen wahrheit und wahrhaftigkeit. doch die wirklichkeit sieht ganz anders aus. ohne mich gäbe es keine wirklichkeit. wie ein schiff das wasser, braucht die wirklichkeit mich, um darauf schwimmen zu können, um nicht zu versinken in der dunklen tiefe. also lass uns von anfang an ehrlich zueinander sein. kein falscher charme. ich lüge dich nicht an, und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin eine lüge.
spätestens seit der verbreitung des 8. gebots - „du sollst nicht falsch gegen einen anderen aussagen“ - führen gute, moralische menschen ihre schlacht gegen mich. meine schärfsten kritiker sind die theologen, das nicht immer passagierfreundliche bodenpersonal gottes. ihrer meinung nach gehöre ich verdammt aus jedem kopf. und doch kennen auch wir uns inzwischen ganz gut, wir treffen uns gelegentlich im stillen. die soziologen und psychologen dagegen vertreten die ansicht, dass ich, richtig dosiert, im alltag unabkömmlich sei. sie gehen sogar so weit, mir eine gewisse verantwortung für den täglichen umgang der menschen miteinander zuzuschreiben. ich fühle mich geehrt. so nehme ich es hin, dass sie mich genau studierten, meine charakterzüge feinsäuberlich bis ins kleinste detail katalogisierten und mich schließlich aufteilten: in eine ‚harte’ und eine ‚weiche’ lüge. sie zerrissen mich in meinem innersten. seitdem ist meine weiche seite, die sich nur harmlos von der wirklichkeit entfernt und keinem schadet, moralisch sanktioniert und salonfähig geworden. ihrer wissenschaft von mir gaben sie den namen mentiologie – denn das wort lüge ist einfach zu negativ besetzt, von mir.
nenn mich, wie immer du willst: ausrede, beschönigung oder übertreibung – deine scheinheiligen schmeicheleien aus höflichkeit nehme ich gerne hin, auch wenn sie nicht ganz der wahrheit entsprechen - doch das wissen nur wir beide, richtig? du lügst nie. wer lügt, kommuniziert der definition nach eine subjektive unwahrheit mit dem ziel, bei seinem gegenüber einen falschen eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten. lass uns nicht erst diskutieren, wo die grenze zwischen meinen verschiedenen zügen liegt, das würde einen von uns nur in die irre führen. zu lügen ist niederträchtig, eine untugend, die niemand gerne zugibt und doch jeder tagtäglich gebraucht. mir gegenüber kannst du ganz ehrlich sein, denn ich weiß, dass du mich brauchst. ich bin dein retter in der not. ich lasse dich nicht hängen. ich bin die meist gefragte dienstleistung der welt, denn ich diene in erster linie deiner psychohygiene. ich ermögliche dir einen pflegeleichten umgang mit der vergangenheit, der gegenwart und der zukunft. ich male das schön, was du nur schwarz sehen könntest. mit meiner hilfe tauschst du die traurige wirklichkeit gegen eine heile welt. und darum geht es doch eigentlich, denn du hast angst, deiner eigenen wirklichkeit zu begegnen.
„wer nicht lügen kann, weiß nicht, was wahrheit ist“, sagte schon friedrich nietzsche. dass er hier strenger mit der heilig gesprochenen wahrheit als mit mir, der niederträchtigen lüge, ins gericht geht, zeugt von seiner ehrlichkeit. denn die wahrheit ist nicht das maß aller dinge. je nach blickwinkel deckt sie sich mal mit der wirklichkeit, mal mit der lüge. und trotzdem strebt ihr alle ständig danach. ihr wollt die wahrheit kennen, sie ehren und lieben, doch die realität sieht ganz anders aus. denn die wahrheit ist oft nur schwer zu ertragen, die lüge ist schöner. wenn ich auch noch so verachtet, verurteilt und verschmäht werde, die wahrheit ist mindestens genauso unbeliebt, sie erfreut sich nur fälschlicher weise eines besseren rufs. sie ist das aushängeschild der braven leute und gleichzeitig ihre größte gefahrenquelle. wenn du immer nur die wahrheit sagen möchtest, wirst du menschen verletzen müssen, dinge tun, die du nicht möchtest, dich versklaven an eine vermeintlich höhere sache. jedem die dosis wahrheit, die er verdient. auch sie kann überdosiert zur qual werden – man will es kaum glauben, oder?
unter uns gesagt, niemand hat so einen schlechten ruf wie ich und ist trotzdem gesellschaftlich so akzeptiert, auf jedem fest geladen, zu jedem anlass gern gesehen. obwohl ich also dazu gehöre, friste ich mein dasein in hinterzimmern, gassen und dunklen ecken. ich fühle mich benutzt.
benutzt von dir, um dem chef zu schmeicheln, die gesellschaft bei laune zu halten und darin zu überleben. lügen um zu überleben? genau darum geht es doch. wer besser täuscht, lebt länger. das hat sich auch in der tierwelt längst bewährt. du brauchst mich, um nicht gefressen zu werden in deiner gesellschaft, die falsche schmeicheleien höflichkeit nennt und ohne übertreibung und beschönigung nicht auskommt. ich bin dein eigenschutz, deine faulheit, dein ausweg vor unangenehmen konsequenzen.
habe ich dich jetzt geschockt? oder fühlst du dich jetzt besser, wo du die wahrheit über mich kennst? eigentlich kanntest du sie doch die ganze zeit, aber wie gesagt, manchmal ist die lüge eben schöner. ich verstehe dich sehr gut.
isabel baier
pool journal