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illustration: jennie thomas
our daily companions
mit dem wort wachen wir auf, ein erster gedanke, der uns durch den kopf geht und wahrscheinlich unseren tag prägt. ein erstes wort, das wir mit unserem gegenüber wechseln, ein freundliches „guten morgen“ - hoffentlich ... unzählige zeilen, die über den tag aus unserer feder fließen sowie zahllose worte, die wir wiederum lesen.
worte gehören zu unserem alltag – vielleicht ist das der grund, warum wir uns so wenig mit diesem wertvollen gut auseinandersetzen. alltägliche dinge werden zur selbstverständlichkeit. schade, dass wir ihm nicht mehr aufmerksamkeit schenken, um so die macht, die das wort besitzt, zu ermessen und zu begreifen ...
ein wort kann verletzten – es kann schärfer sein als jede klinge, spitzer als jeder pfeil, der dich durchdringt. doch auch zarter als seide – ein wort kann dich streicheln, dein herz auf bedeutsame und beglückende weise berühren. ein wort schafft distanz, entzweit zuweilen, doch überschreitet es auch unüberwindbar erscheinende entfernungen, hebt grenzen auf und verbindet. es jagt dir schauer über den rücken, eiskalt, lässt dich frösteln, und doch schafft es wärme, die wohliger ist als jedes kaminfeuer. ein wort reicht aus, dich in die tiefsten abgründe zu stürzen, dir den größten schmerz zu bereiten. doch ein wort genügt, dich in den himmel zu heben und dich unendliches glück verspüren zu lassen. worte schrieben geschichte. john f. kennedy’s „ich bin ein berliner“ hat sich auf ewig in unseren ohren verankert. dieses bekenntnis sprengte die ketten in den köpfen der menschen und wurde zum sinnbild der freiheit - bis heute. worte sind nachhaltig und begleiten uns ein leben lang. sie prägen – im guten, wie im bösen, bestimmen unser handeln. sie bringen dich an den rand des wahnsinns ... manchmal sind sie vernichtend. das wort bestimmt über sein oder nichtsein, über aufstieg und untergang - wen interessiert die wahrheit, die sich hinter den schlagzeilen der sensationspresse verbirgt? manipulant „wort“.
das wort als mahnmal – z.b. das „tagebuch der anne frank“ und zahlreiche andere zeitdokumente. sie legen zeugnis ab über irrsinn und wahn. relikte geschichtlicher abgründe, die der welt bis heute die grausamkeit des krieges vor augen führen, in der hoffnung auf besinnung. „blicke sagen mehr als tausend worte“ – doch gesprochenes wort blendet zuweilen, verfälscht durch blicke und gesten. im umkehrschluss haben worte die macht, jede geste und jeden blick lügen zu strafen. das geschriebene wort ist pur und unverfälscht – nackt, keine ausweichmöglichkeit, kein ausweg – schwarz auf weiß kennt es keine gnade!
das wort – allumfassende macht doch auch unendliche kraft, die alles in bewegung hält, ja, berge versetzen kann. „wort-schatz“ – eine reich gefüllte schatzkammer, die preziosen bereithält, raritäten und kostbarkeiten, die darauf warten aufgespürt zu werden. eine unendliche, über die jahrhunderte gewachsene sammlung im wandel der epochen – bis heute kein ende absehbar! ein ewiger schatz, aus dem wir schöpfen können. unendliche geschichte! das wort – meine passion und berufung. ich bekenne mich: ich bin ein wort-junkie!
ich erinnere mich heute sehr gut an eine deutsch-stunde. ich mag 12 oder 13 gewesen sein, als hildegard, deutschlehrerin ihres zeichens, uns die aufgabe stellte, die worte „machen“ und „tun“ durch die treffenden verben zu ersetzen. gähnende langeweile machte sich breit ... heute, wenn ich über texten sitze, manchmal ewig nach der passenden vokabel suche, denke ich oft an diese unterrichtsstunde zurück und lasse hildegard hochleben – was mir damals völlig unsinnig und stupide erschien, bereitet mir heute hochgenuss. ich ruhe nicht eher, bis mir das wahre, das in meinen augen treffendste wort einfällt für das, was ich ausdrücken möchte. ich recherchiere, durchforste den wortschatz, auf der suche nach der nadel im heuhaufen und erlebe unbändige freude, wenn ich das passende gefunden habe. das wort, das meinem urteil genügt. das wort, das eine aussage so treffend macht, dass ich mich hundertprozentig in ihr wiederfinde. faszination „wort“. der weg ist das ziel – die richtige wortwahl ein treuer begleiter auf dem weg dorthin, in tiefer überzeugung es zu erreichen. das wort als wegbereiter der menschlichen evolution - die „schöne neue welt“ wäre undenkbar ohne das wort, ohne die hinterlassenschaften, die schriften der bedeutenden wissenschaftler – grundlage der gesamten entwicklung, der welt. worte – sie sind der motor, die wegweiser und die treibende kraft für all unsere taten.
danielle de bie
pool journal